Moment mal: Die Feindbilder im „Bremer Predigtstreit“

Sicher habt ihr bereits gehört von der Debatte rund um die Predigt des Bremer Pfarrers Olaf Latzel – inzwischen wohl als „Bremer Predigtstreit“ in die Annalen der Kirchengeschichte eingegangen. Ich will hier mal nichts zu der Predigt selbst sagen (das haben andere bereits trefflich erledigt), sondern über die Reaktionen, die sie auslöste. Daran kann man nämlich eines der Kernprobleme zeigen, das wir als Kirche heute in meinen Augen haben.

Alles ging damit los, dass die wichtigsten kirchlichen Medien ende Januar über die Predigt berichteten. Da war natürlich der epd, aber auch die evangelikale „Nachrichtenagentur“ idea[1], die mit einer Meldung aufwarteten.[2] Spannend war der Vergleich dieser Meldungen.

idea titelte „Heftige Kontroverse um evangelikalen Pastor in Bremen“ und zitierte die Predigt von Latzel folgendermaßen:

Er hatte sich in seiner Predigt am 18. Januar dagegen gewandt, die Unterschiede zwischen Christentum und Islam zu verwischen: „Es gibt nur einen wahren Gott. Wir können keine Gemeinsamkeit mit dem Islam haben. Das ist Sünde. Das darf nicht sein. Davon müssen wir uns reinigen. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ Latzel rief Christen auch dazu auf, Buddha-Figuren aus ihren Wohnungen zu verbannen.

Beim Lesen des Berichts des epd („Nach Religionsbeleidigung geht Bremer Kirche auf Distanz zu Pastor“) konnte man wiederum meinen, es ginge um eine völlig andere Predigt. Dort hieß es:

In einer Predigt hat der Bremer Pastor Olaf Latzel in der St.-Martini-Kirche andere Religionen massiv beleidigt. Das islamische Zuckerfest bezeichnete Latzel als “Blödsinn”, Buddha als “dicken, fetten Herrn” und den Segen des Papstes “Urbi et Orbi” als “ganz großen Mist”. Zum Umgang mit Reliquien in der katholischen Kirche sagte der evangelisch-konservative Pastor, “der ganze Reliquiendreck und -kult ist heute noch in der katholischen Kirche verbreitet”. Bremens leitender evangelischer Theologe Renke Brahms bezeichnete die Predigt Latzels als “geistige Brandstiftung”.

Alles andere als Neutral

Man braucht kein Exeget zu sein um zu erkennen, dass es hier – obgleich beide Texte formal neutral berichten – alles andere als neutral zugeht. Der epd-Text reduziert die Predigt von Latzel auf „massive Beleidigungen“ andererer Religionen. Es wird der Eindruck vermittelt (und auch im Munde eines Bremer Theologens ausgesprochen), die Predigt sei reine „geistige Brandstiftung.“

Der idea-Text wiederum gibt die vermutliche Predigt-Intention angemessen wieder, verschweigt die beleidigenden Passagen jedoch komplett. In dieser Version der Ereignisse liest es sich so, als würde Latzel von seiner Landeskirche angegriffen, weil er verkündigt hat, dass „es […] nur einen wahren Gott“ gebe.

Auf beiden Seiten Feindbilder

Mein Punkt ist: Beide Versionen der Geschichte sind irgendwie irreführend. Das innerkirchliche Problem, das anhand dieser Predigt erneut aufgebrochen ist, liegt nicht darin, dass Latzel ein „Hassprediger“ ist, der andere Religionen beleidigt. Der Prediger selbst hat sich mehrmals ausdrücklich für seine vom epd zitierte Wortwahl entschuldigt. Trotzdem bleibt das Problem.

Latzels Anhänger wiederum behaupten, dass die inzwischen extrem liberalisierte evangelische Kirche einfach keine „klare christliche Botschaft“ mehr verkrafte. Auch das ist Unsinn, macht aber das eigentliche Problem deutlich. Wir als Kirche haben ein Kommunikationsproblem. Auf beiden Seiten werden Feindbilder beschworen, die so mit der Realität nichts zu tun haben. idea-Leser haben keine Ahnung davon, was an deutschen theologischen Fakultäten heutzutage gelehrt wird und Theologen wiederum scheinbar keine Ahnung, was die Frömmigkeit pietistisch geprägter Christen ausmacht.

Ich finde, in dieser Spannung liegt ein wichtiges theologisches Arbeitsfeld unserer Zeit. Wie können wir die verschiedenen Theologien verschiedener Menschen miteinander ins Gespräch bringen? Ich würde mir von meinen Mittheologen weniger Geläster gegen „diese Nazis“ und mehr konstruktives Nachdenken wünschen. Genauso wünsche ich mir von der Bremer St.-Martini-Gemeinde und allen, die so wie sie denken, die Bereitschaft, über die eigene Positionen kritisch zu diskutieren. Denn keiner von uns ist im ausschließlichen Besitz der Wahrheit.


  1. Mit idea habe ich in der Vergangenheit schon Hühnchen gerupft, und zwar hier: „idea ist keine Nachrichtenagentur“.  ↩
  2. Scheinbar gehört zum seriösen Auftritt als Nachrichtenagentur unbedingt ein Akronym in Kleinbuchstaben mit dazu …  ↩

14 Kommentare anzeigen

  1. Esther

    Diese Predigt war doch eindeutig. Von Gideon lernen wir den gottgewollten Umgang mit Götzen: Umhauen, Verbrennen, Hacken, Schnitte ziehen. Das sich solche Aktionen auf die eigene Wohnung zu beschränken haben sagt uns zwar das Strafgesetzbuch, aber weder Gideon noch Latzel.

    Das ist eine ganz normale Hasspredigt. Ähnliches – in etwas angemessenerer Form – ist doch auch immer wieder mal von einem Iman zu hören.

    Der Unterschied ist, dass die türkischen Gemeinschaften solche Leute inzwischen nicht mehr predigen lässt, während eine deutsche Landeskirche sich leider außer Stande sieht einen Hassprediger der eigenen Reihen zu verweisen.

    Dieses Herumgeeiere ist das Problem, nicht so sehr die Predigt selbst. Die hat zumindest bisher noch keiner zum Anlass genommen kath. Kirchen, Moscheen oder Tempel anzugreifen. Aber mit einer Kirche, für die auch offensichtlicher Irrsinn dieser Art hinnehmbar ist verbindet nicht nur mich wenig.

    Esther

  2. Schön. So was lese ich gerne. Ich würde mal sagen: diese Predigt war biedermännisches Zündeln, mit der Möglichkeit zur Brandstiftung bzw. mit der fahrlässigen Hinnahme, dass andere dann weitergehen im Zündeln.
    Dabei war Pastor Latzel sich sicher der rechtlichen Schranken bewusst und hat einige Sicherungen eingebaut. Die Zusicherung, dass Christen verpflichtet seien, sich zum Schutz vor angegriffene Minderheiten zu stellen, die sollte man sich gut merken!
    Die im Netz auch mehrfach geteilte Predigt des Kopenhagener Imams ist in frappierender Weise ähnlich: ging auch irgendwie drum, dass man nicht durch zu große Toleranz die eigene Wahrheit verwischt. Man kann sie vergleichen, wenn man einen Vergleich nicht auf dümmliche moderne Weise als Gleichsetzung missversteht. An einigen Stellen dachte ich: So ähnlich sagt’s der Bremer Pfarrer auch, nur mit ein wenig anderen Worten. Der Kopenhagener Prediger ging an wichtigen Punkten (tötende Gewalt!) weiter. Vielleicht war er sich der Schranken nicht so bewusst.
    Politisch ist die Bremer Predigt natürlich eine Katastrophe – egal, wie man sie im Einzelnen interpretiert oder gezielt missinterpretiert / überinterpretiert. Den Prediger dafür rechtlich zu belangen, sollte man aber nicht versuchen. Na und kirchlich? Formal eignet sie sich nicht für angedrohte Disziplinarverfahren. Wir müssen kirchlicherseits wohl solche Elefanten im Porzellanladen aushalten und für die Verletzten (Muslime, Katholiken ff) helfen, positive Gegenbeispiele aufzubauen. Das auch deshalb: Gröber als sonst in der Kirchengeschichte (Luther!) sind die Beleidigungen ja auch nicht. Manche dieser beleidigenden Formulierungen empfand ich mehr diesem Entertainment-Stil geschuldet – sollte wohl spaßig rüberkommen: Buddha, dieser dicke alter Herr.
    Am spannendsten finde ich ja, dass Latzel eigentlich hauptsächlich gegen Motschmann polemisiert. Vielleicht dies sogar als eigentlicher Anlass dieser Predigt?! Vielleicht wäre es ganz sinnvoll zu sehen, welcher interessante Spalt sich da im doch sonst sehr fest gefügten konservativen Lager auftut.

  3. Esther

    Die im Netz auch mehrfach geteilte Predigt des Kopenhagener Imams ist in frappierender Weise ähnlich: ging auch irgendwie drum, dass man nicht durch zu große Toleranz die eigene Wahrheit verwischt. Man kann sie vergleichen, wenn man einen Vergleich nicht auf dümmliche moderne Weise als Gleichsetzung missversteht.

    Wie soll das eigentlich gehen? Unter Christen sind Antitrinitarier selten und randständig. Die Vorstellung eines dreieinigen Gottes ist weder für Juden noch für Muslime hinnehmbar.

    Das wissen aber alle, die sich auf interreligiöse Projekte – von der gegenseitigen Einladung zum Gemeindefest bis zum gemeinsamen Gebetshaus – einlassen.

    Nebenbei: Ich bin gespannt, ob die Staatsanwaltschaft wirklich etwas tut.

  4. Na, gegen die Trinitätslehre hat’s der in Kopenhagen wohl nicht so gehabt. Ging mehr um Abgrenzung: nicht so viele Begegnungen mit anderen.
    Darum ging’s ja auch dem in Bremen. Und der hat’s mit der Trinitätslehre wohl seinerseits nicht so drauf. Hätte keiner der alten Dogmatiker gesagt: Josua habe seine Treue gegenüber Jesus bewährt. Aber das nur nebenbei. Tut nix zur Sache.
    Ich bin nicht auf die Staatsanwaltschaft gespannt. Sondern wie man das klimatisch dort einigermaßen hinbekommt – wie man die Scherben im Porzellanladen einsammeln kann…

    • Esther

      Leute, die sich für die einzig Besseren halten gibt’s doch immer und überall. Das klingt im besten Fall sektenhaft und im schlimmsten Fall nach einer Hasspredigt.

      Wie es in Bremen weitergeht interessiert mich auch. Im Augenblick sieht es wohl so aus, dass die Kirche gar nichts ausrichten kann, bevor die Staatsanwaltschaft wegen einer Straftat – am ehesten wegen Volksverhetzung – ermittelt.

      Wenn ich es richtig verstanden habe muss man jeden Pfarrer so lange halten und bezahlen, bis seine Gemeinde nicht mehr mitspielt. Das ist schon ein sehr weitgehender Freibrief.

      Ganz nebenbei: Von Luther sind zwar abscheuliche Hasstiraden überliefert – auch in Schriftform. Aber deshalb dürfte hoffentlich dennoch kein Pfarrer, der seine Stelle behalten will in Luthers Stil gegen Juden oder auch nur gegen den Papst hetzen Das dürfte schon vor 500 Jahren bizarr bis verrückt gewirkt haben, heute wäre es hoffentlich indiskutabel.

      Esther

  5. Im Prinzip möchte ich der Esther zustimmen: Solche unflätigen Ausdrücke wie Luther sollte heute keiner in öffentlicher Rede verwenden. Manches war seinen Freunden sogar peinlich; aber als bizarr bis verrückt hat es damals nicht allgemein gegolten. Feinere Manieren setzten sich nur langsam durch.
    Nun, so unfein hat sich auch Latzel nicht ausgedrückt. Nur wird man eben, wenn man die Ausdrucksweise von Luther kennt, dem Latzel seine schon relativ feinere Ausdrucksweise nicht vorwerfen können. Ich denke, man kann spüren, dass er sehr genau aufgepasst hat, was er sich erlauben kann. Dabei war der Sprachduktus wie bei einer freien Rede, so dass auch nicht druckreife Ausdrücke hinein kamen. Aber ich unterstelle, dass es hinten und vorne zu keiner Beleidigungsklage oder Klage wegen Volksverhetzung reichen würde. Welcher Passus denn etwa?
    Das mit dem „weitgehenden Freibrief“ kann eine sehr zweischneidige Sache sein – müsste man auf anderer Ebene diskutieren. Den hier mitlesenden Theologie-Studenten gesagt: ist einerseits gut, dass Kirchenleitungen sich an juristische Regeln halten müssen – eben im Gegensatz zu dem, was sich in einer Gemeinde zusammenbrauen kann und juristisch sehr schwer fassbar ist. Andererseits macht sich uU eine Kirchenleitung auch mal sehr schnell von einer entsprechenden Gemeindestimmung abhängig. Was das für PfarrerInnenzur Folge haben kann, wurde schon unter dem Stichwort „Wartestandsregelung“ verhandelt.
    In diesem Bremer Fall wäre der Weg der öffentlichen Diskussion wohl einer juristischen Bearbeitung vorzuziehen. Ich fürchte nur, dass das zwar viele sehen, dass man aber im allgemeinen kirchlichen Stress sich diesen Stress nicht auch noch zumuten will – dass die Sache zwischen den alltäglichen Anforderungen versickert, bis es bei einer nächsten brenzligen Situation wieder an einer andern Stelle explodiert oder peinlich aus anderen Ecken stinkt.

  6. Dominik Speck

    Meine Vorkommentatoren haben ja schon ausführlich darauf hingewiesen, dass die Predigt eindeutig war. Ebenso unangemessen wie die Verharmlosung der Latzel-Predigt in diesem Artikel ist aber auch der Vergleich zwischen idea und dem epd (ja, deutsche Nachrichtenagenturen haben die Tradition des kleinen Akronynms, hahaha).

    Wie der Autor ja schon an anderer Stelle festgestellt hat, ist idea eben keine Nachrichtenagentur, sondern ein reiner Propagandadienst, der es allerdings versteht, seine politischen und religiösen Botschaften in scheinbar neutrale Formulierungen zu verpacken. Der epd ist dagegen eine angesehene Nachrichtenagentur, die von den meisten großen säkularen tagesaktuellen Medien in Deutschland genutzt wird.

    Gleichzeitig zeugt der Artikel aber auch von Unkenntnis über die Arbeitsweise von Nachrichtenagenturen. Bei dem epd-Artikel handelt es sich vermutlich um eine „Einzelmeldung“ in einem über dem Tag verteilten vollen Programm über die Predigt. Wie die Überschrift sagt, will die Meldung gar nicht die ganze Kontroverse abbilden, sondern eben nur die Reaktion der Bremischen Kirche. Die vom Autor aufgestellte Behauptung, die Meldung suggeriere, Latzels Predigt sei eine reine Hasspredigt, ist insofern falsch, als dass die Meldung eben Renke Brahms als Vertreter der Bremischen Kirche zu Wort kommen lässt – gemäß ihrer Chronistenpflicht als Nachrichtenagentur. Und Brahms sagt nun mal, die Predigt sei geistige Brandstiftung. In anderen epd-Artikeln ist dagegen auch die „Gegenseite“ zu Wort gekommen (nachzulesen z.B. im evangelisch.de-Schwerpunkt zum Thema). Und der epd hat soweit ich weiß auch die Latzel-Predigt im Wortlaut verbreitet, auf dass sich ein jeder sich sein eigenes Bild machen könne. Dass sich der Autor ausgerechnet diese Meldung für seinen „Vergleich“ ausgesucht hat, liegt sicher daran, dass es eine der wenigen epd-Artikel ist, die frei online auf der epd-Homepage verfügbar sind.

    Dass keiner von uns sich im Besitz der ausschließlichen Wahrheit befindet, ist eine Binsenweisheit, deren Schlagkraft allerdings wirkungslos bleibt, solange fundamentalistische Christen ihr Religionsverständnis für das einzig – weil göttlich legitimiert – Wahre halten und damit jedes weitere konstruktive Gespräch unmöglich machen. idea-Leser haben vielleicht keine Ahnung davon, was genau an deutschen theologischen Fakultäten abgeht, aber viele von ihnen verurteilen es ohnehin: Historisch-kritische Methode und so. Und natürlich das viel beschwörte, linksversiffte Gender-Mainstreaming.

    Das Problem der evangelischen Kirche allerdings ist eben gerade nicht, dass sie daran scheitere, die Menschen unterschiedlicher „Theologien“ miteinander ins Gespräch bringt. Das Problem ist, dass man sich nicht zu einer klaren Abgrenzung gegenüber den radikalen Kräften innerhalb der Kirche mit unsäglichen Auswüchsen (wie etwa idea, oder, innerhalb der württembergischen Kirche, der Judenmission und der Unterstützung von sog. messianischen Juden) entschließen kann – sondern, wie offenbar auch dieser Artikel, in einer Friede-Freude-Eierkuchen „Wir-müssen-doch-einfach-nur-reden“-Haltung verharrt.

    Offenlegung: Ich habe bis vor Kurzem bei epd volontiert.

    • Esther

      Ich bin ja nicht vom Fach – aber auf die Kunst des Um-den-heißen-Brei-Herumschleichens haben sich gerade evangelische Kirchen schon immer verstanden.

      Mich regt nicht so sehr Latzel mit seinem dämlichen Sprüchen auf. Mit Missachtung der Religionsfreiheit anderer macht man sich außerhalb eines rabiat evangelikalen Milieus höchstens lächerlich. Mich irritiert, dass der Mann ungehindert innerhalb der Landeskirche genau so weitermachen kann.

      Es ist auch nicht nur Latzel. Im Vorstand der Allianz sitzt eine Frau Wentland, eine Pfingstlerin. Sie wollte Zwangsprostituierten helfen – und landete dann mit der tausendfach vergewaltigten Zwanzigjährigen mit zig Abtreibungen. Das mag der Erbauung der eigenen Gemeinde gedient haben – aber solche Frauen gab es nicht. Stattdessen fand sie eine seelisch kranke junge Frau, die ihr erzählte, was sie hören wollte. Frau Wentland wusste zumindest, dass diese Frau in dieser Zeit nicht in Deutschland lebte und schon deshalb schwerlich allabendlich in Hamburg missbraucht werden konnte. Die Frau sitzt immer noch im Vorstand.

      Wie kann so etwas sein, ohne dass landeskirchliche Gemeinden reagieren?

      Esther

      • Dominik Speck

        Vielleicht ist der Fall Latzel aber gerade auch das falsche Beispiel, um das Versagen des liberaleren Teil der Landeskirchen in Sachen klarem Auftreten und Widersprechen aufzuzeigen. Denn, im Gegenteil, Renke Brahms als Schriftführer der Bremischen Kirche hat sehr deutlich gesagt, was er von Latzels Predigt hält. Die leitenden Geistlichen der alelermeisten Landeskirchen hätten sich da garantiert deutlich zurückhaltender geäußert. Und viele Kollegen Latzels haben mit einer Art Mahnwache auf ihre Weise gegen seine Worte protestiert.

        Das Latzel „weitermachen kann wie bisher“, wie oben angemahnt, liegt auch an der besonderen Verfassung der Bremischen Kirche, die ihren Gemeinden fast größtmögliche Eigenständigkeit gewährt. Deshalb wäre es für die Kirchenleitung wesentlich schwerer als in Landeskirchen, gegen ihn ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Und die Frage ist auch, ob das so schlau wäre. Denn dann würde man Latzel in den Augen seiner selbst und seiner Anhänger zu genau dem verfolgten Menschen machen, als den er sich vermutlich sieht: Ein letzter Aufrechter in einer verderbten Welt, in der nur noch wenige Christen der wahren Botschaft folgen.

        Der oben beschriebene Fall Wentland zeigt das Versagen der Kirche deutlicher als der Fall Latzel. Ich erinnere nur an den NDR-Film „Mission unter falscher Flagge“, in dem auch die Vorwürfe gegen Frau Wentland behandelt wurden. Der Film sorgte im vergangenen Sommer für einen Aufschrei auch unter liberalen Christinnen und Christen – obwohl er in meinen Augen das belämmernde Ausmaß extrem evangelikaler Umtriebe unter dem schützenden Dach der Allianz gut benannte (trotz einiger weniger handwerklicher Schnitzer) und die von der Deutschen Evangelischen Allianz notwendige Distanzierung einforderte.

  7. Esther

    Was taktisch klug ist und was nicht, weiß ich auch nicht so genau. Fanatiker religiöser oder weltanschaulicher Couleur sehen sich sicherlich nur zu gern als unschuldig verfolgte Märtyrer und zu Latzel ist wirklich eine Menge gesagt worden. Mir fehlt eigentlich nur ein Satz: „In unseren Kirchen werden keine Hasspredigten gehalten und wenn es doch geschehen ist sorgen wir dafür, dass sich das nicht wiederholt.“

    Was Wentland und den Film angeht: Da geht es vielleicht schon um die Frage welche Arten von Christentum eine Kirche mittragen kann ohne das eigene Profil zu verlieren. Frau Wentland ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Bonnke, der mit seinen offensichtlich frei erfundenen – jedenfalls nicht nachvollziehbar dokumentierten – Heilungen und dem wiederholten Anstacheln bewaffneter Konflikte zwischen Christen und Muslimen auch selbst in die Schmuddelecken des Christentums gehört.

    Was um Himmels willen haben solche Leute in Institutionen zu schaffen in denen Landeskirchen mitarbeiten?

    Dieses Herumgeeiere verwischt ganz normalen christlichen Glauben bis zur Profillosigkeit.

    Esther

  8. Esther

    Was mir gerade noch auffällt: Nach dem Titel der Predigt soll der aufrechte Christenmensch von Gideon den angemessenen Umgang mit Götzen lernen. Er besteht im Umhauen, Verbrennen und Schnitte machen.

    Dass sich das auf die eigenen Räumlichkeiten zu beschränken hat – die demnach in den Haushalten rigoros evangelikaler Christen offensichtlich voller Buddha- und Marienstatuen sind – sagen der gesunde Menschenverstand und das Strafgesetzbuch. Gideon sagt so etwas ganz sicher nicht und Latzel erst im Nachhinein.

    Die Idee um der eigenen „Sauberkeit“ willen auf die Blödsinn wie Einladung der eigenen Tochter zum Zuckerfest zu verzichten ist schwerlich als Loblied der Religionsfreiheit anderer Menschen gedacht.

    Esther

    Wenn das keine Hasspredigt ist, was ist es denn dann? Und was ist dann überhaupt eine Hasspredigt?
    Esther

  9. Spassheide

    „…während eine deutsche Landeskirche sich leider außer Stande sieht einen Hassprediger der eigenen Reihen zu verweisen.“
    Ja, weil es eine Freiheit der Verkündung gibt. Bin ich zumindest hier mal aufgeklärt worden. Und weil es sich wahrscheinlich auch um einen verbeamteten Pastor handelt. Und zur Gewalt hat er auch nicht aufgerufen. Er hat lediglich daran erinnert, dass alles andere außer dem Glauben an Jesus und dem biblischen Gott Götzentum ist. Steht das nicht auch so in der Bibel? Dass man sich dann über andere Religionen stehen sieht und sich abfällig über diese äußert ist dann letztendlich nur die logische Folge.
    Herr Matussek, Spiegellesern dürfte er bekannt sein, verbreitet übrigens ähnliche Ansichten. Nur regt sich da kaum einer auf, da er es intellektuell etwas besser verpackt.

    Ansonsten verweise ich auf den Welt-Artikel vom 18.1. „Bibeltreue fühlen sich in der Pegida-Welt zu Hause“. Man beachte, es handelt sich dort um Teile der Landeskirche! Ähnliche Strömungen gibt es zB auch im Siegerland und BW. Das nicht neu. Immerhin gehört es (zumindest früher) für einen anständigen Deutschen quasi als Dogma dazu, Kirchenmitglied zu sein.
    Im Übrigen ist Herr Latzel schon früher auffällig geworden und wie ich es verstanden habe, dürfen die Bremer Gemeinden sich ihre Pastoren selbst aussuchen. Dann aber sagt das auch etwas über die Einstellung der Gemeinde und nicht nur eines einzigen Pastors aus.
    Man will schließlich seine noch relativ treue Klientel nicht verärgern, man hat ja schon genug andere Probleme.

    Das Problem der „Volks“kirchen ist doch, dass sie meinen, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung vereinnahmen und vertreten zu müssen (u.a. durch ungefragte automatische Vollmitgliedschaft durch Kindstaufe) und es dadurch zwangsläufig zum Spagat kommt. Wenn dann noch der gemäßigte Teil austritt ist, ob es die Kirchenführung will oder nicht, die Schieflage vorprogrammiert.

  10. Esther

    Das Perfide an dieser Predigt ist, dass Latzel eben nicht klar sagt, was er meint. Seine superevangelikalen Stammhörer werden sich an Gideon schwerlich ein Vorbild nehmen. Es ist aber auch unwahrscheinlich, dass sich ausgerechnet in diesem Milieu Marien- oder Buddhastatuen zuhauf finden. Dann wäre das alles leeres Geschwätz in vulgärer Sprache.

    Predigten sind aber öffentlich – sie werden ja sogar ins Netz gestellt. Ob sich irgendeine verirrte Seele tatsächlich an Gideon ein Beispiel nimmt kann Latzel nicht wissen und er sagt auch nichts dazu.

    Im Übrigen hast du Recht. Ich sehe auch die Gefahr, dass die Kirchen zu radikalisierten Bekenntnisgemeinschaften schrumpfen. Die Bremer hatten auch Austritte als Protestreaktion auf den Umgang mit Latzel zu verzeichnen.

    Die Kirchenverfassung ist doch nicht vom Himmel gefallen. Man kann sie ändern – und zwar so, dass man auch einen verbeamteten Pfarrer auch an einer Stelle einsetzen kann, an dem er keinen Schaden anrichten kann.

    Man wird es nicht tun – und den nächsten Eklat abwarten.

    Das wird doch ganz selbstverständlich öffentlich gefordert, wenn irgendein aus dem Ausland herbeigeholter Iman dummes Zeug redet.

    Esther

  11. Esther

    Was mir noch auffällt: Thema sind ja eigentlich Feindbilder.

    Dass evangelikale Christen auch in die Landeskirchen gehören wird wohl niemand bestreiten. Dass die Landeskirchen in der Allianz bleiben, in der eine Frau Wentland im Vorstand sitzt, obwohl sie eine junge Frau in ausgesprochen abscheulicher Art für ihre Zwecke benutzt hat ist schon schwieriger.

    Dass ausschießlich evangelikales Denken „biblisch“, „bibeltreu“, oder Schlimmeres ist, hört man durchaus von Zeit zu Zeit. Wie aber soll ein Dialog aussehen, bei dem eine Seite sich von vornherein ganz im Recht, den Anderen hingegen ganz im Unrecht weiß?

    Vielleicht ist es doch kein einmaliger Sonderfall, dass Kirchen peinlich berührt alles beim Alten lassen.

    Esther

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