„Was für ein Mensch?“ Eine Erzählung nach Markus 4, 35–41

Leise säuselt der Wind um den Mast. Wellenrauschen übertönt das schrille Kreischen der Schwalben, die hoch oben am leuchtend blauen Himmel schweben. Mit großen Flügelschlägen ziehen sie ihre gewaltigen Kreise. Die warmen Strahlen der Abendsonne glitzern auf der Wasseroberfläche, fast so, als befänden sich tausende Wasserkristalle darauf. Langsam holt die Sonne aus, sich am Horizont in gähnender Stille einer fast malerisch wirkenden Häuserfassade entgegen zu werfen. Kurze, nacheinander folgende Zischlaute blähen das – in der Sonne immer noch glänzende – mächtige Segel auf. Bei jeder sanften Welle kommt der rostrot schimmernde Seidenvorhang auf mich zu und verdeckt meine Sicht auf das Treiben am Ufer.

Image 2Und da, sieh nur, ein Fisch, der aus den Tiefen des dunklen Gewässers auftaucht … und im selben Augenblick wieder in die Freiheit der unendlichen Tiefe entflieht. Leichte Kreise zieht er nach sich. Immer weiter … breiter … bis in die nächste Welle hinein.

Friedlich scheint es hier draußen zu sein. Eine vollkommene Stille. Fern ab von Menschenmassen, lärmenden Marktschreiern und den Wehrufen der Fischer, die ihre leeren und löchrigen Netze entdeckt haben. Kein Gestolpere über lose Seile, die im Weg herum liegen, noch ist das Geschrei spielender Kinder in den Hinterhöfen der Häuser zu hören.

Vor Stunden haben wir noch unter der sengenden Hitze an den Ufern von Genezareth gesessen und den Worten Jesu gelauscht.

Menschenmassen waren förmlich an die Ufer gezogen worden, um ihn zu hören. Es hatte sich schnell herum gesprochen, dass ein Wundertuer und ein Geschichtenerzähler im Lande war. Manche sprachen sogar von einem neuen Messias. Die Menschen mochten Geschichten, besonders wenn sie anders waren als das übliche Getratsche der Nachbarschaft. Jeder wollte wissen, was für ein Mensch er wohl sei. Nie zuvor waren mir Menschenmengen diesen Ausmaßes begegnet. Wer war er, dass Menschen ihm stundenlang zuhörten? Auch ich, ein kleiner Fischer, der sonst die sengende Mittagshitze scheute und die Nacht auf dem See verbrachte, lauschte seinen Worten.

Seit wenigen Wochen war jedoch alles anders geworden. Es begann mit dem Tag, als Jesus hier in unser kleines Fischerdorf kam und am helllichten Tage forderte, dass wir, die Fischer, hinaus fahren sollten, um unsere Netze auszuwerfen. Netze auswerfen mitten am Tage? Nur Träumer machen das … oder Irrsinnige … aber wir? Nun gut … Wir taten es …

Zurück kamen wir mit zwei vollen Booten, die Netze bis zum Rand mit Fischen gefüllt. Seitdem ist kein Tag mehr so, wie früher.

„Du wirst kein einfacher Fischer mehr sein, du soll Menschenfischer sein,“ sagte er zu mir und einigen anderen. Hier ein Wunder, da ein Wunder. Plötzlich waren wir so etwas wie berühmt! Jeder erkannte uns schon von Weitem. Die Menschen luden uns ein, wollten mit uns essen. Wenn wir rasteten, dann rasteten sie ebenfalls. Liefen wir, so gingen sie auch.

Auch heute mussten wir den Tumulten gänzlich entfliehen. Keine ruhige Minute ließen sie uns, sodass Jesus uns anhielt, mit dem Boot raus zu fahren in ruhigere Gefilde. Jesus schien sehr geschafft zu sein, denn kurz nachdem die Anker eingeholt waren, legte er sich gleich zur Ruh und seitdem schläft er unten, im hölzernen Rumpf des Bootes, Minute um Minute, Stunde um Stunde … Noch ist es ein ruhiger Abend. Erste Sterne blitzen am Himmelszelt auf. Aber es liegt Spannung in der Luft.

Merkwürdig! Sieht es nur so aus oder warum wird der Himmel plötzlich dunkler? Auch die Schwalben sind mir plötzlich so nah, fast auf Augenhöhe. Und was ist das? Hat mich etwa ein raues Lüftchen um die Nase gepackt? Warum schwankt das Boot plötzlich so? Es scheint sich etwas zusammenzubrauen. Die ersten Männer stolpern auf das Deck hinauf. Die Nächsten folgen ihnen. Aufgeregt, wild gestikulierend und wild durcheinander schreiend. Einer der Männer zieht noch schnell die Segel straff. Vorsichtig steige ich die inzwischen glitschig gewordene Leiter hinunter, um den anderen zu helfen, das Boot wettertauglich zu machen. Nichts mehr ist zu erkennen von der Unbeschwertheit, die vor wenigen Augenblicken noch herrschte. Die Wellen werden immer höher und gewaltiger. Schwarz wie die Nacht ist es plötzlich geworden.

Image 1Das Segel ist schon bis zum Anschlag aufgebläht. Die Wellen überschlagen sich förmlich und lassen den Boots-Bug schellenartig rasseln! Der Sturm braust immer mehr auf. Böenartig zieht er über uns hinweg! Unser Boot wippt förmlich nur noch in den Wellen, wie eine Spielzeugmarionette, die an seidenen Fäden umhergeschleudert wird.

Mitten durch die tiefschwarze Nacht zucken plötzlich die ersten Blitze. Regen peitscht uns in die angestrengten Gesichter. Es donnert fast unaufhörlich. Die anderen Männer an Bord kann ich unter dem Lärm nicht mehr verstehen, was auch immer sie mir gerade zurufen wollen. Nur ihre angstverzerrten Gesichter ziehen mich förmlich an. Plötzlich gibt es einen gewaltigen Hieb über mir. Gerade noch kann ich mich am Mast festklammern, ehe mich eine Welle erfasst. Vorsichtig schaue ich nach oben.

Ein Riss! Und das quer, mitten durch das Segel!

Während einige vor Angst sich sprichwörtlich in Salzsäulen verwandelt haben, beginnen die ersten, Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Wird das Boot jetzt sinken? Stimmen werden laut: „Herr hilf uns!“, schreit ein Mann verzweifelt und wankt mit mir gemeinsam in Richtung Bootsinneres. Andere folgen uns. Jesus schläft noch! Sie rütteln und schütteln in. „Jesus!“, schreien sie: „Siehst du denn nicht, dass wir jämmerlich ersaufen werden!“ Müde reibt er sich die Augen, steht auf, streckt sich einmal, wirft sich seinen Mantel um und tritt aus der Tür heraus. Ein Blick in unsere Augen scheint ihm zu genügen. Sie, die Angst, ist uns förmlich ins Gesicht geschrieben.

Wieder erfasst eine gewaltige Windböe unser Boot und reißt uns den Boden förmlich unter den Füßen weg. Jesus jedoch bleibt ruhig, wendet seinen Blick von uns ab und erhebt sein Haupt zum Himmel. Fast drohend wendet er seine Hände dem Sturm entgegen und schreit mit ganzer Kraft über die tosenden Wellen hinweg: „STURM SCHWEIG STILL!“

Image 3Stille legt sich um das Boot. Die Wellen weichen verstört zurück, als hätte sie jemand in die Flucht geschlagen. Kein Schwanken. Kein Blitzen. Kein Donnern. Kein Regen mehr.

Nichts.

Nur das leise Rauschen der sanften Wellen ist zu hören. Das Segel flattert gespalten um unsere Gesichter herum. Sprachlos starren wir uns an. Keiner wagt es, Jesus anzublicken. Was für ein Mensch? Wer ist er? Wer ist dieser Jesus?

„Warum habt ihr solche Angst?“, tönt Jesus in die Stille hinein. „Ich bin doch bei euch! Habt ihr denn gar kein Vertrauen zu mir?“

Vorsichtig hebe ich meinen Blick. Achselzuckend schaue ich mich um. Keiner scheint Worte zu finden, aber doch kann ich jedem einzelnen die Fragen ansehen. „Wer ist er? Wer ist dieser Jesus, dass ihm sogar Wind und Wellen gehorchen?“

Leise wende ich mich ab, nehme meine Öl-Laterne und steige die Leiter am Mast wieder hinab. Tief bewegt bin ich im Herzen. Ich werfe einen letzten Blick gen Himmel. Langsam werde ich ruhig. Ich lege mich in meinem kleinen Kämmerchen nieder, wickle mich fest in meine Decke. Leise tönt es in meinem Kopf: „Was für ein Mensch, dem Wind und Wellen gehorchen – was für Mensch, der auf dem Wasser geht …“

Fast ist es mir so, als würde ich sie in der Ferne noch murmeln hören, ehe mich leise meine Melodie in den Schlaf wiegt.

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