What the bloody hell am I doing in Hull? Von Steinen und Reihenhäusern

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun „Religion and Philosophy“ in Hull/England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

Ein Stein für den Weg

Mitten in der Nacht am Bahnhof Düsseldorf Flughafen. Blöderweise habe ich aus Versehen einen sehr ungünstigen Flug gebucht und sitze hier jetzt noch ein paar müde Stunden fest. Die Anzeigetafel mit den Abflugzeiten flackert kurz auf und dann, bevor ich herausfinden kann zu welchem Terminal ich muss, sind die Monitore schwarz. Das darf jetzt nicht wahr sein.

Doch bevor sich mein Ärger in Panik verwandeln kann, leuchtet die Anzeige wieder. Erleichtert lacht auch das ältere Ehepaar neben mir auf. Schon sind wir im Gespräch und tauschen unsere Reiseziele aus. Für ein ganzes Jahr nach England? So weit weg von der Mama? Das kann der ältere Herr nicht so recht fassen. Er lässt mir keine Zeit zu erklären, dass ich schon einmal für längere Zeit im Ausland war und seit Jahren nicht mehr bei meinen Eltern wohne.

Stattdessen streckt er mir seine Hand entgegen. Da liegen zwei flache, weiße Steine. Welcher ist schöner? Verdattert zeige ich einfach auf einen. Der Herr dreht ihn um und da grinst mich ein mit Kugelschreiber gekritzeltes Gesicht an. Unwillkürlich grinse ich zurück. Damit ich nicht so alleine bin, bekomme ich den lachenden Stein geschenkt. Meinen überschwänglichen Dank wehrt der Herr energisch ab: „Ich sammle Lächeln“.

Ein Stein auf dem Weg: Das erste Reihenhaus

Am nächsten Vormittag ist mir gar nicht mehr nach Lächeln zu Mute. Ich sitze im Wohnzimmer eines typisch englischen Reihenhauses. Unter Studenten ist es sehr verbreitet, sich zu dritt oder auch so acht eines dieser Häuschen zu teilen. Eine solche WG hatte ich mir, noch von Deutschland aus, über Facebook gesucht, um nicht in einem der außerhalb gelegenen Studentenwohnheime platziert zu werden. Das lief fast zu einfach, um gut zu gehen.

Alle Inserenten waren, weit von der deutschen Casting-Mentalität entfernt, überhaupt nicht an Skype-Interviews oder dergleichen interessiert, sondern haben mir sofort zugesagt. Also habe ich einfach eine WG ausgewählt, die sympathisch wirkte. Und in deren Wohnzimmer sitze ich nun und lächle höflich vor mich hin, obwohl die Hälfte der Unterhaltung an mir vorbeirauscht und meine Gedanken nur um eine Frage kreisen:

„What the bloody hell am I doing in Hull?“ Der Facebook-Status eines Freundes passt perfekt in dieses Wohnzimmer voller Gerümpel, Shishas, Zigarettenqualm und kiffender Studenten. Am freundlichsten erscheint mir noch der dekorative Totenschädel neben dem künstlichen Tannenbäumchen. Auch der Rest des Hauses befindet sich jenseits aller noch so großzügig angelegten Hygienemaßstäbe. Besonders der Kommentar „Sonst sieht es bei uns nicht so ordentlich aus“ gibt mir zu Denken. Und lässt Sehnsucht nach zu Hause aufkommen.

Was habe ich mir nur dabei gedacht, mein schön eingerichtetes Leben in Leipzig hinter mir zu lassen? Warum wollte ich unbedingt ins Ausland? Schlimm ist nicht so sehr, dass ich mich fremd fühle, sondern vielmehr diese Zwickmühle: Wie soll ich ein Jahr lang in diesem Haus wohnen und glücklich werden, ohne jemals Freunde einladen zu können? Und auf der anderen Seite, wie kann ich nach einem Tag einen Rückzieher machen, ohne feige zu sein?

Der weiße Stein mit dem Kugelschreibergesicht ist irgendwo in meinem Gepäck verschwunden und mit ihm meine Begeisterung für England. Doch die durchwachte Nacht am Flughafen bewahrt mich vor ewigen Grübeleien und am nächsten Morgen beschließe ich, eine neue Unterkunft zu suchen. Schließlich will ich in Hull studieren und nicht mit neuen Lebensformen experimentieren. Mit dieser Rechtfertigung kann ich leben, auch wenn ich damit in den Augen mancher Zeitgenossen wahrscheinlich mein Dasein als Erasmusstudentin verfehle.

Ein neuer Versuch: Das zweite Reihenhaus

Der privaten Zimmervermittlung gegenüber nun skeptisch eingestellt, wende ich mich an die „Ask-Hull-University!“-Rezeption und bekomme sofort den Schlüssel für ein Zimmer in einem der univerwalteten Reihenhäuser, die die Straßen um den Campus säumen. Den Vertrag muss ich diesmal sofort unterschreiben, aber viel schlimmer kann es eigentlich nicht werden. Und tatsächlich ist das neue Haus weniger chaotisch und einmal in der Woche kommt eine Putzfrau, die die Gemeinschaftsräume säubert. Vor meinem Fenster pilgert täglich gefühlt die Hälfte aller hiesigen Studenten auf ihrem Weg zum Campus vorbei, aber dafür wohnen viele Freunde nur ein paar Häuser weiter. Die Wohnküche zieren lila Ledersofas, doch immerhin keine Totenköpfe. Auf meinem Nachtschränkchen liegt der weiße Stein mit dem Kugelschreibergesicht. Ich lächle. Was ich in Hull mache? Mich eingewöhnen.

Kugelschreibergesicht

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