Moment mal: Theologie als Life Science
Bakterien unterm Elektronenmikroskop (Gemeinfrei)

Gerade sitze ich in der Bibliothek der altehrwürdigen Theologischen Fakultät in Basel und lausche dem frühsommerlichen Geräusche-Mix aus Vogelgezwitscher und Rasenmäher.
Draußen spielt sich also das pure Leben ab, während ich hier sitze und theologische Fachliteratur lese und in gewissem Sinne auch schreibe. (O.K., das ist jetzt etwas anmaßend, aber irgendwie ist eine Qualifikationsarbeit wie die zum Erreichen des Masterabschlusses, an der ich gerade schreibe, nichts anderes.)

Inwiefern hat es die Theologie als Wissenschaft eigentlich mit dem „Leben da draußen“ zu tun? Neulich kam mir der kühne Gedanke, die Theologie den Life Sciences zuzuordnen.

Wikipedia definiert diese so:

Biowissenschaften (griechisch βιός bios; „Leben“), Lebenswissenschaften oder Life Sciences sind Forschungsrichtungen und Ausbildungsgänge, die sich mit Prozessen oder Strukturen von Lebewesen beschäftigen oder an denen Lebewesen beteiligt sind.

Erfüllt die Theologie diese beiden Kriterien?

Theologie befasst sich mit der Rede von Gott. Er ist bestimmt kein Lebewesen im herkömmlichen Sinne, behauptet aber von sich, das Leben schlechthin zu sein (Joh 14,6).

Doch wie steht es mit der Beteiligung von Lebewesen an den untersuchten Prozessen oder Strukturen für die Theologie? Diese Frage dürfte sich wohl erübrigen. Zumal dieser Gott, den wir „untersuchen“, nach eigener Aussage nicht nur das Leben ist, sondern auch ein Gott der Lebenden (Lk 20,38).

Neben „Objekt“ (Gott) und Subjekt (Theologin/Theologe) der Theologie als Wissenschaft kommt mir noch ein Drittes in den Sinn:

Das Erkenntnisinteresse der Theologie – sofern sie Theologie bleiben möchte und nicht zur reinen Philologie, Geschichtswissenschaft, etc. wird – ist das Erreichen eines Lebens in Fülle (Joh 10,10).

Manches Weitere ließe sich wohl noch ergänzen: Etwa, dass die Frage nach dem Schöpfer die Frage nach dem Grund allen Lebens ist. Oder, dass ein Strom der wissenschaftlichen Ausdifferenzierung der Theologie mit der Poimenik direkt in das Bemühen um ganz praktische Lebensbewältigung mündet.
Doch ich will hier meine Überlegungen ab- oder zumindest unterbrechen. Meine Masterarbeit drängt nach Vollendung.
Nur eines noch: Wie würde es der Theologie als Geisteswissenschaft wohl in unmittelbarer Gesellschaft der übrigen Life Sciences ergehen? Sie wäre wohl eine Exotin. Doch Exoten erweitern bekanntlich den Horizont.

Die Theologie ist naturgemäß gut darin, den eigenen Erfahrungshorizont kritisch zu betrachten und die Begrenztheit des eigenen Vermögens zu reflektieren. Das wäre doch ein Beitrag, der auf andere Wissenschaftsdisziplinen ausstrahlen dürfte.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Toby

    So streng lassen sich Natur- und Geisteswissenschaften m.E. nicht trennen. Zumindest nicht in den Biographien so manches Naturwissenschaftlers.

    Zum Tagesspiegel-Artikel:
    Die Theologie ist sicherlich nicht die einzige Wissenschaft, auf deren universitäre Gestaltung Einfluss von außen genommen wird und die ihre unhintergehbaren Dogmen hat.
    Auch die im Artikel der Theologie gegenübergestellte Archäologie kann nicht die reine Objektivität für sich in Anspruch nehmen. Jeder Fund bedarf der Einordnung. Die Wirklichkeit besteht nicht nur aus Fakten, sondern aus Fakten und der Bedeutung, die ihnen zugeschrieben wird. Es gibt kein interpretationsfreies Wissen. In keiner Wissenschaft.

    Die Theologie ist eine Wissenschaft, die sich wie wenige andere dem Orientierungswissen verschrieben hat. Dessen Erzeugung und ja, auch dessen Tradierung. Aber weshalb sollte das grundsätzlich schlecht sein? Die Infragestellung mancher Dogmen ist keinesfalls so unumstritten wie sie der Autor darstellt. (Wenn etwas als unwissenschaftlich gelten kann, dann eine zu einseitige Darstellung.)
    Dass die Theologie Gott als eigenständige und unverfügbare Größe in ihren Interpretationen berücksichtigt macht sie natürlich angreifbar und erschwert die intersubjektive Nachvollziehbarkeit. Die Alternative wäre aber, ihn prinzipiell auszuschließen. Solange aber nicht seine Nicht-Existenz bewiesen wurde, ist das nicht wissenschaftlicher (»absence of evidence is not evidence of absence«).

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