Bonhoeffer – verfemt, verklärt, vereinnahmt
Foto: Bundesarchiv (CC-BY-SA 3.0)

Zum siebzigsten Mal jährt sich der Todestag Dietrich Bonhoeffers. Seit über siebzig Jahren ist dieser deutsche Theologe für viele ein Stein des Anstoßes, ein Heiliger, ein theologisches Vorbild. Die Wendungen, die der Blick auf sein Leben durch die Jahrzehnte hindurch genommen hat, sind Spiegelbild der Geschichte des deutschen Protestantismus.

Die Menge der Bonhoeffer-Freunde ist über die Jahrzehnte hinweg gewaltig gewachsen. Seine Freunde kann man sich post mortem nicht aussuchen. Am heutigen 70. Todestag z.B. wird u.a. Wolfgang Huber in Berlin einen Vortrag über Bonhoeffer halten. An einer Bonhoeffer-Nacht nimmt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff teil, die noch im letzten Jahr mit ihrer Verdammung von künstlicher Befruchtung und Selbstbefriedigung Aufsehen erregte. Es mangelt nicht an Bonhoeffer-Interpreten und Erbverwesern. Das war nicht immer so.

Verfemt

Zu seinen Lebzeiten und erst recht nach dem 2. Weltkrieg wurde das Glaubensleben Bonhoeffers mehr als kritisch gesehen. Seine politische Radikalität war nicht nur der Bekennenden Kirche der NS-Zeit zu viel, sondern wurde auch in der Zeit des gesellschaftlichen und kirchlichen Wiederaufbaus nach dem Krieg verschmäht.

Das mag an der lutherischen Abneigung gegenüber politischem Widerstand liegen: Die Bekennende Kirche wollte der Obrigkeit gehorsam sein, solange sie sich aus den Kircheninterna heraushielt. Nur wenige begriffen zu dieser Zeit die völlige Paradigmenverschiebung, dass es den Unterschied zwischen zwei Regimentern in einem totalitären Staat nicht geben kann.

Doch die – vorsichtig formuliert – Unsicherheit der deutschen Kirchen und Theologie im Umgang mit Bonhoeffer nach dem Krieg wird wohl noch eine zweite Quelle haben: Wer sich mit der Biographie dieses Mannes auseinandersetzt, wird mit eigener Schuld konfrontiert. Es waren nur wenige, die für die Juden schrien, während doch viele weiter gregorianisch sangen.

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (Bundesarchiv Bild 183-R0211-316, CC BY-SA 3.0 de)

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (Bundesarchiv Bild 183-R0211-316, CC BY-SA 3.0 de)

Und so spielten auch in den evangelischen Kirchen Erklärungsmuster eine Rolle, die zarte und doch eindeutige Anklänge am Muster der Dolchstoß-Legende nahmen: Wer war dieser Mann, der vor Gewalt und Kollaboration nicht zurückschreckte? Wer war dieser Mann, der in der Bedrängnis des deutschen Volkes strikt international dachte und handelte? Wer war dieser Mann, der sein Martyrium scheinbar geraden Rückens ertrug, während andere unter sehr viel weniger Druck einknickten?

Bonhoeffer blieb für lange Zeit – und ist es für Rechtskonservative zum Teil bis heute – ein Vaterlandsverräter, ein Abtrünniger, ein Stein des Anstoßes.

Verklärt

Dieses Bonhoeffer-Bild veränderte sich erst im Laufe der 60er-Jahre. Die Veröffentlichung seiner Briefe und Schriften aus der Gefangenschaft durch Eberhard Bethge und das veränderte Bewusstsein eigener Schuld und Verantwortung für die Shoah und den Nationalsozialismus sind hierfür vor allem verantwortlich zu machen. Die Veränderungen des Bonhoeffer-Bilds und des Blicks auf die eigene Vergangenheit im Nationalsozialismus gehen für die evangelischen Kirchen und Theologen im Wechselschritt, sind ohne einander gar nicht denkbar.

Bonhoeffer ist der evangelische Heilige der NS-Zeit auch deshalb geworden, weil er dem veränderten Blick auf die eigene dunkle Vergangenheit am meisten entsprach, gerade in seinem Widerspruch auch gegen die gemäßigte Bekennende Kirche, die ihm nicht folgen wollte oder konnte. Und der Blick in die Verstrickungen mit dem NS-Regime wurde durch die Auseinandersetzung mit einem Mann ermöglicht, der sich kirchenpolitisch weit außen positionierte, der Außenseiter war und sich doch in ganz anderer Weise die Hände schmutzig gemacht hatte.

Dietrich_Bonhoeffer_Briefmarke

Briefmarke der Deutschen Post von 1995 (gemeinfrei)

Eine Begleiterscheinung der Adoption Bonhoeffers in den Mainstream der evangelischen Kirche war die Glättung seiner theologischen Überzeugungen, seiner politischen und ethischen Radikalität und seiner exzentrischeren Charakterzüge. In das Zentrum der Beachtung rückte der mutige Mann, der zweifelnde Mensch, der Verfolgte, der Heilige Bonhoeffer. Dazu trug sicher auch die mediale Aufbereitung seiner Biographie durch Bethge bei, bis hin zum Kinofilm mit Ulrich Tukur in der Titelrolle.

Seinen Siegeszug durch die Religions- und Konfirmandenstunden hatte Bonhoeffer da längst angetreten. Nicht zuletzt deshalb, weil auch seine Theologie in und nach den 1960er-Jahren erstaunliche Anknüpfungspunkte für progressive Weiterentwicklung bot. Die Befreiungstheologien Süd- und Nordamerikas, der „andere Protestantismus“ Dorothee Sölles, überhaupt eine Theologie nach Auschwitz, schien ohne die Theologie und Biographie des Mannes, der in Flossenbürg erhängt worden war, nicht möglich, wurde jedenfalls in Deutschland in diesem Kontext rezipiert.

Doch in der Breite blieben es seine „volkstümlichen“ Texte und seine Biographie, die Bonhoeffer zu dem Heiligen des 20. Jahrhunderts machten. Unbequemes aus seiner Lebensgeschichte und weite Teile seiner Theologie fielen dabei unter den Tisch oder wurden absichtsvoll verdrängt. Auch dafür wird wiederum das Schuldbewusstein der Deutschen, der deutschen Protestanten allzumal, verantwortlich zu machen sein. Diesmal allerdings in seiner Umkehrung: Leicht, allzu leicht fällt die Heiligenverehrung, wenn man dem Gegenstand der Verehrung jede Kante und Wunde nimmt.

Vereinnahmt

Auf diese Weise wurde Bonhoeffer vom liberalen Protestantismus vereinnahmt. Konservative Kreise, Pietisten und Evangelikale schauten weiter skeptisch bis zutiefst ablehnend auf den lebenslustigen, politisch und herausfordernd denkenden Mann, der ihnen da vorgeführt wurde. War er nicht einer dieser Liberalen, der sich gar vorstellen konnte, Gott gäbe es nicht? Hatte er nicht Bultmanns Entmythologisierung gelobt und gelehrt? War er nun Pazifist oder hatte er zur Waffe greifen wollen?

Erst nach Ende des Kalten Krieges konnten sich diese Gruppen vermehrt für Bonhoeffer erwärmen. Auch, weil inzwischen Bonhoeffers eigener Konservatismus durch Georg Huntemann („Der andere Bonhoeffer“, 1989) und viel später und wirkungsmächtiger von Eric Metaxas („Bonhoeffer: Pastor, Agent, Märtyrer und Prophet“, 2009) bekannt gemacht wurde. Dazu gehören: Bonhoeffers schon für die 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts antiquiert-traditionelles Familienbild, seine Vorstellung von der Rolle der Frau in Familie, Kirche und Gesellschaft, seine Abtreibungsgegnerschaft, seine Bibelrezeption, seine Christusmystik und die Betonung der Nachfolge.

Flossenbürg_Arresthof

Die Hinrichtungsstätte Bonhoeffers: der Hof des Arrestblocks im KZ Flossenbürg (CC BY-SA 3.0, by Concordiadomi)

Metaxas‘ Buch entfesselte in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren geradezu eine Bonhoeffer-Renaissance. Sollte ausgerechnet der streitbare Deutsche jene Person sein, auf die sich Sozialreformer, Liberale, Equal-Rights-Aktivisten auf der einen Seite und konservative Christen, Bible-Belt-Bewohner und Evangelikale andererseits einigen könnten?

Eher nicht. Vielmehr handelt es sich um eine erneute Vereinnahmung, die wohl ein paar wenige blinde Flecken der liberalen Lesart korrigiert, der Biographie und Theologie Bonhoeffers aber erstaunliche Verbiegungen abnötigt: Funktioniert Bonhoeffers Widerstand gegen den NS-Staat als Vorbild für den Libertarismus des frühen 21. Jahrhunderts? Gereicht seine Familien- und Sexualmoral uns zum Vorbild? Ist sie gar für seine Theologie und sein Leben zentral? Wäre – wie Metaxas meint – Bonhoeffer, lebte er heute, ein kulturkämpfender Evangelikaler?

Erstaunlicherweise ist gerade die konservative Kritik, die den Liberalen Vereinnahmung Bonhoeffers im Sinne der Moderne vorwirft, besonders schnell und gründlich dabei, Bonhoeffer aus seiner Zeit herauszuschneiden, seinem Denken und Leben etwas erstaunlich Zeitloses geben zu wollen, ihn also für alle Zeiten zu modernisieren.

Doch statt immerwährender Aktualisierung und Modernisierung ist wohl eher eine gründliche Historisierung seiner Person und seines Werkes  angezeigt. Ihn aus seiner Zeit, aus seiner Lebensgeschichte, die an konkrete Orte und Ereignisse gebunden ist, zu verstehen, das ist Aufgabe einer verantwortlichen Kirchen- und Dogmengeschichtsschreibung. Denn zu ihr, zur Kirchen- und Dogmengeschichte des 20. Jahrhunderts, gehört Bonhoeffer.

Der andere Bonhoeffer

Der Streit um die Deutungshoheit Bonhoefferschen Wirkens und Lebens ist neu entbrannt. Die neue Bonhoeffer-Biographie Charles Marshs („Dietrich Bonhoeffer: Der verklärte Fremde“, 2014) ist eine deutliche Erwiderung auf Metaxas Versuch. Sie bleibt nicht so verhängnisvoll wie jener in einer amerikazentrischen Verknappung und Verzerrung hängen. Und sie fokussiert wiederum auf einen ganz anderen Bonhoeffer. Man fragt sich, wieviele Bonhoeffers es wohl noch geben wird?

Doch auch hierzulande wird sich unser Bonhoeffer-Bild ändern, weil sich die Welt ändert, aus der wir auf diesen Kirchenmann und Theologen des 20. Jahrhunderts blicken. Bonhoeffer bleibt auch im siebzigsten Jahr nach seinem Tod schillernd, gegen Vereinnahmung nicht immun.

So kann man, je nachdem mit welchem seiner Werke man sich beschäftigt oder welchem Teil seiner Biographie oder welchem seiner Biographen man sich zuwendet, einen anderen Bonhoeffer entdecken. Den ganzen Bonhoeffer gibt es nicht. Das ist nicht nur Folge eines viel zu früh zu Ende gekommenen Lebens, welches sich jeder Homogenisierung versagt, das ist auch tröstlich.

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

8 Kommentare anzeigen

  1. Interessanter Überblick. Ich hätte allerdings die Bonhoeffer-Rezeption im geteilten Deutschland noch erwähnenswert gefunden. Im christlichen Teil der Friedensbewegung in Westdeutschland z. B. war Bonhoeffer mit seiner Fanö-Predigt sehr präsent. Im Osten war andererseits Albrecht Schönherr maßgeblich daran beteiligt, Bonhoeffers Gedankengut in die Konzepte einer Kirche im Sozialismus einzubringen.

    Neben den neueren Biografien von Metaxas (1x Schreibfehler ‚Metaxa‘ noch zu korrigieren) und Marsh hätte m. E. auch die von Ferdinand Schlingensiepen erwähnt werden sollen.

    • Danke für den Kommentar. Ja, die Bonhoeffer-Rezeption im geteilten Deutschland bräuchte wohl noch einen eigenen Artikel (und generell mehr Beachtung). Mir ging es ja vor allem darum, eine grundlegende Historisierung anzuregen. D.h. Bonhoeffer als Theologen des 20. Jahrhunderts bestehen zu lassen, ohne ihm die Diskurse des 21. Jahrhunderts aufzuzwingen.

      Die Biographie von Schlingensiepen habe ich schlicht nicht gelesen. Da wird es mit der beiläufigen Erwähnung natürlich schwer. Welche Betonung hat er denn eingebracht?

      • Schlingensiepen habe ich selbst noch nicht gelesen, aber er bekommt überwiegend positive Rezensionen. Metaxas fand ich sehr gut, allerdings konzentriert auf die Person und das Handeln Bonhoeffers sowie den Kirchenkampf, theologisch dagegen mager und sehr selektiv. Und Marsh? Mit seinen Spekulationen über Bonhoeffers sexuelle Orientierung, wie auch immer die gewesen sein mag, disqualifiziert der sich doch selbst. Aber vielleicht ist der Rest ja besser.

        • Warum sollte sich ein Biograph disqualifizieren, wenn er über die Sexualität seines „Objektes“ schreibt? Das Buch ist fett genug und Marsh in der Lage, Bonhoeffers Denken zu durchdringen und nicht wie Metaxas einseitig für eigene Agenden in Anspruch zu nehmen.

          • Ich habe nicht behauptet, dass sich ein Biograph grundsätzlich disqualifiziert, wenn er über Sexualität schreibt. Bei einer Biographie über Freddy Mercury z. B. würde ich das sogar erwarten. Aber bei Bonhoeffer und auf der Basis seiner Freundschaft zu Bethge scheint mir das sehr weit hergeholt zu sein, und durch derlei Spekulationen kann sich ein Biograph schon disqualifizieren.

            Warum eigentlich sollte Marsh in der Lage sein, Bonhoeffers Denken zu „durchdringen“? Nur weil er Theologieprofessor ist?

            • Ich hätte schon gedacht, dass die sexuelle Orientierung für etwas so persönliches wie Theologie doch eine Rolle spielt.

              Marsh schreibt ja auch (soweit ich weiß) nirgendwo, dass Bonhoeffer auf jeden Fall homosexuell gewesen sein soll.

              Auf der anderen Seite ist eine Biographie doch immer voll von Spekulationen. Warum sollte denn Spekulation z.B. über persönliche Motivation oder innere theologische Entwicklungen angemessen sein, Spekulation über sexuelle Identität aber nicht?

              • Biographen können prinzipiell schreiben, was sie wollen, solange es nicht ehrenrührig bzw. justiziabel ist. Leser können entscheiden, ob das Geschriebene für sie interessant ist. Eine Biographie voller Spekulationen fände ich persönlich uninteressant. Von einem Biographen erwarte ich solide Recherchearbeit und eine Art der Präsentation, die mich den Biographierten besser kennenlernen lässt. Ich will Marsh auf keinen Fall unrecht tun, vor allem nicht, solange ich ihn nicht gelesen habe. Ich könnte es nachvollziehen, wenn er nach Metaxas‘ Versuchen, Bonhoeffer evangelikal zu vereinnahmen, ein Kontrastprogramm bringt. Allein eine Spekulation über Homosexualität ist bestimmt auch gut geeignet, eine bestimmte Klientel bereits Gift und Galle spucken zu lassen. Das scheint aber nur ein weniger bedeutender Teilaspekt zu sein.

                Ob und inwieweit Theologie (mit Wissenschaftsanspruch) etwas Persönliches ist und sein sollte, sollen die Meta-Theologen beantworten.

  2. dergestalt

    Das Bonhoeffer-Bild des Autoren ist wohl mindestens so einseitig wie das des erwähnten Metaxas. Wer nichtmal erwähnt, dass die Nachkriegsrezeption völlig das Mittelwerk Bonhoeffers (Gemeinsames Leben; Nachfolge) ausblendete, um ihre These vom religionslosen Friedensaktivisten halten zu können (auch unter zuhilfenahme einer mittlerweile erwiesenermaßen falschen Zusammenstellung der Ehtik durch Bethge), verkürzt einiges. Möglicherweise hat B. Bultmanns Entm. gelobt. Er hat bultmann an anderer Stelle aber auch ausführlich kritisiert, z.B. die These, dass es nur auf den kerygm Jesus, nicht aber den historischen Jesus ankäme (Nachfolge, 219). Ich behaupte, dass die Bonhoeffer-Forschung zuwenig zwischen von Bonhoeffer gewollten Publikationen und Schriften, die eher privaten charakter tragen, unterscheidet. Widerstand und Ergebung ist ja nie als Wortmeldung innerhalb von Theologie oder Gesellschaft gedacht gewesen, sondern mehr ein Tagebuch. Dass man dieses Werk dann isoliert von den anderen betrachtet bzw. es als hermeneutischen zugang zu den anderen versteht, erschließt sich mir nicht. Die Zwei Fronten, die der Autor aufmacht – nämlich böse amerikanische Konservative vs. gute internationale liberale – dürften wohl auch nicht das Gesamtbild an Bonhoefferrezeption widergeben.
    Wobei natürlich abschließend vlt. gerade das an B. hervorzuheben ist – dass er sich der Vereinnahmung beider genannten Gruppen immer wieder wunderbar entzieht. Da stimme ich dem Autor gerne zu :-)

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.