Von Krieg und Frieden predigen

Theologisches Denken kennt viele Ziele: die eigene Klärung, das akademische Nachdenken und Schreiben und schließlich auch die Predigt. Unser Nachdenken während des Themenmonats „Krieg und Frieden“ soll deshalb auch die Homiletik als theologische Disziplin umfassen. Die Predigt nicht nur als Form der Ansprache in einem christlichen Gottesdienst, sondern die Predigt als geronnenes Nachdenken in der Öffentlichkeit.

Im Zwiespalt zwischen seelsorgerischer Ansprache der jeweiligen Gemeinde und konkreten Adressaten und öffentlicher, prophetischer Rede steht die Friedenspredigt, wenn sie den Krieg nicht aus dem Auge verliert. Beides muss theologisch verantwortet zusammengebunden werden. Und was ist christliche Friedenspredigt überhaupt?

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Ich bin vor allem auf die Sorge der Predigenden gestoßen, dass ihre Friedenspredigt nicht gehört wird – so unterschiedlich die jeweiligen Prediger, dass Nicht-gehört-werden auch definieren. Ich habe mich also auf die Suche begeben nach Meinungen zur Kriegs- und Friedenspredigt. Und das habe ich gefunden:

 

Von/Über/Gegen Krieg und Frieden predigen – Martin Olejnicki

„Wie kann man das heute? Die unbedingt pazifistische Botschaft im Neuen Testament ist relativ klar. Trotzdem fällt es mir schwer, Frieden zu predigen. Warum ist das so? Liegt es an den unklaren Gemengelagen in den Kriegen unserer Zeit? Man kann und darf eben nicht nur für eine Seite Partei ergreifen – höchstens für die Zivilisten, die unter
dem Krieg leiden.

Oder liegt es daran, dass man das Gefühl hat, die Falschen zu erreichen? Die Gemeinde hat kaum Möglichkeiten auf die Kriegsparteien Einfluss zu nehmen und muss sich trotzdem das anhören, was sie ohnehin wissen: Gott will Frieden.

Was wäre hier die Alternative? Krieg in die Alltagswelt, also auf die zwischenmenschlichen Konflikte runterbrechen? Ich denke, dass das die schrecklichen Bilder, die uns jeden Abend entgegenflimmern, banalisieren würde. Oder liegt die Schwierigkeit des Frieden Predigens doch daran, dass man, wie unser Bundespräsident manchmal auch, vom absoluten „andere Backe hinhalten“ abweichen möchte – der vielen Opfer wegen? Schnell ist man dann als Kriegstreiber oder im anderen Extrem als Naivling abgestempelt. Beiden würde aber kaum jemand zuhören.

Soviel spricht gegen das Frieden Predigen. Was spricht dafür? Vieles. Vor allem wenn es Friedenspredigt schafft, Menschen zu sensibilisieren, die schon abgestumpft sind. Wenn sie es schafft, Menschen zu trösten, die betroffen sind. Wenn sie es schafft, mutig gegen den Mainstream die Stimme zu erheben, wenn es notwendig erscheint. Aber vor
allem wenn sie es schafft, gehört zu werden.

Und was würdet Ihr von einer Friedenspredigt erwarten?“

Martin Olejnicki (@pensierini_MO) ist Vikar in der Evangelischen Kirche Anhalts.

 

Wenn ich für Frieden predige – Bernd Kehren

„Gerechtigkeit, Frieden und Liebe sind in der Bibel wichtige Themen. An zentralen Stellen werden sie sogar dem Glauben und der religiösen Praxis vorgeordnet.

Insofern ist „Frieden“ auf unterschiedliche Art ein ständiges Thema meiner Predigten.

Selbstkritik scheint mir dabei wichtig. Als der Golfkrieg begann und Bush senior sich als „Guten“ gegen die „Achse des Bösen“ definierte, war m. E. Widerspruch angesagt. Wer darf sich gut nennen? Und wer die Anderen einfach böse? In den USA musste ein Professor seinen Arbeitsplatz räumen, der das Attentat in größere Zusammenhänge gestellt hatte: Die Twin-Towers wären eine Drehscheibe der internationalen Finanzströme gewesen, die mit zur Verarmung und Enteignung und Ausbeutung von Tausenden von Menschen in anderen Teilen der Welt beigetragen hatten. Sind böse nur die, die durch Flugzeuge auf einen Schlag Hunderte von Menschen umbringen und Tausende in ein kollektives Trauma versetzen? Oder auch die, die in einem schleichenden Prozess darauf achten, dass der eigene Wohlstand genährt wird ohne Rücksicht darauf, wer dabei ausgebeutet und unterdrückt wird? Sind gut nur die, die ständig von Menschenrechten reden – in der internationalen Politik aber vor allem darauf achten, dass die eigene Wirtschaft gefördert wird?

Wer vom Frieden predigen will, braucht Fakten. Nicht nur die aktuellen Nachrichten, sondern auch das Wissen um Zusammenhänge. Dass etwa die „seltenen Erden“ für unsere Handys und Monitore gebraucht werden und Tagebaue erfordern, gegen die unsere Braunkohleabbaugebiete fast wie ein Paradies wirken. Dass Flüsse in Indien für unsere Schuhproduktion schlimmer vergiftet werden als jemals die Emscher im Ruhrgebiet vergiftet war. Dass Menschen in anderen Teilen der Welt für unsere Produkte unter Arbeitsbedingungen leiden müssen, bei der auf Menschenleben keine Rücksicht genommen wird. Wie „friedlich“ wirkt da das „westliche Christentum“ auf Anhänger anderer Religionen? Als wie ehrlich wird unsere Botschaft wahrgenommen? In welche Schuldkreisläufe sind wir verstrickt? Welchen können wir durch unseren Lebensstil entrinnen? Worauf müssten wir Einfluss nehmen? Wie kann unsere Predigt vom Frieden der Bibel, der Sache, der Menschen und uns selbst angemessen und ehrlich bleiben?

Dabei kann es nicht immer nur um die großen Zusammenhänge gehen. Frieden ist auch ein Thema für die Bewohner eines Altenheims in ihren überschaubaren Zusammenhängen zu Familie, Pflegenden, Mitbewohnenden.

Diesen Monat war das Predigen zum Israelsonntag für mich besonders schwer. Die aktuellen Auslegungen betonten, dass mit „Kallus“ keine „Verhärtung“ oder „Verstockung“, sondern ein „Starkwuchs an der Stelle von Brüchen“ bezeichnet wird. Kann ich darüber ungebrochen predigen, während Hunderte von Zivilisten getötet wurden nach dem Motto: „Selber schuld, wenn sie die Häuser nicht verlassen, auf die wir zuerst zur Warnung leere Raketen geworfen haben?“

„Bildet Euch bloß nichts ein“, beginnt Paulus sinngemäß den Predigttext. Für mich ergibt sich daraus: Auch wenn Gott jemanden erwählt, ist nicht alles richtig, was der Erwählte tut. Also auch nicht bei uns Christen, die wir zusätzlich in die Erwählung hineingenommen wurden. Und auch wenn die Juden als Volk Gottes erwählt bleiben, ist nicht alles richtig, was der Staat Israel mit einer deutlich nach rechts orientierten Politik anstellt.
Wie kann man Römer 11,23–32 aufnehmen, ohne dem Judentum, dem Staat Israel und seinem Existenzrecht und den tunnelbauenden und Raketen schießenden und immer wieder in ihren Rechten beschnittenen Palästinensern Unrecht zu tun?

Hier hätte ich mir von meiner Kirche deutlich mehr Unterstützung gewünscht, die über die geforderte Distanzierung von Antisemitismus und Antijudaismus hinaus geht.

Keine Predigt, auch keine Friedenspredigt, darf die Hörenden ohne Handlungsmöglichkeit zurück lassen. Diesmal war es mir wichtig, mit www.ferien-vom-krieg.de auf eine konkrete Möglichkeit hinzuweisen, Israelis und Palästinenser auf ihrem Friedensweg zu unterstützen.“

Bernd Kehren ist evangelischer Pastor und Autor von theopoint.de.

 

HOW TO PREACH PEACE (Without Being Tuned Out) – Presbyterian Peacemaking Program

Einen englischsprachigen Text habe ich gefunden, der viele hilfreiche Gedanken zur Friedenspredigt enthält. Es stammt aus der Feder zweier US-amerikanischer Pastoren, Rev. Richard G. Watts und Rev. W. Mark Koenig. Ersterer schrieb den Text bereits Anfang der 1980er-Jahre in einer Hochzeit der amerikanischen Friedensbewegung, letzterer überarbeitete den Text 2003, dem Jahr, in dem die USA in den Irak einmarschierten.

In 11 kurzen Punkten – wie es heute online ja wieder in Mode gekommen ist – geben die beiden Hinweise für die gute Friedenspredigt, die auch im Jahre 2014 hilfreich sein können: HOW TO PREACH PEACE (Without Being tuned Out)

 

Erzähler als Handwerker – Karsten Dittmann

Auf seinem Blog homilia.de schreibt der Pfarrer und promovierte Philosoph Karsten Dittmann immer wieder über spannende Entwicklungen und Aspekte der Homiletik. Ein kleiner Eintrag zu Walter Benjamin hat es mir im Zusammenhang mit der Kriegs- bzw. Friedenspredigt besonders angetan. Es geht darin nicht explizit um unser Thema, sondern um den Wert des Erzählens. Von der Erzählkunst denkt Benjamin, dass sie ausstirbt, weil es immer weniger Menschen gibt, die noch erzählen können. Diese seine Haltung macht sich am Erleben der Soldaten im 1. Weltkrieg fest, die „nicht reicher – [sondern] ärmer an mitteilbarer Erfahrung“ aus dem Krieg zurückkehrten.

Zum Artikel von Karsten Dittmann „Erzähler als Handwerker“.

Vielleicht ermangelt es der Predigt allgemein und der zum Themenkomplex Krieg und Frieden besonders auch an mittelbarer Erfahrung. Das soll nicht heißen, dass jeder Predigende erst einmal in den Krieg gezogen sein muss, um das Wort ergreifen zu dürfen. Dass Menschen wie wir, die in Sicherheit und Wohlstand leben, nichts von Substanz dazu zu sagen hätten.

Aber es bedeutet wohl, sich der mittelbaren Erfahrung bewusst annähern zu wollen, indem man Betroffenen, Flüchtlingen, Opfern und Tätern zuhört. Das kann im Asylantenheim vor Ort geschehen oder (im Fall der Täter) z.B. beim quälenden Betrachten der VICE-Doku über den Terror der ISIS im Irak und in Syrien. Jedenfalls ist es wohl nicht genug, sich allein von der je eigenen politisch-theologischen Haltung und deren Multiplikatoren in der Öffentlichkeit leiten zu lassen. Zuerst kommt auch für den Predigenden das Zuhören, dann kann er vielleicht auch zum Erzähler werden, statt von der Kanzel apodiktisch, phrasendreschend zu proklamieren.

 

Über Picassos „Guernica“ – Paul Tillich

Eine andere homiletische Annäherung kann über die Künste geschehen. Im Gedächtnis ist mir Paul Tillichs protestantische Weltdeutung an Hand Pablo Picassos Guernica. Im folgenden Video ab Minute 3:35, wenngleich natürlich das ganze Interview spannend anzuschauen ist:

 

An die Nachgeborenen – Bertolt Brecht

Zum Schluss, Brecht. Es ist vor allem ein Gedicht Bertolt Brechts, das mir im in diesem Zusammenhang wichtig ist: An die Nachgeborenen. Das Gedicht ist lang, enthält wohl mehr als eine Predigt vertragen kann und auch dieser Überblick verträgt. Daher will ich den Dichter zum Schluss nur in ein paar Versen selbst zu Wort kommen lassen:

„Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
[…]

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen.
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
[…]“

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