Hegels Labyrinth
Foto: marsroverdriver (CC BY-SA 2.0)

Wenn sich jemand zum ersten Mal mit der hegelschen Philosophie beschäftigt, verhält es sich damit wie mit einem Menschen, der ein riesiges Gartenlabyrinth betritt. Die ersten Schritte werden mühsam sein, er wird auf viele Sackgassen stoßen und häufig seine eigenen Schritte zurückverfolgen müssen. Oft wird er versucht sein, das Labyrinth wieder zu verlassen, aber die kleinen Schätze des Denkens, die er an den Rändern entdeckt ermutigen ihn, sich weiter in das Herz des Irrgartens hineinzuwagen.

Mit der Zeit schafft es dieser Mensch, tiefer und tiefer in den Irrgarten vorzustoßen. Irgendwann, nach langem Suchen und Versuchen wir er es in die Mitte des Labyrinths schaffen. Dort findet er überall wahrhafte Schätze der Erkenntnis und Dialektik, die sich für ihn Stück für Stück zu einem großen Ganzen, dem Wahren, zusammensetzen. Lange Zeit durchsucht dieser Mensch die hintersten Winkel und verschlungenen Pfade im Herzen des Labyrinths, durch seinen wachsenden Reichtum an Welterkenntnis angetrieben.

Mit den Jahren wird dieser Mensch vertraut mit den Wegen und Irrwegen im Herzen des Gartens. Er hat es sich eingerichtet in einem schattigen Winkel. Manchmal unternimmt er Spaziergänge durch die engen Pfade, die ihm jeden Tag weniger wie ein Rätsel als wie alte Freunde erscheinen, und sinniert über das Sein an sich und sein denkendes Ich.

Gern hätte dieser Mensch seine gesammelten Schätze der Erkenntnis mit der Welt geteilt, andere in das Herz des Irrgartens hineingeführt, den Vorhang vor ihnen weggezogen und ihnen das reine Dasein des Seins klar vor Augen gestellt. Aber so gut dieser Mensch sich im Herzen des Gartens auskannte, er hatte niemals wieder den Weg zurück aus dem Labyrinth heraus gefunden.

2 Kommentare anzeigen

  1. So true :)
    Hegel ist unglaublich, teilweise empfinde ich ihn zu Lesen sogar irgendwie… meditativ.
    Aber es war ein großer Fehler, alleine in die „Phänomenologie des Geistes“ zu stolpern. Peter Singers Einfühung „Marx. A Very Short Introduction“ ist der perfekte Blindenführer, und von da aus ist es immer verwirrend-aufregend :)

    Sehr schönes Bild!

  2. Max Plöm

    Es gibt noch eine andere Lösung:
    Den ersten Satz, wie er einer Schrift in einer Vorrede nach Gewohnheit voraus geschickt wird – über den Zweck, den Leser zu warnen, woin er erkenne, dass der Verfasser ins Verderben führe oder bei gleichzeitiger Behauptung des selben zu stehen glaubt – scheint bei Hegels Schriften sinnvoll, nachdem man diesen las, dass Buch schreiend zu zuschlagen und nie wieder anzufassen.

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