EKD-Geldhahn zu für idea? Überlegungen zu einem konservativ-evangelikalen Leitmedium
Bild: Screenshot idea.de

Vor ein paar Wochen, kurz nach den Terroranschlägen von Paris, hatte es die evangelikale Nachrichtenagentur idea mal wieder geschafft. Sie veröffentlichte einen wirklich ekligen, hetzerischen Kommentar auf ihrer Internetseite, der die Anschläge in direkten Zusammenhang mit der angeblich zu liberalen Haltung der EKD gegenüber dem Islam in einen Zusammenhang brachte. Der Text ist kurze Zeit später wieder von der idea-Seite verschwunden, aber glaubt mir, er war wirklich jenseits jeder Diskussionswürdigkeit.1

Heute sehe ich mich trotzdem zum ersten Mal in meinem Leben in der Position, dass ich idea in Schutz nehmen möchte. Ja, ich bin auch überrascht.

Ich will jedoch nicht verteidigen, dass die Redaktion sich zur Veröffentlichung eines derart garstigen Artikels hinreißen lies. Interessanter finde ich, was danach geschah: Es gab heftige Kritik von verschiedenen Bloggern; idea nahm den Text offline; der idea-Chefredakteuer Helmut Matthies formulierte auf Facebook eine halbherzige, unprofessionelle Entschuldigung. Der Kommentar sei „in seiner Wortwahl und in seinem Vergleich unangemessen und falsch“ gewesen.2 Zeitgleich stellte der ehemalige SPD-Politiker Ulrich Kasparick auf seinem Blog Nachforschungen an und stellte fest, dass die EKD selbst idea mit etwa 130.000 € im Jahr finanziell fördert. Sogleich forderte er die EKD auf, diese Förderung einzustellen: „Ich möchte nicht, dass die EKD diese Agentur aus meinen Kirchensteuerbeiträgen weiterhin unterstützt. Und ich vermute nicht ohne Grund, dass andere Kirchensteuerzahler meine Auffassung teilen.“

Ich glaube nicht, dass die Forderung von Kasparick der richtige Weg wäre. Klar, idea leistet sich viel zu häufig solche „Fehler“ (wie Helmut Matthies sie nennt), die die Spaltung des Christentums in seine verschiedenen Lager weiter vorantreibt. Klar, idea hat sich ihren Ruf als „christliche Bild-Zeitung“ über die Jahre verdient. Auf der anderen Seite muss ich aber feststellen, dass die Rechnung der EKD im großen und ganzen aufgegangen ist: idea wird im evangelikalen, explizit kirchenkritischen Raum breit rezipiert und ist doch zugleich ein vergleichsweise gemäßigtes Medium. Man schaue sich nur mal zum Beispiel die Geschichte von kreuz.net an, um zu sehen, wie die Selbstradikalisierung eines konservativ-alternativen Mediums völlig aus dem Ruder laufen kann.

Der EKD ist es mit idea gelungen, ein alternativ-konservatives Medienangebot an sich zu binden, das als „Auffangbecken“ besonders für evangelikale Glaubensgeschwister dient. Gäbe es idea nicht, würden diese Menschen ihre gruppenspezifischen Informationen aus anderen, radikaleren und journalistisch-redaktionell schlechter abgesicherten Quellen beziehen. Außerdem stehen die EKD und die Landeskirchen in Kontakt mit idea und können auf diese Weise mit evangelikaleren Christen in Deutschland im Gespräch bleiben. Dieses Gespräch scheint mir auf mehreren Ebenen dringend notwendig zu sein. Es stimmt nämlich, dass ein Christentum konservativerer Prägung innerhalb der EKD unterrepräsentiert ist und deshalb auch manch berechtigter Frust gegenüber der EKD durch idea kanalisiert wird.

Dies alles entlässt die idea-Agentur selbstverständlich nicht aus ihrer Pflicht, sich an journalistische Standards zu halten. Auch ich sehe in dieser Hinsicht unbedingten Verbesserungsbedarf; vermutlich hätte die idea-Redaktion aus der jüngsten Affäre sogar personelle Konsequenzen zu ziehen. Die Forderung, die EKD solle idea den Geldhahn abdrehen, halte ich jedoch für keine gute Idee. Stattdessen sollten wir reflektierten, Milieu-spezifischen Journalismus für die gemäßigte evangelikale Szene fördern. Und das kann in meinen Augen mit idea gelingen. Denn auch, wenn ein Geldgeber auf keinen Fall direkt in die inhaltliche Arbeit einer Redaktion eingreifen sollte, können persönliche Kontakte genutzt werden, um einer Radikalisierung entgegenzusteuern.


  1. Der Text war zeitgleich auch kurz auf kath.net sowie der Homepage der Evangelischen Allianz zu lesen. Ich hoffe sehr, dass sich jemand von der EKD unsere Freunde von der Allianz demnächst mal zur Brust nimmt und ein Gespräch über gegenseitigen Respekt führt. So etwas muss doch echt nicht sein.
  2. Die ganze Chronologie der Ereignisse hat Ralf Peter Reimann sehr ausführlich dokumentiert.

2 Kommentare anzeigen

  1. Ich denke auch, dass man die Tür zu den Evangelikalen nicht zuschlagen sollte, auch wenn ich weitgehend anderer Meinung bin als diese und sie in meiner Landeskirche für zu einflussreich halte. Eine Sperrung der Gelder würde nur polarisieren – und nichts nutzen, denn die Evangelikalen sind sehr spendenfreudig.

  2. Mir stellt sich ganz grundsätzlich die Frage, warum die EKD überhaupt Zeitschriften unterstützt? Und, braucht Idea das Geld – immerhin ja „nur“ 130.000 € – um zu überleben?

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