Gelesen – „Schöpfung und Fall“ von Dietrich Bonhoeffer
Michelangelo – Schöpfung Adams (Gemeinfrei)

Die Vorlesung, die Dietrich Bonhoeffer in den Jahren 1932/33 in Berlin über Genesis 1–3 hielt, schaffte es damals, seine Hörer ins Staunen zu versetzen und zu verblüffen. Das mit rund 120 Seiten recht kleine Büchlein war das liebste Buch Maria von Wedemeyers, das aus der Feder ihres Verlobten stammte. Doch die Gedanken, die Bonhoeffer in „Schöpfung und Fall“ äußert sind inzwischen wahrscheinlich nicht mehr theologische Mode.

Heute würde man ihm wohl den für ihn und die ganze dialektische Theologie so charakeristischen „Christozentrismus“ vorwerfen. Seine Auslegung entspräche nicht mehr den gängigen Erkenntnissen der alttestamentlichen Exegese und man würde doch deutlich den liberaltheologischen Gegner herauslesen können, dem der kürzlich „vom Theologen zum Christen“ (nach E. Bethge) gewandelte Bonhoeffer auf den kariösen Zahn fühlt. Nur eines vorweg: Eine „schöpfungsethische“ Konzeption wird man in diesem Buch nicht finden. So etwas wäre Bonhoeffers Ansatz gänzlich unangemessen.

Trotz der möglichen Kritikpunkte hat seine Meditation über die Schöpfung auf mich eine große Faszination ausgeübt. Zum einen ist dieses recht kurze Büchlein in einer wortgewaltigen Sprache gehalten, die zum Teil die Grenze zum Pathos überschreitet. Zum andern wird die christozentrische Perspektive, aus der das Alte Testament betrachtet wird, mit einer heute ungekannten Vollmacht dargelegt, die einen Widerspruch zwar nicht unmöglich macht, ihn aber zu einer grundsätzlichen ekklesiologischen Selbstreflexion herausfordert.

Denn es geht Bonhoeffer immer allein um die Kirche und ihren Bezug zu Christus, alles andere wird dem nachgeordnet, wodurch die Betrachtung der Schöpfung einen einheitlichen theologischen Rahmen erhält. Wer ihm darin widersprechen möchte, ist genötigt, zunächst seine Christologie und seine Ekklesiologie darzulegen. Aber er ist freilich auch eingeladen, die Thesen Bonhoeffers würdigend aufzunehmen.

Das ganze klingt dann zum Beispiel so:

Was kann die Heilige Schrift, auf der die Kirche Christi steht, dort, wo sie von Schöpfung, vom Anfang redet, anderes sagen, als daß allein von Christus her wir wissen können, was Anfang sei. Die Bibel ist doch eben nichts als das Buch, auf dem die Kirche steht. Sie ist dies ihrem Wesen nach, oder sie ist nichts. Darum will sie ganz vom Ende her gelesen und verkündigt sein. Darum ist die Schöpfungsgeschichte in der Kirche allein von Christus her zu lesen, und erst dann auf ihn hin; auf Christus hin kann man ja nur lesen, wenn man weiß, daß Christus der Anfang, das Neue, das Ende unserer Welt ist. (S. 7)

Im folgenden Textauszug wird die Umsetzung dieses Zugangs deutlich. Bonhoeffer schreibt hier über die Frage nach dem „Nichts“ im „Vorhinein“ der Schöpfung – ob es überhaupt theologisch sinnvoll sein kann, über ein solches zu sprechen. Diese Frage setzt er mit der Osterbotschaft in Beziehung:

Der tote Jesus Christus des Karfreitags – und der auferstandene Kyrios des Ostersonntags, das ist Schöpfung aus dem Nichts, Schöpfung vom Anfang her. Daß Christus tot war, war nicht die Möglichkeit seines Auferstehens, sondern die Unmöglichkeit, war das Nichts selbst, war das nihil negativum. Es ist schlechterdings kein Übergang, kein Kontinuum zwischen dem toten und dem auferstandenen Christus als die Freiheit Gottes, die am Anfang aus dem Nichts sein Werk schafft. Wenn es möglich wäre, das nihil negativum noch zu verstärken, so müßte hier bei der Auferstehung gesagt werden, es sei mit dem Tode Christi am Kreuz das nihil negativum in Gott selbst hineingenommen – oh, große Not, Gott selbst ist tot – aber er, der der Anfang ist, lebt, vernichtet das Nichts und schafft die neue Schöpfung in seiner Auferstehung. Aus seiner Auferstehung wissen wir um die Schöpfung, – denn wäre er nicht auferstanden, so wäre der Schöpfer tot und bezeugte sich nicht; aus seiner Schöpfung aber wissen wir dann wieder um die Kraft seines Auferstehens, weil er der Herr bleibt. (S. 17f.)

Die systematische Reflexion über das Wesen der Schöpfung nimmt den größten Teil der Betrachtung von Genesis 1 ein. Bonhoeffer arbeitet sich am Luthertext entlang, teils versweise, teils in größeren Blöcken. Die einzelnen Schöpfungswerke werden anschließend auf das zuvor erarbeitete Wesen der Schöpfung bezogen.

Entsprechend dem Duktus der biblischen Schöpfungserzählungen werden die Schöpfungswerke in ihr Verhältnis zum Menschen gesetzt und vom Herrschaftsauftrag des Menschen über die Schöpfung klargestellt, dass dieser sich aus dem Verhältnis des Menschen zu Gott herleitet und nicht die Herrschaft bedeutet, die der Mensch eigenmächtig an sich gerissen hat.

Neben der Begründung und Darlegung der christologischen Perspektive auf die Schöpfung bei der Betrachtung von Genesis 1 nimmt bei der Betrachtung von Genesis 2 und 3 naturgemäß die theologische Anthropologie eine Schlüsselrolle ein: „Dort [sc. Gen 1]: der-Mensch-für-Gott, hier [sc. Gen 2]: Gott-für den Menschen, dort der Schöpfer und Herr, hier der nahe, väterliche Gott; dort der Mensch als die letzte Tat Gottes, die ganze Welt vor dem Menschen erschaffen, hier gerade umgekehrt: Am Anfang der Mensch […] (S. 52), der vorgestellt wird als „selbst ein Stück Erde, aber von Gott zum Menschsein berufene Erde.“ (S. 54)

Höhepunkt der Darlegungen Bonhoeffers ist wohl seine hamartiologische Konzeption, die in der Geschichte des Sündenfalls gründet und selbst noch in seiner „Ethik“ deutlich nachhallt, die Entzweiung des Menschen mit Gott und darum mit sich selbst; die Erkenntnis von Gut und Böse als Grund dieser Entzweiung, die Entzweiung als Ursache von Scham.

Bonhoeffer zieht seine Leser mit hinein in den Abgrund, der sich in der grundlosen Versuchung der ersten Menschen durch die Schlange öffnet. Das „erste religiöse, theologische Gespräch“ (S. 86) zwischen Eva und der Schlange wird im Detail betrachtet und in seiner Gottlosigkeit aufgedeckt: „Nicht gemeinsame Anbetung, Anrufung Gottes, sondern Rede über Gott, über Gott hinweg.“ (S. 87) Der Weg vom Menschen, der imago dei, Abbild Gottes ist, hin zu dem Menschen, der sicut deus, wie Gott, sein will, wird scharfsinnig nachgezeichnet.

Leider wirkt es dann noch einmal aus heutiger Sicht etwas albern, wenn Bonhoeffer, von seinen tiefsinnigen theologischen Betrachtungen ausgehend, gegen Ende ungewohnt pauschal über Sexualität herzieht:

Die Sucht des Menschen nach dem anderen Menschen findet ihren ursprünglichen Ausdruck in der Sexualität. […] Sexualität ist leidenschaftlicher Haß jeder Grenze, ist Unsachlichkeit im höchsten Ausmaß, ist Ichwille […]. Sexualität will die Vernichtung des anderen Menschen als Geschöpf, raubt ihm seine Geschöpflichkeit, vergreift sich an ihm als an seiner Grenze, haßt die Gnade; und in dieser Vernichtung des anderen soll das eigene Leben sich erhalten, sich fortpflanzen, im Vernichten ist der Mensch schöpferisch, in der Sexualität erhält sich das Menschengeschlecht in seiner Vernichtung. (S. 99f.)

Dennoch können diese Entgleisungen, über die man bereit sein sollte, hinwegzusehen, nicht den Gesamteindruck des Buches trüben. Bonhoeffer gelingt es, einen für heutige Theologenohren ungewohnten Zugang zur Bilderwelt der Schöpfungsgeschichten zu erschließen, der nicht nur existenziell relevant ist, sondern vor allem stets auch den christlichen Glauben stärken möchte. „Schöpfung und Fall“ gehört in der Regel nicht zur Standardliteratur bei der universitären Beschäftigung mit Bonhoeffer, aber dieses Buch scheint mir für ein abgerundetes Bild seiner Theologie unabdingbar zu sein. Auch eine Untersuchung seiner Entwicklung in der Hamartiologie zwischen „Schöpfung und Fall” und der „Ethik“ kann gewiss lohnend sein.

Das Buch ist zurzeit leider nur noch antiquarisch zu erhalten und die Angebote im Internet sind recht teuer. Wer aber die Gelegenheit hat, sich dieses Buch in einer Bibliothek einmal auszuleihen, dem kann ich nur dazu raten, das zu tun. In der Reihe der Dietrich Bonhoeffer Werke (DBW) trägt Schöpfung und Fall die Bandnummer 3.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Sebastian

    Danke für den Beitrag.
    Kleiner Hinweis: Peter Zimmerling von der Uni Leipzig hat „Schöpfung und Fall“ neu herausgegeben. Erschienen 2016 im Brunnen Verlag Gießen.

  2. Sebastian Schumacher

    Ich finde nicht, dass die Auslassungen zur Sexualität unvermittelt kommen. Dafür war Bonhoeffer dann doch ein zu klarer Denker. Wer die kreatürliche Welt als gefallen, zerstörerisch, ja als tot sieht, der wird gerade da, wo der Mensch dieser kreatürlichen Welt am nächsten kommt, seine Abscheu zeigen. Wenn man Bonhoeffers Leben und sein tragisches Schicksal betrachtet, wird diese Abscheu vor dem weltlichen verständlich. Er sah wohl keine Hoffnung, dass der Mensch aus eigener Kraft das Gute erreichen kann oder das dass Gute überhaupt irgendwo in dieser geschaffenen Welt zu finden sei. Ein trauriger Mensch, ein Blinder, der im Glauben lebt, die Welt sei Finsternis.

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