Lesenswert #22 – Gender, Gottesbilder und Gerechtigkeit

In den USA wurde letzten Monat durch ein umstrittenes Urteil des Supreme Court die staatliche Zivilehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geöffnet. Auch in Deutschland wird schon lange und noch immer leidenschaftlich über Themen der Geschlechtlichkeit und Sexualität gestritten. Hier also ein paar lesenswerte Links.

Da ist nicht Mann noch Frau

Sandra Bils ist eine der bekanntesten deutschen Netztheologinnen. Auf ihrem Blog denkt sie über Feminismus und Gleichberechtigung nach:

Ich will nicht aus allem ein Problem machen, aber sagen dürfen, wo mein Leben als Frau problematisch ist. Denn oftmals bin nicht ich selbst das Problem, sondern die Realität die mich umgibt.

Es fällt mir schmerzlich auf, wie viele Leute, gerade Theologen, sich mit dem Begriff „Feminismus“ schwer tun. Man ist zwar irgendwie für Gleichberechtigung, aber „Feminist“ wirkt in der Tat auf viele „militant.“ Schade, eigentlich.

Wie männlich ist der Gott der Bibel?

Hier ein Text von Othmar Keel, den ich in der Neuen Züricher Zeitung entdeckt habe. Es geht um die gängige Praxis, den Gottesnamen im Deutschen mit „Herr“ wiederzugeben:

Die Ersetzung von Jahwe durch «der Herr» hat die offene Persönlichkeit Jahwes auf eine bestimmte enge, männliche Rolle eingeschränkt und seine schillernde, reiche Persönlichkeit verarmen lassen. Der Aspektreichtum des Geheimnisses, das Undefinierbare («Ich bin, der ich bin»), das der Eigenname Jahwe evozierte, ging dabei weitgehend verloren. Verloren gingen vor allem die weiblichen Aspekte.

Das Thema ist sicherlich kontrovers, aber der Text argumentiert sachlich und unaufgeregt. Das „Herr“ hat sich dem deutschen Christentum vermutlich unauslöschlich eingeprägt. Das muss kein Problem sein, wenn die mit der Bezeichnung einhergehende semantische Verengung des Gottesbildes im Hinterkopf behalten wird.

Von der Schuld, nicht eins in Christus zu sein

Anne Kampf schreibt auf evangelisch.de darüber, wie auf dem Kirchentag in Stuttgart über Diskriminierung und Minderheitenschutz nachgedacht wurde. Da war zum Beispiel Peter Dabrock, der die Kirche aufrief, sich ihrer „Unterlassensschuld, nicht eins in Christus sein zu wollen“ bewusst zu werden.

Er berief sich auf die Bibel und zitierte aus dem Galaterbrief (3, 28): „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Das sei eine Vision von christlicher Gemeinde. „Niemand darf sich auf den christlichen Glauben berufen, wenn er Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung verurteilt“, sagte Dabrock. „Wenn diesem menschenwürde- und glaubenswidrigen Treiben, andere wegen ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren, nicht entschieden Einhalt geboten wird, laden wir heute und morgen Schuld auf uns.“

Es ist bekannt, dass es eine lange und blutige Geschichte der kirchlichen Verfolgung von Minderheiten, gerade Homosexueller gegeben hat. Diese Geschichte ist zwar längst nicht mehr so blutig, dennoch geht sie bis zum heutigen Tag weiter – und sei es nur in unserem Schweigen gegenüber dem Unrecht.

Die Witzbilder der Bibel muss man suchen

Um dieses Lesenswert auf einer positiven Note enden zu lassen: Eine kurze Betrachtung von Karin Vorländer zum Humor in der Bibel:

In der ersten Kömodie der Bibel, in 1. Samuel 21,11-16, stellt David sich äußerst gewitzt wahnsinnig, um seinem Verfolger Saul zu entkommen. Dank seinem verzweifelten Schauspiel bleibt David unerkannt und veranlasst den König von Gat zu den wohl als Bonmot überlieferten Seufzer: „Ich habe doch am Hofe wahrlich genug Wahnsinnige – was wollt ihr mit einem weiteren?“

Unter Lesenswert sammeln wir regelmäßig lesenswerte Texte zu theologischen, kirchlichen oder universitären Themen. Wenn ihr irgendwo einen guten Artikel gelesen habt, schickt den Link an lesenswert@theologiestudierende.de!

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