Moment mal: Bibellesen mit Ulrich Parzany
Foto: proChrist (M. Weinbrenner)

Die Evangelikalen streiten sich. Angestupst durch ein Gespräch von Michael Diener, dem Vorsitzenden der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), mit der Tageszeitung DIE WELT diskutieren sie ihren Umgang mit Homosexualität und deshalb natürlich wieder über die Bibelauslegung. Ulrich Parzany hat sich in diesen Streit geworfen: Mit einem offenen Brief und einer weitergehenden Erklärung über die Bibel als Wort Gottes.

Mir geht es hier aber gar nicht darum, wieder über Homosexualität zu streiten [1] oder über das, was Tobias Faix so schön als Ambiguitätstoleranz bezeichnet, sondern mir geht es um Parzanys dringende Aufforderung, die historisch-kritische Exegese „zu überwinden“. Da steht geschrieben:

Die Bibel ist Gottes Wort. Sie ist Urkunde der Offenbarung Gottes. Die historisch-kritische Bibelauslegung wird dieser Tatsache nicht gerecht und ist zu überwinden. Es ist völlig unakzeptabel, dass die historisch-kritische Bibelauslegung in der Ausbildung der Pfarrer nach wie vor eine beherrschende Rolle hat.

Da habe ich mir gedacht, wäre es doch gut, sich einmal anzuschauen, wie denn Ulrich Parzany stattdessen gerne die Bibel lesen und lehren möchte – und zwar ganz konkret. Wie ein Kind also höre ich mal hin, was Onkel Parzany mir hier mitgebracht hat:

Parzany, der alte Räuber, führt hier ganz gut vor, auf was das Bibellesen und -lehren herausläuft, wenn es nicht durch die historisch-kritische Exegese informiert wird.

Wer führt Regie?

Die ersten Nachfolger_innen Jesu sind bei ihm allesamt tatkräftige junge Kerle im Alter von 18 bis 25, in Saft und Kraft, gar „die Besten“ (4:10 min). Ich dachte bisher, Jesus hätte gerade die Geknickten und Gehemmten gerufen. Im Text ist völlig unklar, wer die Kinder zu Jesus bringt, bei Parzany aber sind es selbstverständlich Mütter (1:55 min).

Das Reich Gottes, das den Kindern gehören soll, schrumpft bei ihm auf den Bereich der persönlichen Lebensgestaltung ein. Gestörte Beziehungen heilen, mein Leben nicht von materiellen Werten bestimmen lassen, das ist alles gut und richtig [2], aber das Reich Gottes hat nicht nur diese persönliche Dimension, sondern gut biblisch auch je eine soziale, politische, eschatologische, usw. Dimension. Das Reich Gottes bei Parzany bedeutet, das Gott „die Regie in meinem Leben“ hat, nicht mehr (5:40 min).

Parzany verkürzt auf diese Weise – eine fast schon typische Krux der evangelikalen Theologie – ein weltumspannendes, zeitloses und doch konkretes Geschehen, auf das, was ihm besonders wichtig ist: Die persönliche Hingabe an Jesus und die daraus folgende Befolgung einer „biblischen Ethik“ [3].

Die vorliegende Bibelstelle nimmt Parzany für seine Verkündigung als nichts weiter wahr als einen willkommen Anlass zum Beispiel über Vergebung der Sünden (10:00 min) oder den Schöpfergott (2:35 min) zu sprechen. Respekt gegenüber dem jeweilig vorliegenden Text sieht anders aus. Für Parzany verkünden alle Texte der Bibel das Gleiche, deshalb kann zu jedem Text auch alles Mögliche gesagt werden.

Besonders ärgerlich ist es – auch wenn er sich da wiederum im „Mainstream“ der Auslegungen dieses Bibeltextes befindet -, dass er die Kinder nur als Beispiel eines unverstellten Denkens und Fühlens gelten lässt, die man natürlich nicht nicht „verbilden“ dürfe (6:15 min) [4]. Kinder wären besonders darin, sich einfach etwas schenken zu lassen. Damit trifft er meiner Meinung nach überhaupt nicht den Sinn des Textes. An anderer Stelle habe ich dazu geschrieben:

Das Kind steht nicht für einen Idealzustand des Vertrauens und der Naivität. Dann wäre die Kindheit das absolute Ziel und die Ermächtigung und Befähigung, das Wachstum von Menschenleben nicht in Gottes Ratschluss. Das Kind ist das mächtige Symbol für den Anfang. Des Anfangs jedes Menschen, seiner Geburt, der Anfänge jedes Menschenlebens, seiner Wiedergeburt.

Ein Geschenk

Die historisch-kritische Exegese ist nicht der Heilige Gral. Aber sie bewahrt uns davor, der Bibel unseren Willen aufzuzwingen, nur zu lesen, was uns gerade in den Kram passt. Sie hat wichtige Erkenntnisse hervor gebracht, die uns heute das Geschehen um diesen Jesus aus Nazareth und seine Jünger_innen besser verstehen lässt.

Sie hat meine Bibellese komplexer und reicher gemacht. Sie nimmt die Texte in ihrer Unterschiedlichkeit ernst und verkauft die Menschen nicht für dumm, sondern nimmt sie als Adressaten des Evangeliums ernst, das sich an Kopf und Herz gleichermaßen richtet. Die historisch-kritische Exegese ist ein Geschenk. Parzany im Video:

Man wird mit dem Alter nicht frommer, nicht bereiter, sich beschenken zu lassen, sondern man wird eher härter, selbstgerechter. Man möchte gerne zurückschauen auf das, was man alles geleistet hat im Leben. Kann doch nicht alles umsonst gewesen sein. Man kann was vorweisen. Kindisch. (8:45 min)

Amen, Herr Parzany.

 


  1. Den Komplex „Homosexualität und Kirche“ haben wir auf theologiestudierende.de schon mehrmals thematisiert. Siehe hier und hier und hier die Übersicht aller weiteren Artikel zum Thema. Auf meinem eigenen Blog habe ich hier und hier verschiedene Aspekte des Themas aufgenommen.
  2. Was stellt Parzany eigentlich mit den vielen Menschen an, die trotz persönlichem Bekenntis die Auswirkungen der Gottesherrschaft nicht spüren? Preist der Auferstandene im Johannesevangelium nicht gerade diejenigen selig, die nicht spüren oder sehen und dennoch glauben (Joh 20, 19-29)?
  3. Ich weiß wirklich nicht, was „biblische Ethik“ eigentlich sein soll. Den ersten Teil unserer Bibel haben wir uns aus dem Judentum geborgt – deshalb sollten jetzt alle ethischen Maßstäbe des Ersten Testaments auch heute gelten? – und auch der zweite Teil enthält keine in sich schlüssige, widerspruchslose Ethik (Bergpredigt/Paulus). Wie sollte „biblische Ethik“ ohne Auslegung der Schrift funktionieren?
  4. An dieser Stelle ist Parzanys unterschwelliger Antiintellektualismus ganz gut zu beobachten. Das ist besonders tragisch, weil der Pietismus ja keineswegs bildungsfeindlich sein muss, wie schon August Hermann Francke mit seinen Schulgründungen in Halle gezeigt hat. Herzensfrömmigkeit und Wissenschaft müssen sich nicht ausschließen.
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2 Kommentare anzeigen

  1. Joe

    Ein ehemaliger FSR-Kollege grüßt und dankt für diesen Beitrag.

  2. Der Text kommt rüber als eine blinde Abrechnung mit Parzany. Erklärt dieser, dass Jesus junge Kerle zu seinen Jüngern berufen hat (was ja der Fall ist), Kerle mit Saft und Kraft, wird hier darüber gejammert, dass Parzany nicht auch auf die Schwachen und Gebrochenen eingeht…

    Aber eine Stelle karzt mich besonders im Halse: Hier meint der Kritiker an einem Fallbeispiel die Schlagfertigkeit der HKM gegenüber der Auslegungsmethodik von Parzany demonstrieren zu können. Ich denke, dass ist aber gerade hier ein dicker Fail: Denn die HKM kommt ja gerade erst dann mit ihren Füchten und Unfrüchten zum Tragen, wenn es darum geht, Korrelation, Analogie und Kritik zum Tragen zu bringen (Troeltsch https://de.scribd.com/doc/30925656/Troeltsch-Historisch-kritische-Methode). Mich hätte daher viel mehr interessiert, welche Früchte die HKM bzgl. einem Kernthema des christlichen Glaubens (womit dieser vielleicht sogar steht und fällt) zu bringen hätte: Die Auferstehung Jesu.

    Aber hier, an einer Mini-Andacht auf seichten Niveau, gerichtet an ein breites Zielpublikum, die Lupe der 100%-Korrektheit anzusetzen, ist wohl albern. Als Gegenbeispiel könnte nach hunderten Sonntagspredigten suchen, die so manchen Text geradezu vergewaltigen. Eine solche war auch übrigens der Anlass für ein Projekt von fünf Studenten der Theolgoie, dass sehr gelungen ist: https://bekenntnis95.wordpress.com/

    Naja, und der Schluss: Wie gesagt, hat die Wirkung einer Abrechnung. Mit dem Ende wird die auch noch arrogant und selbstgerecht.

    Was ich mich nur Frage: Ist dem Autor bewusst, mit was für einer Perspektive er auf Parzany schaut? Wäre ich dessen Mentor, ich würde ihm raten, zu ignorieren jenen Geist, der stets verneint.

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