Moment mal: Mutter

Die Frage, wer denn hierzulande die Evangelische Kirche leitet, ist leicht zu beantworten: Deine Mudda.

Am 10. November wählt die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland den neuen Rat der EKD. Präses Irmgard Schwaetzer (73) stellte bereits vor gut einem Monat die Kandidatenliste vor. Erfreulicherweise spiegelt sie die Vielfalt der evangelischen Christen in Deutschland gut wider. Denn der Wahlvorschlag umfasst insgesamt 23 Personen, davon zehn Frauen und 13 Männer. Es kandidieren zehn Theologinnen und Theologen und 13 Personen aus anderen Berufen, die sich ehrenamtlich in der evangelischen Kirche engagieren.

Ein Blick auf die Kandidatenliste

Andererseits ist mir beim Blick auf die Kandidatenliste aufgefallen, dass diese so heterogene Gruppe von Menschen, in einer Frage erstaunlich homogen ist: Ihrem Alter.

Von den insgesamt 23 Kandidaten sind gerade einmal fünf unter 50 Jahren alt. Die beiden mit Abstand jüngsten Kandidaten sind Alexander-Kenneth Nagel (*1978) und Ingo Dachwitz (*1987, @Indiego3000). Dachwitz ist einigen aufmerksamen Lesern von theologiestudierende.de in seinen Rollen als Streiter für das Internet und Jugenddelegierte der EKD bekannt.

Die Überzahl der Kandidaten wurde zwischen 1955 und 1965 geboren. Für diese Zielgruppe werden in Deutschland Magazine mit so klingenden Namen wie LebensLauf, Öko-Test und Landlust vollgeschrieben. Erstaunlich, die Anzahl möglicher Liebhaber der Apotheken-Umschau im Segment der Ü65-Jährigen ist ebenso unterrepräsentiert. Der älteste Kandidat ist der Boehringer Ingelheim-Boss Andreas Barner (*1953).

Auf was zu achten ist

Die Kandidatenliste soll nach dem Willen der Grundordnung der EKD die bekenntnismäßige und landschaftliche Gliederung der Evangelischen Kirche in Deutschland berücksichtigen und außerdem soll auf die Ausgewogenheit des Geschlechterverhältnisses geachtet werden. Doch wer bringt in Zukunft die Perspektive der Jungen und Alten in die Arbeit des Rates ein?

Kann es sich eine alternde Gesellschaft, in der sich viele Menschen Ü65 allenorten und besonders auch in ihren Kirchen engagieren, leisten, auf die Erfahrungen und alterspezifischen Kompetenzen von Menschen jenseits der Berufstätigkeit zu verzichten?

Ist es klug, in einer sich radikal und schnell verändernden Gesellschaft, in der die Evangelische Kirche gerade erst beginnt zu begreifen, wie ihre Rolle in Zukunft aussehen kann, auf den Tatendrang, den frischen Kopf und die alterspezifischen Kompetenzen junger Menschen bei der Leitung unserer Kirche zu verzichten?

Die EKD und mit ihr der Rat wird in den nächsten Jahren immer wichtiger für uns evangelische Christen werden. Umso mehr die Bedeutung der einzelnen Landeskirchen erodiert, bedürfen wir in unserer pluralen, offenen Gesellschaft eines Organes, das im Zusammenspiel mit Medien, Politik und anderen gesellschaftlichen und religiösen Akteuren die spezifisch evangelische Stimme erhebt und hörbar macht.

Wir sind ganz sicher nicht mehr viele Jahre davon entfernt, dass immer mehr Aufgaben der Landeskirchen auf die EKD übergehen werden und damit in den Arbeitsbereich des Rates fallen, der kommende Woche für die nächsten sechs Jahre gewählt wird. Indem wir uns sowohl der Alten wie auch der Jungen enthalten, schaden wir uns in diesem Transformationsprozess nur selbst.

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