Moment mal: Liebe ist für alle da
Foto: darcyandkat, Flickr, CC BY-NC-SA 2.0

Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) hat beschlossen, die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften der Trauung zwischen Mann und Frau gleichzustellen. Mehr noch, statt von Einsegnung zu sprechen, wird die EKiR die Eheschließung vor Gott in ihren Kirchen als Trauung und also das, was der deutsche Staat als eingetragene Lebenspartnerschaft benennt, als das be(ur)kunden was es ist: eine Ehe.

Synodale Kirchenleitung in Aktion

Die Entscheidung fiel nach einem jahrelangen, sensibel geführten Diskussionsprozess, nach respektvollen Beratungen in der Synode und durch zwei Abstimmungen, in denen sich die Synodalen mit überwältigenden Mehrheiten für die Anerkennung aussprachen. So sieht das synodale System der evangelischen Landeskirchen in Aktion aus, wenn sich wirklich etwas bewegt.

Mich freut besonders, dass auch die leidige Sonderbezeichnung gefallen ist. Nach evangelischem Verständnis ist die Ehe kein Sakrament oder, gut lutherisch, ein weltlich Ding. De facto handelt es sich bei der Trauung also so oder so um eine simple Segnungshandlung. Kein Grund, sie je nach Empfänger des Segens anders zu benennen. Es ist nicht die Kirche, die der Homo-Ehe ihren Segen erteilt. Es ist der Segen Gottes – unverfügbar, allen zustehend – der nun ohne Einschränkung im Rheinland verkündet wird. Das gilt nachträglich auch für alle bereits unter der alten Regelung durchgeführten Segnungen.

Und die anderen Landeskirchen?

Unter den 20 evangelischen Landeskirchen hat die EKiR die weitestgehende Regelung getroffen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hatte die Segnung von Lebenspartnern mit der kirchlichen Trauung bereits gleichgestellt, dort ist aber die nachträgliche Anerkennung als Trauung nicht möglich und es wird weiter von Segnung gesprochen.

In den übrigen Landeskirchen ist eine Segnung unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Nur in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen haben sich die Synoden zu keiner Regelung durchgerungen, sondern beharren in ihrer Mehrheit auf der Exklusivität der Ehe zwischen Mann und Frau.

Ein Ende hat damit in der EKiR nicht nur die Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Ehen, sondern auch die örtlich differente Praxis. Denn es ist durchaus vorstellbar, dass vor Ort Pfarrerinnen und Pfarrer bereits von Trauung sprachen, wenn sie eine Einsegnung vornahmen.

Weiter als die Bundesregierung

Gelegentlich wird darauf hingewiesen, dass die EKiR sogar über den aktuell gültigen Stand der deutschen Gesetzgebung hinausgeht, die zwar die eingetragenen Lebenspartnerschaften bis auf Fragen des Adoptionsrechts und eben die Bezeichnung weitgehend gleichgestellt hat, aber eben nur weitgehend.

Weitgehend, das ist es, was sich die Sozialdemokraten sagen lassen müssen, die zu Beginn der Legislatur weitere Verbesserungen erreichten, sich nun aber scheinbar damit abgefunden haben, dass mit der CDU/CSU und Frau Merkel keine weiteren Fortschritte erzielt werden können.

So.

So. Man kann sich berechtigte Sorgen über die Folgen der EKiR-Entscheidung für die Ökumene und die EKD machen. Man kann sich darüber sorgen, was die Entscheidung für den Dialog mit den Evangelikalen außer- und innerhalb der Landeskirchen bedeutet. Man darf sich darüber wundern, wie es einer evangelischen Landeskirche gelingt, ohne sichtbare Verlierer einen großen Schritt demokratisch zu legitimieren.

Und wenn man damit fertig ist, darf man gratulieren. Danke EKiR! In diesem Sommer werde ich mit meiner Frau in der Taufkirche Luthers „vor den Altar treten“. An unserer Hochzeit, die wir anders als die standesamtliche Trauung fett feiern wollen, werden selbstverständlich auch Homosexuelle teilnehmen. Ich kann ihnen jetzt leichter in die Augen schauen.

Das war noch nicht alles und der Kampf für die Gleichstellung aller Liebenden in Staat und Gesellschaft und Kirchen geht weiter. Manchmal mag sich dieser Kampf wie eine Sisyphosaufgabe anfühlen. Jetzt können wir einmal an- und innehalten und uns ins Tal hinabwenden – wie weit sind wir schon gekommen? Gott sei Dank.

Ein Kommentar

  1. Die Liebe ich für alle da? Haben Sie eine Ahnung, lieber Herr Greifenstein! Die Liebe, wenn’sich nicht nur Sexualität sein soll, gehört eingehegt in die Ehe als „Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit der grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben“, so der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx.
    Darum kann’s auch keinen Segen geben. Evangelisch-württembergisch liest sich das so: »Die pietistisch geprägte „Lebendige Gemeinde“, der größte sogenannte Gesprächskreis im Kirchenparlament, sieht „die Ehe von Mann und Frau als eine einzigartige Schöpfungsgabe an, die unter Gottes besonderem Segen steht.“ Für öffentliche Segnungsgottesdienste anderer Lebensformen als der Ehe von Mann und Frau „sehen wir keinen kirchlichen Auftrag“, heißt es. „Die württembergische Landeskirche ist die einzige der 20 Landeskirchen in Deutschland, die sich dagegen ausspricht, den göttlichen Segen zu einer solchen Partnerschaft zu geben.“
    Doch man verkenne die rabulistischen Fähigkeiten meiner Landeskirche nicht: »Allerdings könnten sich homosexuell empfindende Menschen im Rahmen der Seelsorge segnen lassen. „Dabei werden die Menschen gesegnet, nicht die Partnerschaft.“«
    Das ist doch nicht nichts!
    Theologisch interessant ist die Segensverweigerung. Offensichtlich meint meine Landeskirche über die göttliche Gnade verfügen zu können. Sie hat – bereichsweit – das evangelische Segensmonopol.
    Welche Anmaßung! Wer Gottes Segen so verwaltet und zuteilt, vergisst, wer und was in der Verantwortung der Kirche und ihrer bekenntnistreuen Bevollmächtigten so alles gesegnet wurde.
    Ich persönlich habe es immer für problematisch gehalten, als Segensspender aufzutreten. Der Pfarrer, der theatralisch die Hände zum Segen erhebt (Der Herr segne euch…), wird leicht als ein solcher verstanden. Immer habe ich den Abschlußsegen als Gebet formuliert und mich eingeschlossen: Der Herr segne uns … Doch ich weiß, dass manches Gemeidemitglied den Segen gern direkt zugesprochen bekommen hätte, durch mich als Vermittler.
    Fußnoten: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ehe-fuer-alle-katholische-kirche-fordert-festhalten-an-traditioneller-ehe-a-1154933.html
    http://www.evangelisch.de/inhalte/144544/23-06-2017/gottes-segen-fuer-die-regenbogen-ehe-wuerttemberg
    Über das katholische Monopol der Gnadenvermittlung will ich mich nicht weiter auslassen, aber an Luthers Ablehnung des Ablasses erinnern. Dieses Monopol hat er erfolgreich aufgebrochen. Die württembergische Landeskirche versteht sich zwar als Kirche lutherischen Grundcharakters (Theophil Wurm, Der lutherische Grundcharakter der württembergischen Landeskirche, Stuttgart 1938). Aber die Definitionsmacht über die Gnadenmittel gibt man so schnell nicht auf.

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