Moment Mal: Code. Ethik. Theologie.
Grafik: Max Melzer

Wie weit darf sich Theologie in den Alltag einmischen? Wie weit sollte sich Theologie in den Alltag einmischen? Gibt es auch außerhalb der klassischen Kirchpraxis Aufgabenbereiche, in denen die Theologie einmal versuchen kann, mitzureden?

Ich habe vor einiger Zeit einen interessanten Artikel von Jürgen Geuter (@tante) gelesen, der zwar im Zusammengang mit dem #dieselgate von VW geschrieben wurde, der sich aber einem wirklich wichtigen Thema widmet: Wie viel Ethik muss in Code stecken?

Computerprogramme, Apps für Handys oder Tablets sind in verschiedenen Programmiersprachen „geschrieben“, der Quelltext wird als Code bezeichnet. Dank der fortschreitenden Technologisierung (und diesen Dank spreche ich der Technik zunächst einmal völlig aufrichtig zu) stecken aber mittlerweile auch in ganz alltäglichen Dingen kleine Computer, die Programme – also Code – ausführen. Als Beispiel dient hier häufig der vernetzte Kühlschrank, der uns automatisch sagen kann, wann wir eine neue Milchtüte kaufen müssen oder wann der Joghurt abläuft. Darüber hinaus steckt auch in Autos immer mehr Technik (und damit auch Code). Eben ein solcher Code wurde VW zum Verhängnis, denn er wurde in Fahrzeugen manipulierend benutzt.[1] Der Code von VW, um den es hier geht, beeinflusst die Motorsteuerung und kann die Leistung des Motors beeinflussen – und eben auch die Emissionswerte. Genau diese spielen dann eine Rolle, wenn nur eine bestimmte Menge von ihnen ausgestoßen werden darf. VW programmierte die eigenen Autos so, dass die Emissionswerte nur unter bestimmten Testszenarien eingehalten wurden, keinesfalls aber unter Realbedingungen – denn „im Sinne“ der Endverbraucher*innen möchte man nicht auf Leistung verzichten.[2]

In seiner Kolumne zeigt Jürgen Geuter ganz eindrucksvoll, dass Code zunächst einmal neutral ist – ein Programm an sich ist erstmal nicht gut oder schlecht, aber es vollzieht eine Tätigkeit, die gute oder schlechte Folgen haben kann. Der Code kann nichts dafür, was er macht, auf jeden Fall aber diejenigen Menschen, die ihn geschrieben haben. In der Folge gibt es guten Code und es gibt bösen Code. Gerade Fälle wie das #dieselgate zeigen, welche Auswirkungen Code eigentlich haben kann, denn dort wurde sich ganz bewusst über Umweltauflagen hinweggesetzt, bzw. diese erst durch einen Trick bestanden. Natürlich ist die Automobilindustrie ein hartes Business, doch genau da kommt der ethische Aspekt ins Spiel. In diesem Fall muss es die Aufgabe der Ethik sein, darüber nachzudenken, wie weit der Code gehen darf. Um im Beispiel zu bleiben: Möchten wir vortäuschen, dass unsere Autos bei steigender Leistung vermeintlich sparsamer werden?

Was hat das mit Theologie zu tun? Wenn etwa in Schulen überhaupt Informatik unterrichtet wird, dann liegt der Fokus wohl eher nicht auf Ethik.[3] Ich mache mir gerne Gedanken, was ich mit meiner theologischen Ausbildung eigentlich sonst noch so machen kann, abseits vom Pfarramt. Bei Ethik klingelt es da natürlich. Sehr gut könnte ich mir vorstellen, dass Theolog*innen Coder*innen beraten (oder im besten Fall selbst Code schreiben). Dabei muss natürlich nicht das „Wort Gottes“ verkündet werden – nein, das geht völlig konfessionsfrei. Wir können abwägen und bei der Entscheidung, ob und wie welche Dinge im Code stehen sollen. Eine großes Wirtschaftsunternehmen wird sicher sicherlich trotzdem nicht davon abhalten lassen, bösen Code zu schreiben, aber wir können die Welt ein klitzekleines Stück besser machen.


  1. Grundsätzliches: Wer mir auf Twitter folgt oder schon einmal mit mir gesprochen hat, weiß, dass ich dem Autoverkehr besonders in Städten sehr kritisch gegenüberstehe. Besonders kritisch sehe ich deshalb auch, dass viele die zunehmende Technologisierung im Autoverkehr als Innovation betrachten – in meinen Augen löst ein mit Technik vollgestopftes Auto nicht die innerstädtischen Probleme des Individualverkehrs. Ich möchte in diesem Artikel aber nicht darauf eingehen, es soll ja schließlich um Code und Theologie gehen. Nur kurz: Fahrt Fahrrad, erobert die Straßen zurück!  ↩
  2. Alle Verbrauchsangaben sind reinste Augenwäscherei, denn sie sind immer unter idealen Laborbedingungen getestet und im Alltag wenig repräsentativ. Wer sich schonmal getresste Autofahrer*innen im Stau angeschaut hat, die im Stop & Go immer mit Vollgas anfahren und so natürlich einen Mehrverbrauch erzeugen, weiß, was ich meine. Autofahren ist und bleibt schmutzig und verbraucht ständig fossile Brennstoffe – und über den (Un-)Sinn von Elektroautos diskutieren wir gerne an anderer Stelle.  ↩
  3. Für Interessierte gab es auf der letzten re:publica einen Vortrag zum Thema.  ↩

4 Kommentare anzeigen

  1. Ob das so ne gute Idee ist, die Debug-Meldungen auf der Seite ausgeben zu lassen…?

    Aber zum Thema: Guten oder schlechten bösen Code gibt es nicht. Ist analog zu „Waffen bringen keine Menschen um, Menschen bringen Menschen um.“
    Jetzt kann man sich überlegen, welchen Zweck Waffen haben sollten außer denjenigen, zu töten. Bei Messern denke ich dabei ans Kochen und ans Butterbrotschmieren, bei Gewehren denke ich an die Jagd zur Erhaltung der Natur (sic!) oder (eher bei Pistolen) an die Polizei und das Durchsetzen der öffentlichen Ordnung.
    Selbst die Atombomben hatten bisher vor allem den Zweck, abzuschrecken. Was nicht heißt, daß das alles nicht auch anders eingesetzt werden könnte, es ist bloß nicht so leicht zu entscheiden.
    Code ist da spezifischer und meist auf genau eine Verwendung hin ausgerichtet. Nur ist der Code ja in der Verwendung auch nicht per se böse, er wird ausgeführt wie er da steht. Böse ist höchstens die Intention des Programmierers, der seine „Superkräfte“ zum Schlechten und nicht zum Guten einsetzt und folglich zum „Superschurken“ und nicht zum „Superhelden“ wird (erstaunlich, was man alles auf Comic Heft Niveau runterbrechen kann).

    Das Problem ist also immer der Mensch und was er macht, nicht das Werkzeug, das er dazu benutzt.

    Ethik ohne Gott geht wunderbar, ist ja auch ein Teilgebiet der Philosophie, nur mußt Du dann keine Theologie studieren, da reicht dann Philosophie, bzw. wäre besser geeignet, wenn Du genau darauf hinaus willst.
    Da kannst Du Dir dann Gedanken machen, was guter Umgang mit Code ist und was böser Umgang mit Code ist. Nur stellt sich die Frage, wenn Du das Ganze beruflich machen willst und nicht als Hobby nebenher, wie Du damit Geld verdienen willst.
    Einstellen lassen von nem Konzern ist da wohl eher nicht, weil dort ist man vor allem an Geld interessiert. Da wärst Du dann schon von daher angreifbar.
    Einfach so darauf hoffen, daß Geld rein kommt? Vielleicht ein paar Bücher schreiben die Interessierte hoffentlich in Massen kaufen?
    Könnte ein Weg sein. Ich sehe allerdings nicht, daß es viele Menschen gibt, die sich Bücher zur IT-Ethik in den Schrank stellen. Zumal sich vieles wiederholen würde, denk ich mal, im Vergleich zu den Überlegungen aus der Zeit der Entwicklung von Atom- Neutronen- und Wasserstoffbomben…

    Ein Problem was ich bei VW zu sehen glaube ist, wie man mit Regeln oder Gesetzen ethisch umgeht. Hält man sich sklavisch an den Wortlaut oder folgt man eher der Intention der Regel?
    VW hat seine Software dahin getrimmt, unter bestimmten Umständen bestimmte Motorwerte zu erreichen. Ein Betrug ist das bei wortwörtlicher Lesart erst, wenn es eine Regel gibt, die genau das verbietet. VW kann ja nix für die Testkriterien und das die nicht verallgemeinerbar sind. Da liegt der Betrug vielleicht eher oder doch auch zum Teil auf der Seite derjenigen, die die Leute glauben machen, solche Tests würden irgendwelche allgemeingültigen Aussagen über den Motor zulassen.

  2. Das ist ein schon uraltes Problem, fast so alt wie der Computer selbst. Die Freie-Software-Bewegung, vertreten durch die Free Software Foundation, setzt sich für ethische Software ein (https://www.youtube.com/watch?v=iqdGp-lI44Y&index=1&list=PLZQMfWBUelIjOU2vJ929n0nVRg2gZ43TM), nachdem früh erkannt wurde, dass der Programmierer ungerechtfertigt Kontrolle über den Anwender der Software ausübt, was zu allerlei Missbrauch und unethischem Verhalten führt. Gerade beim VW-Fall zeigt sich deutlich, dass es wohl nicht zur Prüfung dazugehört hat, die Firmware des Autos ebenfalls zu untersuchen, weil dies entweder von VW verunmöglicht wurde oder aber die Prüfer sich wie der durchschnittliche Autofahrer damit abgefunden hat, dass ihnen ausschließlich VW vorgibt, was die Hardware tun kann und was nicht. Stattdessen hätte dieses „Feature“ vor dem Test ausgebaut werden können sollen, sodass VW gar nicht erst in die Verlegenheit gekommen wäre, es überhaupt erst einzubauen. Weil in Zukunft in buchstäblich jedem Ding ein Chip stecken wird (siehe Problembeschreibungen https://www.youtube.com/watch?v=JQ80abaIkq4, http://www.wired.com/2015/04/dmca-ownership-john-deere/), ist es Gebot der Stunde, dass Entwickler und Nutzer von den Herstellern einfordern müssen, dass die Besitzer von Soft- und Hardware mit dieser tun und lassen können und dürfen, was sie wollen, sodass die ethische Abwägung dann auf sozialer Ebene stattfindet und nicht per Diktat von außen. An der Stelle sollte möglichst eine starke Nutzer-Lobby, so etwas wie eine „Gewerkschaft der Anwender“ (analog zur Lösung des Problems der Ausbeutung in Zeiten der industriellen Revolution) entstehen, um den Vorstellungen der Konzerne, die sich digital betätigen, etwas entgegen setzen zu können.

    Die Christen machen in der Frage nach meinem Eindruck übrigens eine überaus schlechte Figur.

  3. Verstehe ich Dich richtig? Würdest Du so weit gehen, zu verlangen, daß nur noch Open Source Software eingesetzt werden soll? Oder soll einfach nur sämtliche Hardware mit alternativer Firmware betrieben werden können?

    • Vorab ein kleiner Hinweis: „Open Source“ ist ein Begriff, der ins Leben gerufen wurde, um das ethische Anliegen der Freien Software auszublenden und stattdessen den Fokus auf die Praktikabilität zu legen (Quelloffenheit zwecks einfacherer Modifikation, lediglich als bessere Programmiermethodik). Damit wollte und will man für Firmen attraktiv werden, die sehr wohl von der besseren Methodik profitieren möchten, aber nicht im Geringsten dazu bereit sind, die Abhängigkeiten zu reduzieren und die Kontrolle abzugeben, die sie zwecks Geschäftsmodell absichtlich künstlich aufgebaut haben. Durch die Vermarktung als „Open Source“ ist das Wissen um die ethische Problematik bei den meisten Anwendern von frei lizenzierter Software praktisch nicht vorhanden.

      Dass frei lizenzierte Software statt proprietärer in ausnahmslos jedem Fall zum Einsatz kommen sollte, wurde traditonell nicht gefordert, weil es ja bei Haushaltsgeräten und dergleichen keine Möglichkeit gab (für niemanden, auch nicht für den Hersteller), eine neue Firmware einzuspielen, da die Software fest in den Chip eingebrannt war. Der Anwender hätte seine digitalen Grundrechte daher ohnehin nicht ausüben können, ohne den Chip zu zerstören. Heutzutage und mit dem Internet of Things im Hinterkopf verschiebt sich das ein wenig, weil die Komponenten zunehmend programmierbar sind. Als Faustregel könnte gelten: Wenn das Gerät eine Schnittstelle hat, über welche Software eingespielt werden kann, dann sollte Wert auf frei lizenzierte Software gelegt werden. Man könnte noch hinzufügen, dass es unerheblich ist, ob diese Schnittstelle durch eine Aussparung im Gehäuse oder nur intern zugänglich ist, oder gar durch besondere Maßnamen für den Eigentümer des Geräts und Dritte unbenutzbar gemacht werden soll.

      Ich halte es übrigens auch für wenig zielführend, wenn einfach nur Firmware eines alternativen Anbieters eingespielt werden könnte, weil man dann zwar z.B. die Wahl zwischen einer VW- und einer Audi-Firmware hätte, aber bei beiden dann nicht nachschauen könnte, was die in welchem Fall konkret machen. Magische „Black Boxes“, die sagen: vertrau meinem Anbieter, der wird schon alles richtig und in deinem Interesse gemacht haben – von wegen, die Interessen des Unternehmens konfligieren doch immer mit jenen des Kunden (man denke nur allein an den Preis als Folge des Anbietermonopols bei restriktiv lizenzierter Software), und der proprietäre Code im Produkt erlaubt es, erstere eher durchzusetzen. Stattdessen hätte bei frei lizenzierter Software der Quelltext inspiziert werden können, was zwar nicht zwangsläufig heißen muss, dass dies auch tatsächlich geschieht, jedoch eröffnet es wenigstens überhaupt einmal die Chance, solche Anti-Features früher finden zu können. Nicht nur das: man hätte auch die Möglichkeit gehabt, dieses Feature auszubauen und neue einzubauen, und die modifizierte Firmware mit anderen Autobesitzern und Werkstätten zu teilen. Jetzt ist natürlich bei einem Auto das Problem, dass sich dann jeder eine eigene Firmware basteln und mit der dann im Straßenverkehr Amok fahren könnte, aber an der Stelle würde man dann einfach den Firmware-Ersteller in die Haftung nehmen oder denjenigen, der sie eingespielt hat, je nachdem, wie die Haftung in der Nutzungslizenz geregelt wurde (bei freier Software weist der Entwickler die Haftung für gewöhnlich von sich und man kann die sich entweder extra einkaufen, oder man sollte sich sehr gut überlegen, welche Firmware man einspielen will). Vorteilhaft wäre sicher auch, dass Autobauer nicht jeweils für sich eigene Firmware entwickeln müssten, sondern auf bestehendes, evtl. auch von Werkstätten und Autoschraubern optimiertes zurückgreifen könnten, sodass da nur die spezifischen Details angepasst werden müssten.

      Gerade bei etwas so komplexem wie einem Auto merkst du wahrscheinlich, dass ich darüber auch noch keine gefestigte Meinung habe, sondern nur die Tendenz, dass gerade wegen der Komplexität es fatal enden könnte, sich in die Hände einiger weniger Experten zu begeben, ohne dass der Einzelne oder auch die Gesellschaft in der Lage wäre, hierauf Einfluss zu nehmen. Langfristig könnte es darauf hinauslaufen, dass wir in einer Welt leben, wo dieser Fall in den USA, wo ein Mietwagen auf der Autobahn einfach stehen geblieben ist, weil der Mieter die Rate nicht bezahlt hat, nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist.

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