Worum es in der Berliner AT-Debatte geht
Das Opfer Abrahams - Lucas Cranach der Ältere, gemeinfrei

„Berlin: Professor fordert Abschaffung des Alten Testaments“ – F.A.Z. vom 21.04.2015

„Antijudaismus in neuem Gewand?“ – Jüdische Allgemeine vom 23.04.2015

„Akademische Debatte oder Verrat an der Bibel?“ – evangelisch.de vom 23.04.2015

Überschriften haben reißerisch zu sein. Das ist ein Grundsatz des Journalismus. Nichts ist aber gewonnen, wenn Überschriften falsche Tatsachen behaupten, die dann kaum hinterfragt von Medienkonsumenten wiedergekäut werden.

Mitnichten hat Professor Notger Slenczka in irgendeiner Weise die „Abschaffung“ des Alten Testaments (AT) gefordert, wie die F.A.Z. titelt. Genauso wenig ist ihm Antijudaismus vorzuwerfen, wie es die Jüdische Allgemeine suggeriert – immerhin geht es Slenczka unter anderem darum, einen latenten Antijudaismus im gegenwärtigen jüdisch-christlichen Dialog aufzudecken. Doch dazu später. Da Slenczka in keiner Weise die Veränderung auch nur einer einzigen Bibelausgabe aufgrund seiner Thesen fordert oder damit begründet sieht, läuft auch die Frage „Verrat an der Bibel?“ ins Leere.

Nun, wenn all das nicht zutrifft, worum geht es denn in der Diskussion um das AT, die Slenczka vor zwei Jahren angestoßen hat, die dann in der Versenkung verschwunden ist, und die Pfarrer Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit einer Pressemitteilung am 7. April 2015 aufs Tapet gebracht hat, weil er hier einen Skandal witterte, über den angeblich aufgrund von Nachlässigkeit geschwiegen worden sei?

Das Opfer Abrahams – Lucas Cranach der Ältere, gemeinfrei

Das Opfer Abrahams – Lucas Cranach der Ältere, gemeinfrei

Die Frage, die Slenczka stellt, ist grundsätzlich: Entspricht die Lehre der Kirche bezüglich des AT ihrem bekenntnismäßigen und theologischen Selbstanspruch oder nicht? Slenczka diagnostiziert eine beträchtliche Unschärfe in dieser Frage, die einer theologischen Klärung bedarf. Sie betrifft das Bild des AT im jüdisch-christlichen Dialog und in der historisch-kritischen Wissenschaft.

Der Argumentationsgang lässt sich in folgenden Thesen in meinen eigenen Worten zusammenfassen:

  1. Die christliche Kirche hat ihrem Bekenntnis und damit Selbstanspruch nach das im Neuen Testament (NT) bezeugte und als Heilsgeschehen gedeutete Ereignis von Christi Tod und Auferstehung zur Norm. Daher gehört zum normativen Kanon das, was für dieses christliche Selbstverständnis der Kirche bestimmend ist.
  2. Das führt dazu, dass die Kirche, die das AT als Teil ihrer Heiligen Schrift betrachtet, das AT ebenfalls als Zeugnis für das Heil in Christus und auf dieses hin, als dessen Wurzel und Grundlage zu lesen hat.
  3. Die gegenwärtige Praxis der Kirche im jüdisch-christlichen Dialog und in der historisch-kritischen Auslegung sieht anders aus: Das AT wird als eigenständige Schrift des jüdischen Volkes wahrgenommen, die unmöglich auf Jesus Christus hinweist. Darin wird das jüdische Volk als politisch-theologische Größe angesprochen und nicht etwa eine Christenheit aus Juden- und Heidenchristen. Eine Vereinnahmung des AT durch die Kirche mittels einer christologischen AT-Deutung wird zumindest im jüdisch-christlichen Dialog als antijudaistische Position abgelehnt.
  4. Aus 3. ergibt sich, dass das AT in der gegenwärtigen kirchlichen Praxis nicht im Sinne einer Norm, die dem Selbstanspruch der Kirche entspricht, verwendet wird. Daher sollte man das AT nicht mehr als Teil des normativen Kanons der Kirche ansehen, womit letztlich nur das Verständnis der bereits gängigen Praxis angepasst würde.

Die eigentliche Brisanz der These Slenczkas besteht also nicht etwa darin, dass dem AT ein anderer Rang zugeteilt werden müsste. Das wäre demnach gar nicht der Fall, dieser müsste nämlich nur noch anerkannt werden! Sondern darin, dass, solange das AT in der Kirche als normative Schrift anerkannt wird, der jüdisch-christliche Dialog seitens der Kirche ihrem Selbstverständnis und ihrem Selbstanspruch nach unmöglich ist.

Das gilt immer, wenn sich die Kirche auf das AT als „gemeinsame“ textliche Grundlage mit dem Judentum beruft. Inwiefern kann eine textliche Grundlage denn „gemeinsam“ sein, wenn einer der Gesprächspartner seinem Selbstanspruch nach den Text unter einer dezidiert anderen hermeneutischen Perspektive wahrnimmt?

Um das Dilemma aufzulösen, scheint es mir drei Möglichkeiten zu geben:

  1. Entweder man zeigt schlüssig und wissenschaftlich ausweisbar die zwingende Notwendigkeit auf, das AT christologisch zu deuten und beweist damit, dass die hermeneutische Perspektive der gegenwärtigen historisch-kritischen Forschung und des jüdisch-christlichen Dialogs sowie des Judentums überhaupt unzutreffend ist oder
  2. man zieht die Konsequenz, dass das AT kein Teil des normativen Kanons der Kirche ist. Schließlich noch die sehr heikle Möglichkeit:
  3. Man versteht die Berechtigung der Kanonizität des AT nicht notwendigerweise als historisch-kritisch ausweisbar – z.B. in dem Sinne, dass die Zugehörigkeit zum Kanon eine Bekenntnisfrage ist. Damit wäre das Problem wieder ein innerdogmatisches. Dann aber müsste man aufgrund des unterschiedlichen hermeneutischen Zugangs die Vorstellung fallenlassen, dass das AT eine gemeinsame Grundlage des Christentums mit dem Judentum sei. Der Dialog seitens der Kirche wäre damit als „missionarisch“ zu bezeichnen.

Angesichts dieser drei Lösungsmöglichkeiten kann ich sehr gut verstehen, warum Slenczka die in der Praxis unverfänglichste Lösung präferiert, das AT nicht als Teil des normativen Kanons anzusehen. Die erste Möglichkeit ist wissenschaftlich nicht umsetzbar, die dritte Möglichkeit bedeutete, dass der jüdisch-christliche Dialog der letzten Jahrzehnte im Grunde von Heuchelei durchsetzt gewesen wäre.

Aufgrund der Brisanz dieser These begreife ich nicht, wie gestandene Professoren diese so leichtfertig abtun und als nicht diskussionswürdig betrachten können. Dankenswerterweise sehen das die Studierenden der Berliner Theologischen Fakultät genauso und fordern die Debatte mit drastischen Mitteln ein, wovon Heye Jensen hier berichtet hat.

Die Wogen haben sich noch nicht geglättet und alle Akteure sind mit ihren Äußerungen große Verpflichtungen eingegangen, denen sie sich kaum entziehen können, ohne Schaden zu nehmen. Selbst Markus Dröge, Bischof der EKBO, hat sich von Slenczkas Position „für die EKBO“ am Freitag öffentlich distanziert (S. 8 Mitte bis S. 10).

Freilich kann man Slenczka vorwerfen, dass er sich in isoliert gelesenen Teilsätzen missverständlich ausgedrückt hat. Zudem hat gewiss auch die mediale Aufregung zu Reflexen seitens Vertretern der Berliner theologischen Fakultät geführt, die von der Fakultät möglichen Reputationsschaden abwenden wollten. Aber es wäre doch sehr wünschenswert, dass wenigstens das Problem, das ihn zu seiner drastischen These geführt hat, wahrgenommen und diskutiert wird. Es bleibt spannend.

22 Kommentare anzeigen

  1. Danke für diesen Artikel.

    Mich hat das die ganze letzte Woche frustriert, wie viele (sogar Theologen!) meinten, einfach aus einer FAZ-Überschrift die ganze Position Slenczkas ableiten zu können und dann schwadronierten von der Wichtigkeit des AT. Dass das AT wertvoll und wichtig ist, sagt auch Slenczka. Die Frage nach der Kanonizität ist bei Slenczka keine der „Wertigkeit“.

    Es gab dann sogar kurz einen Hashtag, #NichtOhneAltesTestament. Auf der einen Seite ist es ja schön, wenn Christen ihre klare Wertschätzung des AT ausdrucken. Aber es ist großer Mist, wenn damit eine sinnvolle akademische Debatte abgewürgt wird.

    Das gleiche passiert im Moment im Berliner Kollegium. Nur dass es dort scheinbar persönliche Konflikte sind, die den akademischen Diskurs abwürgen. Das finde ich genau so tragisch …

  2. Das Problem, das Slenczka anspricht, ist aber nun keinesfalls ein neues und es ist durchaus auch nicht so, dass sich noch niemand damit beschäftigt hätte (vgl. etwa Zenger, Erich: Das Erste Testament. Düsseldorf 1991).
    Und auch in der aktuellen Debatte wird differenziert auf die Thesen und Argumente Slenczkas eingegangen, etwa hier: http://www.communio.de/pdf/vorabveroeffentlichung/Communio-Schwienhorst-Rueckkehr-Markions.pdf oder auch hier: http://www.katholisch.de/de/katholisch/themen/glaube_2/150428_gastbeitrag_dohmen_altes_testament.php.

    Die genannten Gegenargumente sind nicht neu. Das Problem ist, dass Slenczka sich in diesen Diskurs, den die Exegeten schon ausfürhlich geführt haben, nicht einbringt, sondern seine eigenen Kriterien aufstellt (bzw. Harnack wiederauferstehen lässt) und nach ihnen handelt.

    Dass das nicht automatisch mit dem Antisemitismusvorwurf abgetan werden kann, hat, bei gleichzeitiger inhaltlicher Auseinandersetzung, Friedrich Willhelm Graf in der FAZ deutlich gemacht: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kann-man-das-alte-testament-einfach-streichen-13558589.html

    Allein die Auseinandersetzung mit den drei hier verlinkten Artikeln zeigt, dass es nicht nur die drei von dir oben genannten Lösungsmöglichkeiten gibt, das Verhältnis von AT und NT zu bestimmen.
    Spannender noch wäre es, und das tut soweit ich das sehe bisher niemand in der aktuellen Diskussion, die Schrift selbst zu befragen (sola scriptura!), wie sie das Verhältnis ihrer zwei Teile bestimmt.

    • Christopher

      Nun, Schwienhorst argumentiert ganz in den Bahnen, die ich mit den drei Lösungsmöglichkeiten angenannt habe, allerdings modifiziert.

      Der Lösungsvorschlag Schwienhorst-Schönbergers ist bedenkenswert, aber löst meines Erachtens das systematische Problem nicht. Es wird festgestellt, dass weder Judentum, noch Christentum sich auf das AT im Sinne eines „historisch-kritisch richtigen“ Verständnis berufen können. Hier wird die Bekenntnisfrage angegangen: Ist im christlichen Bekenntnis zu Jesus als dem Christus also eine Anerkenntnis der christologischen Deutung des AT impliziert, entgegen einer historisch-kritischen Position? Wie wird dann das Verhältnis von der Dogmatik zur historisch-kritischen Exegese zu bestimmen sein bzw. die historisch-kritische Exegese des AT im Verhältnis zur christlichen Theologie insgesamt?

      Mir scheint, die Zwickmühle ist nur schwer aufzulösen: Löst man das eine Problem, kehrt man das andere hervor. Löst man das andere, bleibt das eine ungelöst. Die Frage des jüdisch-christlichen Dialogs hat Schwienhorst-Schönberger ja ganz gut versachlicht, aber das ist ja leider nur ein Teil des Problems. Hier wird nun eben sich nicht vom AT als kanonischer Norm verabschiedet, sondern von wichtigen Voraussetzungen des jüdisch-christlichen Dialogs und von der historisch-kritischen Exegese. Beides ebenfalls ganz schön schmerzhaft.

      Auch Dohmen löst die Zwickmühle nicht auf, denn er erfasst das Problem Slenczkas gar nicht. Slenczka geht es um die Normativität des AT für die Kirche und für ihr Selbstverständnis. Man muss zwischen Kanon im Sinne von „Schriftensammlung“ und im Sinne von „Norm/Richtschnur“ unterscheiden, wie Slenczka es auch macht. Dass das AT zur Schriftensammlung gehört, weil es ein Verständnis für den geistesgeschichtlichen Hintergrund ermöglicht und das NT nur verständlich und vollständig in Verbindung mit dem AT ist, stellt Slenczka nicht in Frage. Auch nicht, dass es Sprachbilder liefert, um auch das christliche Gottesverhältnis zu beschreiben, bei denen man sich dann freilich bewusst sein muss, dass es sich dabei um eine eingetragene Rezeptionsweise handelt. Das Problem, das Slenczka anführt, wird von Dohmen jedoch nicht berührt.

      • Die ursprüngliche Kritik in deinem Artikel war, wenn ich das richtig gelesen habe, dass man sich der Diskussion um die Thesen entzieht und stattdessen pauschale Vorwürfe anbringt. Das zumindest tun die drei genannten Artikel ja nicht.
        Ob man ihnen im einzelnen folgen möchte, ist dann erst die nächste Frage. Sie machen auf Voraussetzungen aufmerksam, die bedacht werden müssen.
        Mir sind folgende Dinge dabei am wichtigsten:
        1) der historische Sinn, wie er vom Autor intendiert wurde und wie ihn die historisch-kritische Exegese unter anderem (!) erhebt, ist nicht der einzige mögliche Sinn eines Textes und schon gar nicht der einzig richtige Sinn eines Textes. Judentum und Christentum lesen die Hebräische Bibel (das Christentum zu Anfang allerdings tatsächlich eher die LXX) mit je eigenen hermeneutischen Schlüsseln (NT, mdl. Tora). Dadurch erheben sie verschiedene Sinnpotentiale des gleichen Textes – ohne dass die eine Religion der anderen etwas wegnähme.
        2) die ganze Verkündigung des NT beruht nicht nur auf dem AT in dem Sinne, dass man das AT als Enzyklopädie benötigte, um das NT zu verstehen. Das NT gibt allerorten Leseanweisungen für das AT, wie es schon die Bücher der Hebräischen Bibel untereinander tun. In dieser Weise haben auch die ersten Christen, die noch gar keine andere Schrift hatten, ihre Bibel gelesen.
        Es wäre durchaus möglich, das NT zu lesen, ohne das AT als verbindlich zu betrachten. Das hieße aber auch, den Sinnüberschuss des AT aus dem Christentum zu verbannen (Exoduserfahrung, Selbstoffenbarung Gottes). Diesen Versuch hat die Kirche gegen Markion abgelehnt – weil Kanonisierung eben nicht nur Sammlung von Schriften heißt, sondern Identitätsbestimmung.

  3. Oliver Rau

    Danke für diese Zeilen von Euch.

    Bezüglich der Aussage von Christopher „Das gilt immer, wenn sich die Kirche auf das AT als „gemeinsame“ textliche Grundlage mit dem Judentum beruft.“ möchte ich gerne nachfragen, in welchem Rahmen sich denn „das Gemeinsame“ bewegen sollte, um als gemeinsam gelten zu müssen. Daher finde ich die von Christopher aufgeworfene Frage sehr richtig: „Inwiefern kann eine textliche Grundlage denn „gemeinsam“ sein, wenn einer der Gesprächspartner seinem Selbstanspruch nach den Text unter einer dezidiert anderen hermeneutischen Perspektive wahrnimmt?“ In diesem Zusammenhang werfe ich in die Diskussion die Frage auf, ob der Handlungsrahmen, der sich aus einer unterschiedlichen Hermeneutik ergeben könnte, verschieden bliebt oder gemeinsam ist, wenn es z.B. um das Schwingopfer geht, aber der eine Gesprächspartner etwas anderes darunter versteht als der andere Gesprächspartner. In diesem Fall möchte zur Diskussion beizutragen, dass das AT – so wie es Herr Slenczka herausstellt – nicht als Teil des normativen Kanons anzusehen ist, wenn es um Handlungen geht, die unterschiedlich von Juden und Christen aufgefasst werden und damit auch eine anderen Bedeutungshorizont aufweisen. Die Brisanz jener These bezieht sich vor allem auf die Problematik des Erbteils in Num 36 und daher kann ich durchaus auch die anderen Professoren verstehen, die sich vehement sträuben, den Erbteil ihrer Töchter auf Spiel zu setzen, sofern sie der These von Herrn Slenczka folgen würden. In dieser Hinsicht haben wir wie üblich das klassische Beispiel der Neuzeit von Katholizismus und Protestantismus oder Reformation und Gegenreformation, d.h. die Heirat von Menschen unterschiedlicher Konfessionen aus unterschiedlichen Gemeinden. Gibt es eine Quellenangabe zu Schwienhorst ?

    • Oliver Rau

      Ich liebe Tippfehler – sorry dafür – aber beim Lesen wisst Ihr hoffentlich, was ich meine ;-)

  4. Wer das AT in die Apokryphen verbannen will, verändert damit auch die Bibelausgaben: Übrig bleibt das NT, wie ja auch jetzt schon in vielen protestantischen Bibelausgaben aufgrund falsch verstandenem „ad fontes“ 300 Jahre biblischer Geschichte fehlen. Daran ändert wenig, dass immer mehr Ausgaben mit den Apokryphen erscheinen. Sollte Slenczka sich durchsetzen, wäre für Christen nur noch das NT „die Bibel“. Doch, es ist auch für Slenczka eine Frage der Wertigkeit: Viel wert, sehr viel wert, sogar so viel wert wie die atl. Apokryphen und viele andere fromme Literatur, aber eben nicht so viel wert wie das NT.

    Was gehört in den Kanon?
    M.E.: Das, was drin ist und die atl. Apokryphen, die Luther aufgrund eines Denkfehlers rausgeworfen hatte. Zum Denkfehler: Seit „333 – Issos Keilerei“ wurde Griechisch nun mal Amtssprache – darum sind auch biblische Schriften des AT auf Griechisch entstanden. Das Kriterium Luthers: AT kann nur Hebräisch/Aramäisch sein, war von außen hereingetragen und führte m.E. zu einer Fehlentscheidung. (Das dürften unsere kath. Kollegen besser verstanden haben.)

    Zurück zu Slenczka: Wer zwingt uns heute, Kriterien dafür aufzustellen, was in den Kanon hineingehört und was nicht?
    Die Theologiegeschichte zeigt, dass in diesen Fällen nicht die Sache entscheidet, sondern die Kriterien, die man heute aufstellt.
    Das ist völlig willkürlich und führt zu absurden Ergebnissen.
    Wer vorne als Kriterium „Universalität“ hineinsteckt, wird hinten im Ergebnis alles ausscheiden müssen, was (angeblich) nicht universal ist.

    An dieser Stelle oute ich mich als einer, der die Bibel für inspiriert hält. So, wie sie ist. Mit den nicht vorhandenen Urschriften. Mit den Unterschieden in den Abschriften. Mit den textkritischen Herausforderungen. Auch mit den Übersetzungen.

    Warum mache ich das?

    Weil die von außen herangetragenen Kriterien nicht weiter helfen.

    Zwei der ersten Kriterien, das an die Bibel herangetragen wurden, waren die der Fehlerfreiheit und Widerspruchsfreiheit.
    Man behauptete, ein allmächtiger Gott könne keine Bibel mit Fehlern und Widersprüchen inspiriert haben.
    Also musste man alle Fehler und Widersprüche unbarmherzig weg interpretieren. (Und so wurde etwa aus der Kugel, deren Durchmesser bereits die alten Griechen mithilfe des Schattens an einem hohen Turm und zeitgleich in einem tiefen Brunnen fast richtig bestimmt hatten, bei den Christen eine Scheibe.)
    Als sich diese Position nicht mehr halten ließ, gab man nicht etwa die Forderung der Fehlerfreiheit und der Widerspruchsfreiheit in Bezug auf Gott auf, sondern verlagerte das Ganze auf den Entstehungsprozess: Gott kann nicht irren, wohl aber die Menschen, und die sind nun für die Fehler und Widersprüche verantwortlich.

    Und nun versuchte man Kriterien zu finden, was wohl Gottes (fehlerfreies und widerspruchloses) Wort ist, und was die Menschen daran verbockt haben können.
    Bultmann kam dabei auf die witzige Idee eine Differenzkriteriums: Was griechisch aussieht, muss Gemeindebildung sein, was hebräisch aussieht, gehört zum AT, und nur wo beides nicht passt, hat Jesus selbst was Neues und Göttliches gesagt. Was für ein Blödsinn!
    Warum soll sich Jesus nicht im Rahmen seines jüdischen Glaubens und im Rahmen seiner hellenisierten Welt geäußert haben?!
    Andere kamen auf die Idee, das Christentum unbedingt an die Spitze einer religiösen Entwicklung setzen zu müssen. Was nicht auf dem Gipfel dieser Entwicklung ankam, war minderwertig und konnte als „Stammesreligion“ fallen gelassen werden.

    Auch die Idee, das AT komplett christologisch auszulegen, ist nicht wirklich sachgerecht. Da hat Slenczka sicherlich recht. Aber hat das AT nur dann für Christen einen Wert, wenn alles auf Christus bezogen ausgelegt wird? Diese Behauptung bzw. dieses Kriterium sollte unbedingt hinterfragt werden! Wieso muss das AT in der Kirche irgendwelchen Normen entsprechen? Wieso ist das AT weniger wert als das NT, wenn es zuvor und zunächst eine jüdische Urkunde war?

    Theologen sollten unbedingt einige Semester Mathematik und damit Logik und Aussagenlogik studieren, damit sie ein Gefühl einerseits für die Vielfalt von konkreten und abstrakten Denkmöglichkeiten bekommen und damit sie in die Lage versetzt sind, willkürliche Aussagen auf ihre innere Logik hin abzuprüfen.

    Hat überhaupt mal einer darüber nachgedacht, wie gotteslästerlich es letztlich ist, in der Theologie wissenschaftliche Kriterien dafür zu entwickeln, wie man Gotteswort und Menschenwort in der Bibel unterscheiden könne? Wir sollen in der Lage sein, Kriterien dafür zu entwickeln und diese auch noch sachgerecht anwenden zu können??! Wenn Menschen sein wollten wie Gott, ist dieser Schuss noch fast immer nach hinten los gegangen. Ein großer Teil der Theologen im Neuen Testament kam dabei zum Urteil, dass nach ihren Kriterien (nicht sie, sondern) Jesus Gott lästerte und organisierten seine Hinrichtung am Kreuz.
    Was macht uns Theologen so sicher, dass wir das besser könnten als die damals, wenn wir anfangen, unsere Kriterien aufzustellen?
    Hat sich nicht so manches dieser Kriterien in der Theologiegeschichte im Nachhinein als Hammerschlag auf die Nägel im Kreuz erwiesen?

    Es gibt keinen einzigen logischen Grund, das AT in seiner Bedeutung für das Christentum auf den Rang von Apykryphen herabzustufen, nur weil es zuerst eine Urkunde für Juden war, oder weil das Judentum in seiner Entwicklung eine Stammesreligion war.
    Man kann solche Kriterien aufstellen: ja; und man wird dann entsprechende Ergebnisse hervorbringen: Ja.
    Aber diese Ergebnisse sagen vor allem etwas aus über diese Kriterien und die, die diese Kriterien aufgestellt haben.

    Was ist das also für ein merkwürdiger „Selbstanspruch“ der Kirche?
    Seit wann darf die Kirche „Selbstansprüche“ an die Bibel stellen?
    Ist es nicht umgekehrt, dass die Bibel Ansprüche an die Kirche stellt?

    Darum halte ich auch die Bibel für inspiriert.
    Aber was will sie uns damit sagen, dass wir nicht ein Evangelium haben, sondern vier, die sich in manchen sehr wichtigen Details unvereinbar unterscheiden?
    Warum sind so viele Dinge doppelt überliefert? Warum gibt es Fehler und Irrtümer?
    Steckt da vielleicht eine Aussage dahinter gegen unseren (nicht nur religiösen) Perfektheitswahn?
    Ein Schlüssel ist für mich nach wie vor 1. Kor 13,13: Gegen allen theologisch-gläubigen Machbarkeitswahn wird dort die Liebe über den Glauben gestellt.

    Wir dürfen als Christen unterschiedlicher theologischer Meinung sein. Wir dürfen uns irren. Wir sollten auch nett mit Mitmenschen umgehen, von denen wir glauben, dass sie irren. (Ob das in der Auseinandersetzung hier immer eingehalten wird, sollte man hinterfragen.)

    Und dann lautet die Frage heute eben nicht: Nach welchen Kriterien können wir eine Wertigkeit biblischer Schriften aufstellen? Nach welchen Kriterien sollten wir den Kanon neu justieren?

    Sondern sie lautet: Was bedeutet es, dass die Bibel so ist, wie sie ist?
    Wie gehen wir damit um, dass etwas zu Alten gesagt ist, und dass wir heute eine neue Interpretation versuchen?
    Wie gehen wir damit um, dass wir uns immer wieder zwischen unterschiedlichen Sachverhalten entscheiden müssen?
    An dieser Stelle halte ich Bultmann immer noch für unverzichtbar, der auf diese Entscheidungssituation aufmerksam gemacht hat.

    Wir finden in der Bibel eine fast unerträgliche Exklusivität, die alles, was nicht der frommen Norm entspricht, ausgrenzt und zum Gräuel erklärt. Und wir finden in der Bibel eine grandiose Inklusivität, in der wir aufgefordert werden, die Grenzen dieser Gräuel zu überschreiten und die Feinde zu lieben.

    Inwiefern ist dann die Bibel für uns „normativ“?
    Dass wir jeden einzelnen Satz Wort für Wort umsetzen, wie es etwa Olaf Latzel mit seiner unsäglichen Gideon-Predigt meinte tun zu müssen (und dann faktisch doch gegen seine Behauptung eben nicht umsetzte, sondern mehrfach abschwächte)?
    Oder indem wir uns auf diese Bibel einlassen, unsere Religiosität hinterfragen lassen, und dann eigene Entscheidungen treffen, die von Glaube und Hoffnung geprägt sind, am meisten aber von der Liebe?

    Meiner Meinung nach ruft uns die Bibel in der Form, wie wir sie haben, immer wieder auf, eigene Entscheidungen zu treffen;
    damit zu rechnen, dass diese Entscheidungen falsch sind;
    damit zu rechnen, dass auch andere Meinungen legitim sind;
    und dennoch eine eigene Position zu finden;
    für die wir uns vor Gott verantworten müssen;
    der uns einmal die Folgen und die Opfer unserer Entscheidungen aufzeigen wird.

    Da gäbe es viel zu sagen. Da gibt es in der Bibel viel zu entdecken.
    Das ist unsere Aufgabe. Aber es ist nicht die Aufgabe, Kriterien zur Bewertung der Bibel zu entwickeln. Sondern es erscheint mir als Aufgabe, die Kriterien zu finden, die die Bibel an uns stellt. Da ist genügend zu tun.

    • Ich will dir nicht grundsätzlich widersprechen. Aber wenn Slenczka von „Kanonizität“ spricht, geht es in meinen Augen eben *nicht* um Wertigkeit! Wenn das nicht klar ist, dann kann man Sl. alles Mögliche unterstellen. Sl. fragt danach, wie wir im aktuellen kirchlichen Vollzug mit dem AT umgehen, und sieht dort, dass es da Unterschiede zwischen AT und NT gibt (völlig wertungsfrei!). Deshalb spricht er an mancher Stelle von „Diagnose“ statt von „These“.

      Man zeige mir also aus Slenczkas Texten auf, wo er eine „Abwertung“ des AT beabsichtigt oder fordert. Man kann die Infragestellung der Kanonizität als Abwertung *empfinden*, dann hat man aber vermutlich einen anderen Kanonbegriff als Slenczka (wieder: Nachlesen hilft).

      Zu den Kriterien: Ich stimme deinem Anliegen grundsätzlich zu, das Wort Gottes für sich sprechen zu lassen und so zu entdecken. Aber die Idee, dass man gänzlich ohne Kriterium und Vorannahmen die Bibel rezipieren könnte, finde ich naiv. Bei der Ursprünglichen Festlegung des Kanons wurden auch theologisch nachvollziehbare Kriterien an die Texte angelegt, denen wir heute zustimmen oder die wir kritisch hinterfragen können.

  5. Wenn ich Slenczka lese, finde ich ihn ausgesprochen spannend. Er legt einerseits den Finger in wunde Punkte, ist dann aber andererseits äußerst missverständlich.
    Wie man das AT in die Apokryphen schieben kann ohne damit gleichzeitig auch ein Werturteil abzugeben, ist mir ein Rätsel.
    Bzw.: Wie man eine Abwertung des ATs verneinen und dennoch fordern kann, das AT im Rang von Apokryphen einzusortieren, ohne missverstanden zu werden, ist mir ein Rätsel.

    So wie sich Slenczka äußert, drückt er eine große Hochachtung für das AT aus und äußert gleichzeitig seine Sorge darum, dass das AT faktisch in der kirchlichen Praxis abgewertet wurde. Das empfinde ich als ok.
    Die Kriterien, die er dann an das AT heranträgt, empfinde ich aber als problematisch und als willkürlich, wenn es etwa um die Universalität geht. Ich sehe für dieses Kriterium keinen zwingenden Grund. Das ist ein Kriterium von außen: Warum ausgerechnet das? Warum nicht ein anderes? Und wenn ein anderes: Mit welchem Recht gewichten wir sie?
    Selbstverständlich legen wir die Bibel mit Vorannahmen und verschiedenen Kriterien aus. Zu einer ordentlichen Exegese gehört die Offenlegung dieser Kriterien und Vorannahmen. Das ist m.E. selbstverständlich. Die Frage ist aber: Hinterfragen wir diese Kriterien von der Bibel her? Oder hinterfragen wir die Bibel mit diesen Kriterien?

    Natürlich kann man auch die Kanonbildung historisch beschreiben.
    Ich neige allerdings dazu, Wengst zuzustimmen, der Wert darauf legt, dass Theologen und Historiker zu unterscheiden sind, und dass wir eben vor allem Theologen sind.

    Dabei sollten wir mit den vorhandenen Unschärfen leben lernen.
    Es gibt auch in der Bibel nicht _den_ Kanon, sondern ganz unterschiedliche Traditionen mit leichten Differenzen. Wir sollten dem Wunsch widerstehen, diese Differenzen auszuräumen und für Einheit zu sorgen. Besser erscheint mir, auch diese Differenzen auszulegen: Was bedeuten diese Differenzen theologisch?
    (Es könnte herauskommen, dass damit die römisch-katholische Behauptung hinterfragt wird, erst bei vollständiger Übereinstimmung in der Lehre wäre ein gemeinsames ökumenisches Abendmahl möglich.)
    Vom Judentum lerne ich, wie wichtig eine Diskussionskultur ist. Der Talmud zensiert auch unliebsame Auslegungen nicht, sondern überlässt das Urteil den Menschen in der jeweiligen Gegenwart.
    In dieser gegenwärtigen Debatte fehlt ein wenig die Gelassenheit dieser Haltung. Dann könnte man auch besser auf Slenczka hören – und ihm angemessener an den richtigen Stellen widersprechen.
    Und vielleicht würde umgekehrt Slenczka merken, wo er selber für Missverständnisse verantwortlich ist. Aber ohne diese Missverständnisse würde es die öffentliche Debatte nicht geben.

    Frage: Wie kann man es hin bekommen, dass die öffentliche Debatte nicht nur auf Slenczka einprügelt, sondern sich den aufgeworfenen Fragen ehrlich stellt?

    • Finde ich erstaunlich, wie du aus einer Positiven Aussage (Hilfe … unsere Lebenserfahrung in Worte zu fassen) eine Abwertung machen kannst. Meinst du, weil das AT irgendwie in die Nähe von „nichtbiblischen“ Texten gerückt wird? Das hat nichts mit Abwertung zu tun, sondern mit der Einordnung in eine andere Kategorie.

      Du kannst gern sagen, dass du das als Abwertung *empfindest*, aber nicht, dass Slenczka faktisch eine Abwertung fordert oder vornimmt.

  6. Dominik Speck

    Lieber Max Melzer,

    wenn ich frage, was das sonst sei, wenn nicht eine Abwertung, spiegelt das meine Empfindung doch wider. Und was ich sagen kann, lasse ich mir ungern vorschreiben.

  7. Ich bin erschrocken darüber, wie viele Theologen in den letzten Tagen aus vermeintlicher Wertschätzung gegenüber dem AT und dem Judentum wieder anfangen / weiter damit machen, das AT christologisch auszulegen. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftlich nicht haltbare Übung, die sich gerade im Hinblick auf den jüdisch-christlichen Dialog verbietet. Ich finde es erstaunlich, dass gerade Slenczkas Gegner sich einer solchen Argumentation bedienen.

    Slenczka hat Recht damit und ist bei weitem ja nicht der Einzige der so denkt, dass das AT unmöglich Jesus Christus verkündigt und wir es entstellen, wenn wir es einfach so „christlich“ zurechtbiegen. Das AT ist eine Sammlung jüdischer Bücher, Christen haben sie nur geliehen. Das ist in Ordnung: In sofern als dass ich Christophers Gedanken vom „gemeinsamen Text“ recht unzureichend finde. Texte sind immmer auslegungsbedürftig, im Sinne einer verbindlichen Lesart haben „wir“ sie also nie „gemeinsam“, jedenfalls dann und im besonderen nicht, wenn kein Lehramt über die genaue Auslegung wacht. Die Abwesenheit eines solchen verbindlichen Lehramts halte ich nun gerade für den Stolz sowohl des Judentums als auch des Protestantismus.

    Man wird im AT schon mehr entdecken müssen als Jesus Christus, um es als Schriftensammlung „heilig“ halten zu können. Nach uraltem protestantischen Denken, hieße das zum Beispiel, dass auch das AT als Medium der Glaubensstiftung dient, also seine Geschichten Teil der Selbstoffenbarung Gottes sind.

    • Vielleicht bekomme ich da etwas nicht mit, aber wer von den Theologen in Deutschland legt das AT noch explizit christologisch aus?
      Das macht nicht einmal mehr die katholische Kirche…
      http://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/verlautbarungen/VE_152.pdf

      Das ist das eine.

      Das andere: Wengst unterscheidet zu Recht Historiker von Theologen.
      Für einen Historiker ist es ein Unding, in historischen Urkunden Hinweise auf Menschen zu finden, die erst später lebten. Historiker kennen keinen „Heilsplan“ und keine Zukunftsvorhersagen.

      Sind wir nun Historiker oder Theologen?

      Also Theologen rechnen wir doch damit, dass Gott in dieser Welt handelt.
      Warum soll man also im AT nicht etwas finden, was auch für Christus bedeutsam ist? Und wenn es mindestens der Deutehorizont ist, auf dem erst das NT verständlich wird.

      Das Dritte: Was soll jegliche Kriteriensammlung, warum das AT für uns eine Bedeutung hat?
      Ich kann das nur mit einem Bräutigam vergleichen, der nach sachlichen Gründen sucht, warum er diese eine Braut heiraten will.
      Und wenn er dann irgendwann ein neues Kriterium gefunden hat, dem seine Braut leider leider nicht mehr genügt: Schickt er sie dann zum Teufel?
      Hat das AT nur dann für uns eine Bedeutung, wenn man Kriterien dafür anführen kann? Wenn man darin irgendwas auf Christus auslegen kann? Wenn es modernen Universalismus vertritt? Wenn man nachvollziehen, kann, warum ausgerechnet diese Zusammenstellung gewählt wurde?

      Das AT hat für uns Bedeutung, weil es das AT ist.
      Wir können als Christen gar nicht anders, als es auch vom Wissen um das NT her auszulegen. Und trotzdem werden wir es auch um seiner selbst willen lesen. Weil uns darin Gott der Schöpfer und Gott der Heilige Geist begegnet. Und wer will ausschließen, dass uns darin auch die dritte göttliche Person begegnen kann und begegnet?

      Sorry, aber ich verstehe das nicht.

    • Christopher

      Danke, Philipp, für Deine Gedanken. Ich musste mich an manchen Stellen kurz fassen, deshalb die pauschale Formulierung der „gemeinsamen textlichen Grundlage“, die im übrigen nicht von mir stammt, sondern eine gängige Formulierung im jüdisch-christlichen Dialog darstellt.

      So sehr ich Slenczkas Problem nachvollziehen kann, bin ich mit seiner Lösung nicht ganz zufrieden. So würde ich z.B. nicht, wie Du es tust, die christologische Interpretation des AT ad acta legen mit dem Hinweis, dass es sich um eine „wissenschaftlich nicht haltbare Übung“ handele. So flach ist die christologische Deutung des AT nämlich nicht. Kaum ein reflektierter Theologe sagt schlicht, das AT würde aus sich heraus objektiv auf Christus hinweisen. „Was Christum treibet“ ist ein bewusst angelegter hermeneutischer Schlüssel, bei dem man sich stets im Klaren darüber sein muss, dass es sich um eine tendenziöse Auslegungsweise handelt, die im Sinne eines Bekenntnisaktes zu verstehen ist. Mit diesem Problembewusstsein kann man m.E. wunderbar das AT christologisch deuten, ja, muss es als Christ sogar. Aber das ist eben keine wissenschaftlich objektive Perspektive. Dazu muss man auch fragen: Wie weit kann der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit gehen bei einer Gemeinschaft, deren hermeneutisches, soziales und religiöses Zentrum der Tod und die Auferstehung eines Wanderpredigers vor 2000 Jahren in Palästina ist?

      Dementsprechend würde ich das Problem an die christliche Seite des jüdisch-christlichen Dialogs weitergeben. Dabei muss ich zugeben, dass ich den Selbstanspruch, nicht zu vereinnahmen und auch nicht zu missionieren für kaum einlösbar halte, wenn es sich dabei um mehr als um neutralen Informationsaustausch handeln soll. Mindestens sollte man sich dessen bewusst sein.

    • Nach uraltem protestantischen Denken, hieße das zum Beispiel, dass auch das AT als Medium der Glaubensstiftung dient, also seine Geschichten Teil der Selbstoffenbarung Gottes sind.

      Wer sieht das denn nicht so? Und überhaupt, wenn man ein Testament weglassen will, dann doch eher das Neue! Paulus hatte auch nur ein AT. Sicher, man würde einiges verlieren. Aber umgekehrt doch auch. Überhaupt, wenn das AT nicht Teil der Selbstoffenbarung Gottes ist, wieso sollte man dann annehmen, daß plötzlich, mit Entstehen der Neutestamentlichen Schriften, Gott plötzlich anfängt, sich selbst zu offenbaren (und auf eine Selbstoffenbarung zu rekurrieren, die keine ist, oder so…?)?

  8. Oliver Rau

    Danke, Christopher, für Deine Gedanken:

    „“Was Christum treibet” ist ein bewusst angelegter hermeneutischer Schlüssel, bei dem man sich stets im Klaren darüber sein muss, dass es sich um eine tendenziöse Auslegungsweise handelt, die im Sinne eines Bekenntnisaktes zu verstehen ist.“

    Fraglich ist, ob die tendenziöse Auslegungsweise und der Bekenntnisakt immer mit einer Handlungsweise in Verbindung zu bringen ist oder nicht.

    Ob die gängige Formulierung im jüdisch-christlichen Dialog die pauschale Formulierung der “gemeinsamen textlichen Grundlage” eindeutig darauf hinweist, dass es sich auch um eine „gemeinsam verstandene Handlungsgrundlage“ handelt, ist ebenso fraglich.

    Fraglich ist zudem, ob die jüdische Proselytenmacherei die christologische Interpretation des AT zur Seite schiebt oder noch gestattet, christlich zu sein.

    Abgesehen davon scheint es auch so, dass judisierende Christen sich mehr als Juden sehen als eben Christen. Demnach wäre also zu hinterfragen, ob die vermeintliche Pattsituation aufgehoben werden muss oder nicht eventuell stehengelassen werden kann – eben als zwei Seiten einer Medaille -Der jüdisch-christliche Dialog bedarf zweier starker Seiten, um sich getrennt zu behaupten, damit das „wir“ im Monotheismus nicht verloren geht – meine Meinung jedenfalls – denn es sind zwei Seiten ein und derselben Münze.

  9. H.G. Richter-Hallgarten

    Jesus war Jude und blieb Jude, er war nie Christ: kein Judenchrist u. kein Heidenchrist.
    Fundament seiner „Lehre“, seines Judentums, war die Thora.
    Seine Botschaft war einmal eine religiöse: Hin zum „Vater“, zu (seinem) Gott- und eine politische: Befreiung vom römischen Joch.
    Es ist müssig zu streiten was wichtiger ist, das AT oder das NT.
    Jedenfalls ist das NT ohne das AT nicht denkbar , wurzellos.
    Vom Judenchristentum, von seiner „Lehre“ oder „Dogmatik“ wissen wir relativ wenig. Das Heiden-oder Hellenistische Christentum des Paulus ist eine Melange aus Thora, antiker Welterklärung und mündlich überlieferten Worten Jesu.

  10. Oliver Rau

    „Der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats.“ (Mk 2,28; vgl. Mt 12,8; Lk 6,5)

    „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt ihr auch dieses nicht gelesen, was David tat, als ihn und die, die bei ihm waren, hungerte?“ (Lk 6,3)

    „Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote nahm und aß und auch denen gab, die bei ihm waren – die doch außer den Priestern allein niemand essen darf?“ (Lk 6,4)

    „Jesus sprach nun zu ihnen: Ich frage euch, ob es erlaubt ist, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, Leben zu retten oder zu verderben.“ (Lk 6,9)

    „Und es geschah am Sabbat, dass er durch die Saaten ging und seine Jünger die Ähren abpflückten und aßen, indem sie sie mit den Händen zerrieben.“ (Lk 6,1)

    Quizfrage:

    Wozu braucht ein bisheriger Jude die Taufe des Johannes ? Ist sie von oben oder von den Menschen ? Wie steht es mit der so genannten Geisttaufe ? War jene vor der Johannestaufe, dabei oder danach ?

  11. Henry George Richter-Hallgarten

    Lieber Benjamin Koppe,

    Gott offenbart sich nicht in der Schrift, nicht im AT und nicht im NT, nicht im Koran und nicht im kommunistischen Manifest.
    Gott offenbart sich in seiner Schöpfung und in seinem Geschöpf , dem Menschen – und im Menschen Jesu von Nazareth.

    Häretisch, ich weiss es ,
    aber ich kann nichts anderes glauben.
    Gott helfe mir. Amen.

    • Also gleich die ganze Bibel wegwerfen und Anthropologie statt der exegetischen Fächer? Wär schade drumm, ich hab Exegese immer gern gemacht…
      Ich verstehe, was Du damit meinst: Gott offenbart sich in der Schöpfung. Ich hab so lange kein Problem damit, wie die Schöpfung dann nciht absolut gesetzt wird und in biblizistischer Manier irgendwelche Regelmäßigkeiten daraus abgeleitet werden (wie schnell kommt man dazu, daß Gott sich in der Geschichte offenbart und dann dazu, daß eine bestimmte historische Person, die gerade populär ist, eine Messiasgestalt wird?).
      Ich denke, daß Gott sich ebenso wie in der Schöpfung auch in der Bibel (beide Teile), im Kommunistischen Manifest oder vielleicht sogar im Koran offenbaren kann. Nur, Er bleibt eben unverfügbar, ich kann nicht behaupten, Ihn irgendwo fest zu haben, als könnte ich Ihn in den Sack stecken mitsamt dem Buch.

      Gott offenbarte sich in Jesus Christus, aber auch in Menschen vor und nach Ihm. Die Bücher können immer nur einen Abglanz festhalten, egal ob AT oder NT. Vielleicht sollte man sie alle zu Apokryphen erklären, ich weiß es nicht. Aber ich sehe immer noch nicht, in welcher Weise das NT wichtiger oder zentraler sein sollte als das AT.

      Gottes Segen
      De Benny

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.