„Wir wollen die Disputation!“ Eine Schlammschlacht um das Alte Testament

Update: Da es in der Zwischenzeit weitere Entwicklungen gab, habe ich den Artikel unten mit einem Update versehen.

Hier in Berlin ist in der letzten Woche ein alter Streit wieder aufgeflammt, ihr habt es vielleicht schon mitbekommen. Hierbei sorgte Prof. Slenczkas bekannte These, dass das Alte Testament auf den Status von Apokryphen „herabgestuft“ werden solle – nachzulesen ist sein Aufsatz, der 2013 im Marburger Jahrbuch erschien, auf seiner Homepage – erneut für großen Aufruhr.

Unmittelbar nach diesem Aufsatz war die Resonanz unter den Studierenden eher gering. Es geisterte fortan allenfalls der scherzhafte Running Gag „Das AT ist nicht heilsrelevant“ umher. Letzte Woche kam es dann jedoch zu einem neuen Höhepunkt. Fünf Professoren aus dem Kollegium veröffentlichten am 15. April eine Stellungnahme, in der sie mit Nachdruck dafür eintraten, dass Slenczkas Meinung sowohl antijudaistisch als auch längst überholt sei und deshalb nicht weiter diskutiert werden müsse bzw. dürfe:

Für gänzlich abwegig halten wir zudem (auch angesichts der Geschichte unserer Fakultät im zwanzigsten Jahrhundert) die Behauptungen, ein solcher Status sei theologisch sachgemäß und eine mögliche Konsequenz des jüdischchristlichen Dialogs. (aus der Stellungnahme des Kollegiums)

Diese Stellungnahme war der Beginn einer Schlammschlacht bisher ungeahnten Ausmaßes.

Slenczka reagierte am 16. April mit einer persönlichen Gegendarstellung, in der er sich insbesondere gegen Kollege Markschies positioniert, der sich laut Slenczka federführend an der Stellungnahme beteiligte. Um auch hier den äußerst scharfen Ton zu zitieren:

Vielleicht werden Sie [Prof. Markschies; Anm. d. Red.] ja in einem dieser Kontexte einmal über die Grundregeln der wissenschaftlichen Auseinandersetzung aufgeklärt.

Eine gesamte und fortlaufend aktualisierte Übersicht der Chronologie der Ereignisse findet ihr auf Slenczkas Homepage – dort gibt es auch alle relevanten Texte, Vorträge und Stellungnahmen.

Liest man die Stellungnahmen und hört den Diskussionen gerade auch unter Studierenden zu, dann gibt es immer wieder den Ruf nach einer öffentlichen Disputation – Slenczka fordert diese schon länger, Markschies lehnt jedoch ab.

Ende letzter Woche wurde dieser Wunsch auch ganz plakativ und anonym zum Ausdruck gebracht, guerillamäßig im Innenhof unserer Fakultät:

Der Innenhof der Theologischen Fakultät Berlins.

Der Innenhof der Theologischen Fakultät Berlins.

Soweit zur Chronologie der Ereignisse. Äußerst bemerkenswert finde ich die Tatsache, dass einerseits zwar die Professoren aus der Kirchengeschichte, dem Neuen Testament und der praktischen Theologie die erste Stellungnahme unterschrieben, das Alte Testament sich jedoch – obwohl in Berlin sogar durch zwei Professoren besetzt – weiterhin bedeckt hält. Und dabei könnte man doch meinen, dass das AT sich extrem betroffen zeigen müsste, wenn die eigene Kanonizität in Frage gestellt wird?

Versucht man das Thema und damit die Thesen Slenczkas einmal außer Acht zu lassen und die Ereignisse nüchtern von Außen zu betrachten, dann sieht es für mich weniger wie ein theologischer, denn wie ein extrem persönlicher Kampf aus, der hier in Berlin gekämpft wird. Die Situation ist verfahren, man bewegt sich im Moment keinen Schritt aufeinander zu. Das finde ich schade, denn die Leidtragenden hierbei sind unweigerlich die Studierenden, denn Streitigkeiten auf Professorenebene haben kurz- oder mittelfristig Auswirkungen auf die Lehre.

Dass Herr Slenczka sich sehr wohl – auch wenn es in der Debatte von Herrn Markschies anders aufgefasst wird – differenziert mit dem Thema auseinandersetzt, zeigt dieses Zitat aus seiner Antwort auf den Koordinierungsrat der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit:

Wer aber meinen Artikel genau liest, wird feststellen, dass ich nicht gefordert habe, „das Alte Testament zu verbannen“ […]. Vielmehr habe ich die Frage gestellt, ob sich nicht im kirchlichen (auch in meinem eigenen) Bewusstsein faktisch die genannte Position Harnacks (das Alte Testament ist unter die Apokryphen zu rechnen) durchgesetzt hat.

Ich habe mich in den letzten Tagen mal unter meinen Kommiliton_innen umgehört – alle würden sich über eine Disputation freuen! Auch ich selbst stelle mir das toll vor: unsere Professoren einmal auf der großen Bühne, eine akademische Disputation, die sich gewaschen hat. Wie oft habe ich in der Kirchengeschichte von irgendwelchen Disputationen gelesen, deren eigene Rechtfertigung auch nicht hinterfragt worden ist?

Hier geht es nicht darum, wer als Gewinner oder Verlierer aus der Debatte scheidet, sondern darum, eine Position in einem akademischen Rahmen zur Diskussion zu stellen. Mal ganz davon abgesehen: Es diskutiert hier nicht irgendwer. Sowohl Prof. Markschies als auch Prof. Slenczka sind intellektuell als auch rhetorisch dazu in der Lage, sich sachlich und geschickt in einer akademischen Diskussion zu beweisen – und für uns Studierende wäre es sicherlich ein großartiger Mehrwert.

giphy

Ich fasse also zusammen: Der Fall ist mit Sicherheit noch nicht abgeschlossen und es wird in den nächsten Wochen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch so einigen neuen und nicht minder brisanten Diskussionsstoff geben. Nachdenklich macht mich die Tatsache, dass das AT sich bisher an der Debatte nicht beteiligt, was darauf schließen lässt, dass es hier einen persönlichen Konflikt unter Kollegen gibt. Dennoch sollte es die Chance geben, dass die Debatte einmal ordentlich – und nicht über unpersönliche Stellungnahmen – und sachlich geführt wird. Und da wiederhole ich mich gerne: wir Studierenden würden uns sicherlich darüber freuen.

Die aktuelle Form der Debatte halte ich für einen universitären Diskurs für alles andere als angemessen. Sicherlich ist es nett, auch von der Professorenebene einmal menschliche Regungen zu spüren. Ein zentrales Thema im Theologiestudium ist die Verteidigung der eignen Thesen und Ansichten, dürfen wir Studierende das nicht auch von unseren Professor_innen fordern?

___

Update 24.04.; 20:53 Uhr:

Es ist schwer zu einer aktuellen Debatte eine stets aktuelle Meinung beizutragen. Die derzeitigen Entwicklungen haben mich eines Besseren belehrt. Unser Studierendenrat konnte am vergangenen Mittwoch, als dieser Artikel schon verfasst war, eine Stellungnahme durchbringen, die einen äußerst unglücklichen Ton einschlägt. Leider noch nicht online, jedoch hier verlinkt. Auch diese halte ich für eine Besserung der Situation nicht für förderlich. Ich habe mittlerweile weitere Gespräche geführt und bin zu der Ansicht gekommen, dass es erst einmal notwendig ist, dass Gras über die Sache wächst, bis überhaupt wieder ein fruchtbares Gespräch stattfinden kann. Ich weiß, dass ich oben ein paar scharfe Zeilen verfasst habe, dabei wünsche ich mir doch selbst ein angenehmes Klima an der Fakultät, denn ich schätze alle Professor_innen in Berlin wirklich sehr!

7 Kommentare anzeigen

  1. Oliver Rau

    Hallo,

    bei der Diskussion geht es vor allem um jenen Ausspruch in der Bibel, der viel für Streit sorgt:

    „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden“

    Ebenso verhält es sich dabei um diesen Vers:

    „Denn erstens höre ich, dass, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, Spaltungen unter euch sind, und zum Teil glaube ich es.“

    Oftmals bestimmt die Wissenschaft die Kichliche Lehre und nun liegt aber ein Umstand in der Kirche vor, der in der Wissenschaft und aber auch in der Kirche für Aufregung sorgt. Vielmehr geht es aber darum, dass geredet wird, denn Jesus und das Evangelium drängt zum Reden.

    „Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen. “

    Das Friedenstiften ist der Job des Evangelisten, bei welchem es nicht um den Fieden geht, sondern darum, das protestiert wird. Protestantismus kommt vom Protest her (Luther in Speyer bzw. Worms).

    Nunmehr gibt es aber in der Kirche einen Protest, welcher nicht mehr verleugnet werden kann. Viel Spaß beim Diskutieren ;-)

    Oliver

  2. Es ist in der Tat schade, dass es keine Disputation gibt, denn selbst wenn die These Slenzcka so abwegig ist, wie viele behaupten, scheint es ja nicht auf der Hand zu liegen, insofern wäre eine Disputation toll! Leider scheinen aber persönliche Animositäten, die aus anderen Vorfällen und Vorgängen herrühren, das unmöglich zu machen. Eigentlich schade ….

    • liberdade

      Wollen die Studierenden wirklich nur die Disputation?

      Geht es den Studierenden denn mehr um eine Beteiligung, also eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Antijudaismus in Kirche, Theologie und Gesellschaft, oder geht es um eine Beteiligung an dem Konflikte auf großer Bühne mit Showeffekten (seien es personelle oder wissenschaftstheorethische) der Fakultät?
      Oder geht es um beides?
      Sollten wir uns nicht erst über die inhaltlichen Aspekte klarer werden, bevor es personelle Konfrontationen gibt?

      Ist da nicht jede*r einzelne Studierende gefragt:
      Welchen wissenschaftlichen Ansatz verfolge ich?
      Welche Konsequenzen haben die Entscheidungen?
      Was ist meine eigene Perspektive/mein Previliertsein?
      In welcher historisch-theologischen Tradition stehe ich (NACH AUSCHWITZ!)

      – postolonial – kolonial/orientalistisch?
      – gender- feministisch – patriarchal-hierarchisch?
      – Hermeneutik der kanonischen Dialogizität und des christlich-jüdischen Dialogs – antisemitisch/antijudaistisch?
      – antirassistisch – rassistisch ?
      – befreiend, empowernd – elitär, herrschaftlich?

      Ich sehne mich nach Alternativen Handlungsmöglichleiten, einer Theologie und Wissenschaft, die sich nicht abschottet, sondern mit mit dem Leben und seinen Anfragen konfrontiert sieht und kritisch damit auseinandersetzt!

      • Jürgen Loest

        Ich beobachte das aus der Distanz, bin seit fast 30 Jahren Pastor. Glückwunsch an die Studierenden,die die Disputation fordern. Ich kann herrn Slenczka verstehen, dass er die Disputation mit Herrn Markschies möchte.
        Es ist urlutherische Tradition, die Kanonfrage zu stellen. Luther hat sie bekanntlich fürs NT sogar gestellt: er hat die sacrosankte Vulgata in Frage gestellt ( Synoden können irren, auch die, die Kanonverzeichnisse zusammenstellen), den an Acta anschl. Jakobus und den an die Paulinen anschl.Hebräer zusammen mit Judas und Offenb. zu einer Gruppe zusammengestellt, sie als apokryphe Bücher gekennzeichnet( unnumeriert, eingerückt, Vorrede). Etliche Reformatoren sind ihm gefolgt ( osiander, Bucer, Brenz, Oecolampad etc… bis in die luth.Orthodoxie hinein, in der sogar sieben Bücher als apokryph bezeichnet wurden ( 2./3. Joh; 2. Petr.). Siehe auch die Wittenburger Fakultät 1619 etc.pp. Das Stellen der Kanonfrage in AT und NT ist mitnichten gleich der Frage, ob die Erde eine Scheibe sei( so Herr Markschies).Es ist eine der zentralen Fragen der Reformation. Wenn Herr Slenczka hier mit dem disputieren will, der so prononciert redet, dann ist dies sein gutes Recht.
        Ein großes Lob für den Aufruf der Studierenden: Reißen Sie sich zusammen.
        Für alle auch noch immer der Hinweis auf die erste Disputation Luthers nach Neuordnung des Wittenberger Disputationswesens 1536 ( Weller/ Medler “ De Fide“. Da heisst es: Wenn die Gegner treiben die Schrift gegen Christus, treiben wir Christus gegen die Schrift.
        Die Kanonfrage ist eine der Kernfragen lutherischer Theologie.
        Loest

  3. PhyshBourne

    wenn ich mir so manche theologische diskussionen anschaue, frage ich mich, ob und inwieweit wir unsere bekenntnisse überhaupt noch ernst nehmen – und ob das bald zweitausend jahre andauernde ringen um den rechten ausdruck des christlichen glaubens derer vor uns überhaupt noch irgendeinen wert hat…
    müssen wir wirklich das rad immer wieder neu erfinden, statt auf dem aufzubauen, was wir ererbt haben?
    aber vielleicht geht das ja nur mir so.

    aber zum thema…
    es ist doch nur eine alte häresie in neuem gewand:
    marcion, reichsmüller, hatten wir doch alles schon ‚mal – es gibt nichts neues unter der sonne.
    freilich:
    …der schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch…
    whereat den anfängen!

  4. Folgende Kritiken:

    – der Kreidespruch kommt von der sog. „Pro-Slenczka“-Gruppe, die meint, alle Studierenden zu vertreten.
    – keiner der Kollegen hat Slenczka jemals Antijudaismus vorgeworfen. Nachzulesen im Protokoll vom Fak-Rat im April (wenn es dann bald veröffentlicht wird).
    Die Stellungsnahme, auf die sich Heye bezieht, beinhaltet nur den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit, etc. https://www.theologie.hu-berlin.de/de/st/stellungnahme-zu-den-aeusserungen-von-herrn-slenczka-1.pdf. Hier ist nicht einmal die Distanzierung von der Person S. zu finden, die oft behauptet wird.
    – Slenczka hat die von Gräb vorgeschlagene Disputation mit verschiedenen theolog. Vertretern abgelehnt. Herr Markschies wollte dann kein Disp. mit „Schlammschlacht“. Slenczka hat sich demnach mit seinem Insistieren auf M. unkooperativ gezeigt.

    Alles Liebe :-D

  5. Josef Riga

    Das AT unter die Apokryphen zu zählen ist sicherlich ein zu radikaler Bruch mit der Überlieferungen der kanonischen, grundlegenden Texte. Es sollte aber schon im gottesdienstlichen Gebrauch klar gemacht werden, dass das Zentrum der Wortverkündigung die EVANGELIEN sind und nicht irgendwelche Lach- und Sachgeschichten aus dem Bereich der altorientalischen Völkerwanderungen, in denen einer dem anderen ein paar Ziegen oder die Ehefrau abknöpft und dann das wunderbare Wirken Gottes damit verknüpft, dass ihm dieser Coup gelungen ist.
    Die katholische Kirche macht die Abschattung der beiden Bibel-Teile dadurch deutlich, dass die Gemeinde bei der AT-Lesung sitzen lässt, bei der Evangelienlesung aber zum Auftehen auffordert. Die besondere Würdigung des Christuszeugnisses wird auch noch dadurch unterstrichen, dass links und rechts vom Lesenden eine brennende Kerze steht bzw. von Messdiener_innen gehalten wird.

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