Und am Ende Frieden?
Lucas Cranach d. Ä.: Der Garten Eden

Selten wird im Krieg nach Schuld gefragt; am wenigsten nach der eigenen. Krieg erscheint als ein Hin und Her von Aktion und Reaktion. Wer Krieg führt, kann ihn begründen und rechtfertigen. Im Recht sieht sich stets derjenige, der seine Begründungen für besonders fundiert hält: Entweder pocht er auf ein Recht, das ihm zweifellos zusteht oder er pocht auf eine Verantwortung, die ihm zweifellos zukommt. Vermeintlich zweifellos, versteht sich. Von der Unmöglichkeit, an den eigenen Motiven zu zweifeln, hängt die Möglichkeit ab, Krieg vor sich selbst zu rechtfertigen.

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden“.

Franz Stuck: Der Paradieswächter

Franz Stuck: Der Paradieswächter

Verteidigung der Unschuld

Die wichtigste Begründung für Kriege ist „Verteidigung“. Kaum ein Krieg wurde begonnen, der nicht damit begründet wurde, man wollte sich selbst, einen Bündnispartner oder eine mehr oder weniger abstrakte Idee verteidigen. Selbst für die Kriegspropaganda von 1939 war der Überfall auf Polen ein Akt der Selbstverteidigung. Die Hamas wollen sich gegen israelische Repression verteidigen; Israel will sich gegen Raketenangriffe und Terror verteidigen. Ukrainische Separatisten wollen sich gegen die Verweigerung ihres Rechtes auf einen eigenen Staat oder auf Anschluss an Russland verteidigen; die Ukraine verteidigt ihre nationale Souveränität. Die Gruppe „Islamischer Staat“ verteidigt ihren Glauben; der Irak verteidigt sich gegen diesen Glauben. Sicher, dies sind grobe Vereinfachungen, die nicht zwischen Propaganda und Wahrheit unterscheiden, doch das soll hier nicht entscheidend sein. Wichtig ist: Es scheint im Krieg nur Opfer zu geben, niemals Täter. Es gibt Flüchtlinge, Tote und Verletzte; dann noch jene, die sich als Opfer fühlen und jene, die sich als Opfer darstellen. Letztere beiden haben große Schnittmengen. Die schlimmsten Despoten haben ihren Größenwahn stets damit rechtfertigt, dass sie sich als Opfer sahen. Alle Kriegsparteien haben einen Grund zu kämpfen, der mögliche Schuld in ihren Augen nicht zulässt. Wer sich selbst als Opfer sehen gelernt hat, hat nie Schuld.

Motive der Schuld

Kenne ich „universelle“ Gründe, mit denen kriegerisches Handeln gerechtfertigt sein kann? Was gilt es, mit Kriegsmitteln zu verteidigen, durch dessen Verteidigung mir keine Schuld entsteht und wodurch mein Gewissen mich nicht anklagt? Es hat den Anschein, als gäbe es hier durchaus zustimmungsfähige Positionen, die ein maßvolles kriegerisches Handeln für viele Menschen hinnehmbar machen: Humanitäre Hilfe und die Verhinderung eines Völkermordes? Zwei Gründe, mit denen Barack Obama die Luftangriffe der USA im Irak rechtfertigt – sehr zustimmungsfähig! Bedrohung der ganzen Welt durch iranische Atomwaffen? Auch das wäre im Zweifelsfall sehr zustimmungsfähig. Man stimmt Motiven zu, mit denen man sich identifizieren kann. Der Grad der Identifikation mit einem Motiv und die Unfähigkeit zu bzw. Unmöglichkeit von alternativen Mitteln können Krieg rechtfertigen. Mit der Möglichkeit erwächst die Pflicht zur Verantwortungsübernahme. Ziel jedes Krieges ist dabei freilich immer der Frieden – und zwar Frieden so, wie ich ihn mir vorstelle.

Das ist die menschliche, sehr vernünftige Antwort auf die Frage nach Krieg und Frieden. Dabei ist es eine ganz säkulare Antwort, in der sich die Hoffnungslosigkeit des homo peccator ausdrückt. Frieden schaffen gemäß den eigenen Motiven und Möglichkeiten, im Zweifel auch mittels Krieg – das ist die Antwort der gefallenen Vernunft und des sündigen Gewissens. Krieg ist das Mal der unerlösten Welt.

Verheißener Frieden

Im Christentum ist Frieden seit jeher Gegenstand der Eschatologie, also der Reflexion der „letzten Dinge“, der „Endzeit“. Frieden bezeichnet niemals einen Status Quo, sondern stets das Kommende, Zukünftige, dann aber Ewige. Der letzte Friede ist ein ewiger Zustand und geht darin kategorial über jegliche menschliche Vorstellung von Frieden hinaus. Solches wird in den berühmten Friedenstexten der Bibel vermittelt: Man wird nicht mehr nur keinen Krieg führen, sondern man wird nicht mehr lernen, Krieg zu führen (Jes 2,4); nicht nur Menschen, sondern auch die ganze Tierwelt wird einmütig sein, Löwen werden Stroh fressen und Wölfe bei Lämmern wohnen (Jes 11,6). Diese Worte wollen dabei nicht nur als schöne Utopie oder als Vertröstung in schwerer Zeit begriffen werden, sondern als lebendige und lebendig machende Hoffnung. Nicht als Wunschtraum, sondern als Verheißung. Damit eine Verheißung recht als Verheißung verstanden wird, bedarf es eines tiefen Vertrauens auf die Wahrheit dieses Friedens, der kategorial höher ist als all unsere Vernunft. Auch sollte dieser Friede nicht etwa vorschnell vergeistigt werden und als „innerer Friede“ oder gar als Ataraxie verstanden werden, wie sie die Epikureer oder Stoiker anstrebten. Der Friede der Verheißung ist ein umfassender Friede, der die ganze menschliche Lebenswelt umfasst.

Lucas Cranach d. Ä.: Der Garten Eden

Lucas Cranach d. Ä.: Der Garten Eden

Die unvermeidbare Schuld

Ein tiefes Vertrauen auf diesen ewigen Frieden, der noch nicht da und nicht menschenmöglich ist, bewirkt eine neue Haltung zu dem Krieg der Gegenwart. Der Friede, der durch Krieg hergestellt wird und der Friede, der die Abwesenheit von Krieg darstellt – jeglicher vorgestellter und ersehnter Friede – werden gleichermaßen in ihrer Vorläufigkeit erkannt. Jegliches noch so gute und einleuchtende Motiv für noch so chirurgisch präzise oder vernünftige kriegerische Handlungen wird dadurch zum sündigen und ungerechtfertigten Widerspruch gegen Gott. Es ist schlichtweg keine Kriegsmotivation mehr denkbar, die nicht die Aufnahme von größter Schuld bedeutete, so zustimmungsfähig sie auch sein mag.

Der Krieg als Mal der unerlösten Welt ist wohl unvermeidbar. Dass Menschen mit ihrem Handeln schuldig werden, ist ebenso unvermeidbar. Was vermieden werden kann, ist die Vorstellung, als wäre irgendeine menschliche Handlung im Krieg gerechtfertigt; als würde der Mensch dabei unschuldig bleiben – ob er sich am Krieg beteiligt oder nicht. Im Krieg gibt es viele Opfer: Flüchtlinge, Tote, und Verletzte. Doch sonst gibt es nur schuldige Täter. Niemand kann sich von diesem Urteil ausnehmen. Am Ende bleibt allein das Gebet um Frieden als das Gebet um Vergebung der Schuld.

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