Warum ich kein Pazifist mehr bin

Unser Autor Philipp Greifenstein schreibt über seinen persönlichen Abschied vom Pazifismus. Oder hat er noch nicht wirklich Abschied genommen? Er verknüpft beim Nachdenken die Geschichte und Gegenwart unserer Welt mit seiner eigenen Biographie. Muss man als Christ heute Pazifist sein, kann man es überhaupt?

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats „Krieg und Frieden“.

Alles beginnt in meinem Kinderzimmer. Kein Spielzeugpanzer und keine Soldaten hatten darin Platz, das war meiner Mutter wichtig. Beim Verkleiden und Cowboy-Spielen zu Fasching wurde das Geballer eingeschränkt. Nicht auf andere Menschen zielen sollte ich und überhaupt, der kleine Spielzeug-Revolver reicht doch zu. Und die Sehnsucht nach Kriegsspielen hielt sich — nach meiner Erinnerung — tatsächlich in engen Grenzen, von der einen oder anderen Rauferei einmal abgesehen. Nach dem Wunsch meiner Mutter lernte ich, nicht mehr Krieg zu führen.

Frieden lernen

Niemals in meiner Kindheit und frühen Jugend trat mir ein Mensch entgegen, der dem Krieg das Wort sprach. In der Christenlehre, aber auch in der Schule wurde stattdessen Acht gegeben auf die dem Frieden zu Grunde liegenden Tugenden: Versöhnungsbereitschaft, Verzeihung und Gewaltverzicht. Und darüber hinaus und vielleicht am wichtigsten zur Konfliktvermeidung: geübte Gerechtigkeit.

Zorn und Wut entzünden sich an ungerechter Behandlung. Frieden zu halten, kann nicht bedeuten, Ungerechtigkeit hinzunehmen. In der Wahl der Waffen waren sich meine Erzieher und Lehrer einig. Statt Gewalt, ob scharfe Beleidigung oder Prügel — zu der ich, der Kleinste in fast jeder Gruppe, ohnehin kaum in der Lage war — die geübte Beschwerde, auch die heftige Anklage, danach so etwas wie ein faires Gericht und eine eingeforderte Versöhnungsgeste, die mein kleines Kinderherz auf so manche Probe stellte.

9/11

Es war dann kurz vor Beginn einer Konfirmandenstunde, als uns die Nachricht erreichte, ein Flugzeug wäre in das World-Trade-Center gestürzt. Und zuerst dachte ich an unser World-Trade-Center in Dresden — ein Einkaufscenter, wie es in den 90er-Jahren in vielen deutschen Großstädten hochgezogen wurde — und an einen Hobbypiloten, der vielleicht betrunken oder anderweitig gehandicapt in das Center gesegelt wäre. Doch, nein, es ging um das World-Trade-Center in New York, ein Gebäude zu dem ich, ein dreizehnjähriger Junge aus Dresden, keine Beziehung hatte. Nach der Konfirmandenstunde eilten wir trotzdem nach Hause zurück, neugierig darauf, was da tatsächlich geschehen war. Im Wohnzimmer lief der Fernseher und inzwischen war da noch ein zweites Flugzeug und klar geworden, dass sich niemand verirrt hatte, es sich nicht um ein tragisches Verkehrsunglück, sondern um einen Terroranschlag handelte.

Seitdem sind unter unser aller Augen hunderttausende Menschen dem Terror erlegen. Doch die Anschläge vom 11. September 2001 stechen als Faszinosum immer noch heraus. Sie waren weder die ersten und sollten nicht die letzten Terrorakte unserer Zeit bleiben, doch — ich kann es nicht anders sagen — ihre Kühnheit, Präzision und Wucht bleiben nicht umsonst im Gedächtnis einer ganzen Generation. Menschen fliegen Flugzeuge in Wolkenkratzer. Die Symbole menschlichen Fortschritts werden umgemünzt zu Symbolen seiner Abgründigkeit. Alle, die das damals gesehen haben, schauen heute verändert auf die Skylines der Welt und sind bereit, die Waffenhaftigkeit auch der schönsten und beeindruckendsten Techniken anzuerkennen.

Für viele Menschen brach am 11. September ihre Welt zusammen, für die Angehörigen der Opfer und auch für viele Unbeteiligte, die sich berechtige Sorge um den Frieden in der Welt machten. Zum ersten Mal erlebte ich bewusst, dass es in den Nachrichten wieder um Rache ging, auch wenn sie als Gerechtigkeit maskiert wurde. Entfesselt wurde abermals die größte Kriegsmaschinerie der Gegenwart, gelenkt von einem Politiker, der vielen Menschen diesseits des Atlantiks als Trottel erschien. Präsident Bush sprach vom Heiligen Krieg, seine — unsere? — Feinde vom Dschihad. Die Jagd auf Terroristen konzentrierte sich bald auf ein Land, von dem ein dreizehnjähriger Junge aus Deutschland damals noch nie gehört hatte, Afghanistan. Heute kennt jeder Dreizehnjährige diesen staubige Flecken Erde am Hindukusch, an dem auch unsere Freiheit verteidigt wird.

Doch meine Welt blieb vorerst intakt. Ein erfahrener Entwicklungshelfer (Dr. Reinhard Erös, Kinderhilfe Afghanistan) berichtete uns in der Jungen Gemeinde von seiner Arbeit in Afghanistan, von der Rolle der Bundeswehr, dem Leben der Menschen, den Schulen für Mädchen. Ansonsten — so dachte ich als Jugendlicher und so dachte die Mehrheit unserer Bevölkerung — waren die Konsequenzen des Terrors und des Krieges gegen ihn, doch bei uns erstaunlich gering. Bei Flugreisen besonders in die Staaten erhöhten sich die Sicherheitsvorkehrungen, über die viele doch nur schmunzelten, weil sie ihre vermeintliche Unsinnigkeit begriffen zu haben dachten. Dass auch unser Land, seine Armee und seine Geheimdienste, längst tiefer drin steckte in diesem Großkonflikt, als es der Mehrheit unserer Bevölkerung lieb war und ist, darüber wird auch heute noch selten gesprochen. Es waren kleine Nebenschauplätze mit kuriosen Darstellern, die ab und zu den Schleier lüfteten: Kurnaz, Guantanamo-Häftlinge, die aufgenommen werden sollten.

Irak

Und der Trottel in Washington entpuppte sich als Lügner und Machtpolitiker, der sich nicht nur von Zorn leiten ließ, sondern auch von zynischen wirtschaftlichen Interessen und Großmachtideologen, die es sich in seinem Beraterkreis und Kabinett bequem gemacht hatten. Sie wollten abräumen, was sie dereinst groß gemacht hatten und ihnen schon seit Jahren auf den Geist ging: die Herrschaft Saddam Husseins im Irak. Abermals sollte die uneingeschränkte Solidarität der Bündnispartner in Anspruch genommen werden. Doch sei es nur wegen der nahenden Bundestagswahl oder aus einer Regung des Herzens und der Anstrengung des eigenen Verstandes, die deutsche Regierung unter Kanzler Schröder sagte „Nein“ und „Entschuldigung, ich bin nicht überzeugt“. Wir bekamen schulfrei für die Demonstrationen.

Bereits seit Wochen waren wir mit der Jungen Gemeinde zum montäglichen Friedensgebet mit anschließendem Demozug von der Dreikönigs- zur Kreuzkirche gegangen. Hundert, vielleicht zweihundert besorgte Christen, die Mehrzahl irgendwie übrig geblieben von den großen Montagsdemos in der DDR, erprobte Widerständler, denen die Floskeln der Friedensbewegung nicht einfach nur zügig und geübt von den Lippen flossen. Sie hatten in ihrer Lebenszeit deren Wirksamkeit bereits bestätigt gefunden.

Auf den Schülerdemos gaben wir dann eine Reprise der Friedensbewegung der 80er-Jahre. „All we are saying is give peace a chance …“ Über dem sommerlichen Dresdner Altmarkt, an dem die Demozüge mit 10 000 Schülern, Studenten und Bürgern vorbeizogen, drohte ein Banner mit „Bombenwetter“. Ein Wortspiel, dass uns erst zum Schmunzeln brachte und dann im Angesicht der „Shock and Awe“-Bombardierung Bagdads sprachlos zurückließ. In diesen Wochen zog ich mit meinen Freunden über die Straßen meiner so friedlichen Heimatstadt, in meiner Hand eine schwarze Fahne, darauf der alte Demo-Spruch „Yankee go home!“.

An der Realität des Irak-Krieges änderte das wenig, mal abgesehen davon, dass es eben keine deutschen Soldaten waren, die im Wüstensand ihr Leben ließen. Dorothee Sölle sprach in Hamburg davon, dass wir mit dem „anderen Amerika“ verbündet seien. Und sicher gab es diese Leute auch, die jenseits des großen Teichs gegen den Krieg auftraten und gegen ihn stimmten. Doch es brauchte Jahre der Terroranschläge und einen neuen Präsidenten bis die Mehrheit des amerikanischen Volkes einsah, dass im Irak tatsächlich nichts besser oder gut werden würde. Obama zog die Truppen zügig ab, die Iraker verwehrten den Staaten sogar eine ständige Präsenz und so etwas wie eine Sicherheitspartnerschaft.

In diesen Tagen werden im Irak zehntausende Christen vertrieben, mit Steinigung und Tod am Strang bedroht, sollten sie nicht zum Islam konvertieren oder fliehen.

Churchill

Im Geschichtsleistungskurs gingen wir noch einmal die Geschichte seit der Französischen Revolution durch. Was auf dem Papier das Zeitalter der Aufklärung, die Moderne war, entpuppte sich abermals als Ära der Kriege. Keine Revolution, die nicht mit Waffengewalt einher ging. Die Kriege an sich wurden größer, griffen auf ganze Länder und Kontinente, schließlich die ganze Welt über. Aus Schlachtfeldern wurden Niemands-Länder, aus Scharmützeln Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Der von Deutschland aus entfesselte totale Krieg riss nicht nur Europa, sondern den ganzen Erdball ins Verderben. Unmenschliche Verbrechen begleiteten die Großkonflikte des 20. Jahrhunderts: Völkermorde, Vergewaltigungen, Massenbombardements, Vergeltungsmorde, Erschießungen, Vergasungen. All das steigerte sich bis hin zur Auslöschung des europäischen Judentums, die auf ewig das Schandmal unseres Volkes bleiben wird.

Wie begegnet man solchen Verbrechen, wie soll man ihnen Einhalt gebieten? Im ersten wie im zweiten Weltkrieg gelang das durch Verbündung und den massiven Einsatz von Kriegsmaterial und Menschenleben. „We shall go on to the end, we shall fight in France, we shall fight on the seas and oceans, we shall fight with growing confidence and growing strength in the air, we shall defend our Island, whatever the cost may be, we shall fight on the beaches, we shall fight on the landing grounds, we shall fight in the fields and in the streets, we shall fight in the hills; we shall never surrender.“ Churchills Rede ist nicht die eines Mannes der zurücksteckt, sondern eines Mannes, der sich mit allen Mitteln wehren will. Auch dieser Weg, der zur Befreiung des Kontinents von der Naziherrschaft führte, ließ sich nicht führen, ohne große Schuld auf sich zu nehmen. Seine Kriegsreden sind mir seit dieser Zeit im Leistungskurs gegenwärtig. Wie gebietet man dem industrialisierten Tod Einhalt, nur mehr mit Mut und Stärke und Gewalt — mit Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß? Und was tun wir heute, um unsere Insel zu verteidigen?

Lernen, vergessen, verzeihen

In meinen ersten Studienjahren wurde sich weiter bekriegt, und ich schaute hin, doch es waren ferne Ufer und nicht die Straßen unserer Städte, um die gekämpft wurde. Immer wieder Gaza, immer wieder Nahost, Irak und die Stiefkinder der internationalen Aufmerksamkeit, allen voran der Sudan. Ich las, ich versuchte zu verstehen, ich vergaß schnell, die nächste Nachricht kam.

Ich lernte auch, dass die Verbrechen und das Leid vergangener Tage nicht vorbei sind, weil sie in den Herzen und Köpfen unseres Volkes noch immer lebendig sind, weil es unsere Großväter waren, die in den Krieg zogen, weil es unsere Mütter und Väter waren, die in ihren Familien dafür die Quittung ausgestellt bekamen, weil noch meine Generation spürt — wenn sie nur genau hinschaut — dass hier vor 100 oder 70 Jahren etwas kaputt gegangen ist, eine Wunde offensteht, die noch Jahrzehnte brauchen wird zu heilen. Und darum schaute ich mit größerer Besorgnis auf die Kriegsländer unserer Zeit. Wann werden die Afghanen, die Sudanesen, die Menschen auf dem Balkan, in Kenia, in Palästina und Israel Zeit zur Heilung erhalten und wie lange würde sie dauern, ein – gar zweihundert Jahre?

Mit jeder Rakete auf eine jüdische Stadt, jedem Vergeltungsschlag auf Gaza, jedem von der Boko Haram entführten Mädchen ernten wir alle Mütter, Väter, Geschwister, Töchter und Söhne, Enkel und Urenkel, die nicht vergessen können und verzeihen. Wie kann man vergessen und verzeihen, dass die eigene Tochter entführt, vergewaltigt, versklavt wurde, dass man von ihr nicht einmal die Überreste zu Grabe tragen konnte?

Und ich lernte Namen von Orten und Ländern, in denen zu meiner Lebenszeit Verbrechen von unfassbarer Grausamkeit geschehen sind. Ruanda, Srebrenica, Tschetschenien. Orte, die verlassen wurden von uns, Orte, neben denen wir tatenlos und unentschlossen standen. Als Ende Juli die Niederlande ihre Toten betrauerten, die über der Ukraine abgeschossen wurden, da wurden die selben Niederlande von einem ihrer Gerichte mitschuldig am Massaker von Srebrenica gesprochen. Und ich lernte Namen von Orten, wo Menschen im Namen der Freiheit Verbrechen verübten. Abu-Ghuraib, Guantanamo. Und wieder die Frage, welche Mittel erlaubt sind und ob nicht die Verteidiger der Freiheit, der Rechtsstaatlichkeit, der Menschenrechte ihren Gegnern allzu weit entgegen kommen, weil sie selbst ihre Werte und Feinde zertrümmern.

Abschied

Es war ein Sommerabend vor zwei Jahren, den ich bei Bier und Wein und mit Freunden verbrachte. Und ich fand mich wieder als Befürworter eines schnellen, präzisen, militärischen Eingreifens. Ich weiß heute nicht einmal mehr, um welchen Krisenherd es sich damals handelte. Doch mit Ernüchterung und zu meiner eigenen Überraschung stellte ich an diesem Abend fest, dass ich wohl kein Pazifist mehr bin.

Man kann das Wort „Pazifist“ auslegen, wie man lustig ist. Für mich gehörte immer dazu, nicht nur keinen Krieg zu wollen, sondern niemals die Hand an eine Waffe zu legen und sie auf einen anderen Menschen zu richten. Seit diesem Abend und mehr noch in den letzten Wochen und Monaten arbeite ich mich daran ab. Und ich weiß nicht, warum ich heute anders denke. Ist es die Hilflosigkeit, die ich im Angesicht des Schreckens empfinde? Mein eigener Zorn, meine eigene Wut? Bin ich wirklich davon überzeugt, dass — auch nur lokal und für kurze Zeit — mit Waffen Frieden geschaffen werden kann? Und was ist Frieden, wenn er nur kurz ist und der nächste Brandherd schon schwelt? Was meine ich wirklich und was ist schon Rationalisierung?

Kein einziges militärisches Eingreifen der letzten Jahre hat Frieden gebracht. Weder in Libyen, noch in Afghanistan, erst recht nicht im Irak. Und in Palästina und Israel hat die Waffengewalt selbst ein verzweifeltes Angesicht, weil jeder weiß, dass es zu nichts führt als zu noch mehr Hass und Blutvergießen. Doch auch dort, wo wir uns fein säuberlich raushalten, in Syrien, in Afrika, in der Ukraine, ist nicht Frieden geworden und wird es wohl auch auf absehbare Zeit nicht werden.

Und in meinem Kopf schwirren die Allgemeinplätze: Selbstbestimmungsrecht der Völker, staatliche Souveränität, Schutz der Menschenrechte, „Responsibility to Protect“, Sanktionen, Regierungen der nationalen Verantwortung, Wahlen, Putsche oder Revolutionen — wer will das so genau wissen? — und wieder Sanktionen und Waffenlieferungen, die wie ein Bumerang auf uns zurückfallen, weil sich hier niemand die Hände in Unschuld waschen kann, Resolutionen, verschärfte Sanktionen, Krisengipfel, ein Außenminister steigt aus einem Flugzeug, Soldaten kehren in die Heimat zurück, Raketenwerfer werden aufgestellt, robuste Mandate, Warnungen von Altbundeskanzlern, eine Neujahrspredigt, in einem Haus in Pakistan wird ein Verbrecher ohne Gerichtsverfahren gerichtet, zu Silvester singen tausende Jugendliche „Da pacem Domine“, auf deutschen Befehl hin sterben Kinder und Frauen an einem Tanklaster in Afghanistan, „Nie wieder Krieg!“, Deutschland enthält sich im Sicherheitsrat, internationale Verantwortung, kein neuer deutscher Sonderweg, und wieder Sanktionen gegen wen auch immer, und überall wird weiter gestorben, in Boston, Mossul und Gaza, in Kenia, der Ukraine und in Pakistan.

Abrechnung

Ich weiß heute nicht besser als an dem Sommerabend vor zwei Jahren, ob unsere Freiheit wirklich am Hindukusch oder am Horn von Afrika verteidigt wird, oder ob wir nur Bündnispflichten einhalten und unseren wirtschaftlichen Erfolg absichern müssen. Und ob wir das wirklich müssen. Ich habe nur das deutliche Gefühl, dass Deutschland sich da nicht einfach raushalten kann, und dass — sollten alle Mittel der Diplomatie unwirksam bleiben — auch dieses Land Soldaten schicken muss, wenn an unserer Seite die Niederländer, Kanadier, Spanier und Amerikaner kämpfen.

Ich weiß aber, dass wir noch viel mehr tun könnten, als auf Resolutionen zu dringen und den Außenminister in ein Flugzeug zu setzen. Zorn und Wut entzünden sich an ungerechter Behandlung. Es ist die Armut und Hoffnungslosigkeit gerader vieler junger Männer, die uns immer wieder ins Unglück stürzen. Ich weiß nicht, ob es einen gerechten Krieg geben kann, ich weiß nur, dass unser Frieden ungerecht ist.

Vor zwei Wochen fragten wir uns im Gespräch, wie es denn sein könne, dass in Kenia und anderswo Menschen sich selbst entmenschlichen, indem sie Kinder vergewaltigen und an Körper und Seele verstümmeln. Welche Macht diese Menschen ergreift, sie Taten vollbringen lässt, die uns einen Schauer des Schreckens über den Rücken treibt. Ich glaube nicht an das Böse. An diese diffuse Macht, die sich Raum zu verschaffen sucht. Ich glaube, dass Jahrzehnte und Jahrhunderte der Armut, der Vernachlässigung und des Elends, das Erfahrungen des eigenen Leids oder des Leids der Großeltern oder Eltern hier ursächlich sind. Also im eigentlichen Verzweiflung einen Menschen so kaputt machen kann, dass die Samen des Hasses auf fruchtbaren Boden fallen. Gesät werden sie von Menschen mit konkreten Machtinteressen, für die die Massen nichts anderes sind als nutzbares Schlachtvieh. Und noch immer werden diese Machtinteressen mit religiösem Eifer maskiert.

Diesen verzweifelten, kaputten, verführten Menschen muss man mit Liebe begegnen. Das heißt, ihre Not lindern, mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln. Aber ihr verbrecherisches Tun kann man nicht hinnehmen, geschehen lassen.

Heute stehe ich immer noch zu den Tugenden des Friedens, die mich meine Erzieher lehrten: Geübte Gerechtigkeit, faires Gericht, Versöhnung und Verzeihung. Nur mit dem Gewaltverzicht komme ich nicht mehr hin.

Glaube

Ich bin froh, dass von den Kanzeln meiner Kirche kein Krieg gepredigt wird. Wo das Evangelium von Jesus gepredigt wird, geht das nicht. Margot Käßmann erklärt diese Gegenwart aber auch durch die Vergangenheit der Kirchen in Deutschland, besonders durch ihre Verfehlung in beiden Weltkriegen und da ist sicher Vieles richtig dran. Ich selbst aber — und meine Kirche — muss meinen Pazifismus nicht mit meinem Deutschsein abmachen, so sehr ich es — wie auch sie — nicht leugnen kann. Meinen verschwundenen Pazifismus muss ich mit meinem Christsein abmachen. Und das heißt mit meinem Gewissen vor Gott.

Gerechter Krieg, gerechter Friede, radikaler Pazifismus und Heiliger Krieg, all das wird man auch im deutschen Protestantismus (noch immer) vertreten finden. Und wer mag, kann sich die einschlägigen EKD-Denkschriften gerne mal zu Gemüte führen. Doch Kirchenfragen und die Frage nach meinem Dastehen vor Gott, das sind zwei verschiedene Paar Schuh. Meinen schwindenden Pazifismus muss ich nicht mit Gauck, Schneider, Käßmann und der Ortspfarrerin abmachen, sondern mit dem Mann auf Golgatha. So komme ich am Ende nicht auf einen Nenner und bleibe unfertig:

Wer eine Waffe auf einen anderen Menschen richtet — auch nur in Gedanken oder an der Wahlurne — der macht sich schuldig. Gerhard Schöne singt einmal über einen neugewählten nicaraguanischen Minister, Tomás Borge, der unter der Militärjunta gefoltert wurde, er ginge in das Gefängnis zu seinem Peiniger:

„Da standen vor ihm die gut genährten
Mordspezialisten, Folterexperten,
senkten die Blicke, haben gestottert
und vor dem Racheakt geschlottert.
Und Thomas Borge sprach: ,Meine Sache
ist nicht Vergeltung und ist nicht Rache.
Nein, meine Rache heißt: Euch vergeben.
Mit seiner Schuld soll jeder leben.“

11 Kommentare anzeigen

  1. matu

    Danke für diesen Beitrag.
    Selbst habe ich eine ganz ähnliche Wandlung meiner Ansichten und Einstellungen erleben dürfen. Mit der Ausnahme: Gott spielte keine Rolle für mich :)

    • Michael Steffens

      Ich finde es gut, dass Sie so konsequent sind, sich nicht mehr als einen Pazifisten zu bezeichnen. In der letzten Zeit haben wir doch folgendes erlebt: Huber, Bedford-Strohm, Schneider u.a. wollen zwar nicht komplett auf Gewalt verzichten aber trotzdem Pazifisten sein. Sie sind dann wenigstens ehrlich, zu sich selbst und anderen.

  2. Ehrlich gesagt nervt mich dieses Pazifistenbashing mittlerweile.
    Es läuft eigentlich immer auf die Dichotomie von „nichts tun“ oder „verantwortlich sein“, was dann in der Praxis immer Militäreinsätze ist.
    PazifistInnen argumentieren, dass diese Dichotomie falsch ist. Dass es viele andere Dinge gibt, die getan werden können.
    Natürlich funktionieren gewaltfreie Strategien nicht immer, aber genauso wenig tut es Gewalt. Das mal auf der „realpolitischen“ Ebene.
    Jetzt aber zum theologischen
    In der ganzen Debatte scheint es, als ob niemand die pazifistischen Ansätze wirklich wahrnimmt. John Howard Yoder’s Klassiker „Die Politik Jesu“ zum Beispiel entwirft aufgrund seiner exegetischen Studie der Versuchungsgeschichte, der Bergpredigt, der Kreuzigung in den Evangelien und der „Haustafeln“ in den Briefen eine politische Ethik in der das in der Bibel gezeichnete Bild von Jesus direkt relevant ist. Die Kirche soll Gottes gewaltfreie Liebe exemplifizieren und sich der Gewalt entgegenstellen. Auch der „rechtserhaltenden“, denn auch sie ist außerhalb der Vollkommenheit Christi (wie es schon das Schleitheimer Bekenntnis der Schweizer Täufer formulierte).
    Seit wann muss die Kirche machtpolitische Entscheidungen des Staates legitimieren?
    Wenn das Argument ungefähr so läuft, dass ich in meinem friedlichen Deutschland, auf der Couch nicht die kritisieren sollte, die wenigstens etwas tun, dann wäre die Alternative selbst zu handeln und mich selbst in die Solidarität mit bedrohten und marginalisierten Menschen zu stellen.
    Mit der Bereitschaft, dafür auch Komfort aufzugeben, vielleicht auch zu leiden. Das ist wirklicher Pazifismus, der sich vom Friedensstiften (pacificere) ableiten und nichts Passives hat.
    Und diesen Pazifismus preist Jesus selig.

    • Im Fazit, da gebe ich Dir völlig recht.

      Ich hoffe, ich verstehe eine Vielzahl deiner Anklagen nicht falsch, in sofern als dass ich sie auf mich beziehen müsste?!

      Mir geht es überhaupt nicht darum, Pazifistenbashing zu betreiben. Ich wäre gern selbst einer geblieben, will mich aber nicht mehr so nennen. Auch weil meine Pazifismusdefinition eben die absolute Gewaltfreiheit anerkennt. Da muss ich mich eben raus stellen und sagen „ich gehöre nicht mehr dazu“, als dass ich mich einen Pazifisten nenne und klamheimlich doch für Gewalt bin.

      Diesen Zwiespalt auszuhalten, darum ging es mir in meinem Artikel (darum auch der lange biographische Anlauf). Das hat mit Kritik an allen oder keinen Protagonisten alles oder nichts zu tun.

      Bloß weil man übrigens gewalttätiges Eingreifen nicht per se ablehnt, wie ich es tue, heißt das nicht, dass man jede Maßnahme gut findet. Es bedeutet vor allem sich jeden Fall einzeln und nach eigenem besten Gewissen anzuschauen und es sich jedenfalls damit nicht leicht zu machen, einfach „Pazifismus“ oder „Intervention“ zu rufen.

      PS: Die Kirche muss gar nichts mehr legitimieren, zum Glück. Da hab ich auch keinen Bock drauf. Hast Du die entsprechende Passage des Artikels da richtig verstanden?

  3. Hey Philipp, danke fürs Reagieren. Ich bin von anderen Blogs gewohnt, eine Email zu kriegen, wenn jemand dort kommentiert, wo ich kommentiert habe, aber hier muss man immer nochmal nachschauen. Ein bisschen anstrengend.
    Aber jetzt inhaltlich:
    Kann sein, dass ich deinen Text schon mit der Brille der Feuilletonartikel der letzten Wochen gelesen habe und deswegen einiges hineingelesen habe.
    Aber deine Formulierungen wie „warum ich kein Pazifist mehr bin“, „man kann es nicht geschehen lassen“ etc. laufen immer auf die oben genannte Dichotomie von Gewalt anwenden, oder nichts tun hinaus.
    Und es bleibt eine Debatte, die nicht vom eigenen Handeln, und eigenen Erfahrungen in Konflikten informiert wird.
    Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute gewaltfreies Handeln einüben und sich in Konflikten gewaltfrei engagieren, statt – ebenso von ihrer Couch wie mancher Pazifist – dann eben den Krieg doch manchmal rechtfertigen.
    Denn wenn man schon Krieg als legitimes Mittel sieht, sollte man vielleicht auch bereit sein, selbst dafür etwas zu opfern, genauso wie diejenigen, die darin keine Option sehen, sich engagieren müssen.
    Ende September geht Inforeise von Christian Peacemaker Teams zum Team nach Nordirak. Vielleicht würde das beim Nachdenken helfen.
    http://www.cpt.org/participate/delegation/schedule

    • Hey Benjamin, danke für das Feedback! Ich werde mir mal anschauen, ob sich so eine Benachrichtigungsfunktion nicht auch für theologiestudierende.de implementieren lässt.

  4. Heinrich

    danke für diesen artikel, ich war 11 als in new york das world trade center einstürzte, ich denke viele unterschätzen immer noch, wie groß der einfluss von 9/11 auf die ganze politik bis heute hat, 9/11 ist sicher für die ganze 2000er-generation zum fixpunkt geworden ohne den man nichts was die letzten 10 jahre passiert ist erklären kann, das vergessen viele leute, die denken, man kann jeden konflikt wie zum beispiel israel oder irak einzeln betrachten

  5. Reli-Schamane

    Die Kirche muss zur Politik gar nichts sagen. Sie hat damit schoon immer falsch gelegen. Die Kirche muss abgeschafft werden, aber Religion wird es immer geben. Die Menschen haben ein tiefes inneres Bedürfnis danach, geheilt zu werden. Nur für Heilung der Menschen nicht für Politik braucht man Kirchen. Wenn die Kirchen nicht heilen, sondern Menschen voneinander trennen, dann muss man sie abschaffen und darf ihnen kein Geld mehr geben. Es gibt viele Möglichkeiten, den Glauben zu leben, z.B. durch Seminare und Heilungen. Dann wird Frieden werden unter den Menschen.

  6. Florian Haydn

    Interessanter, gut geschriebener Artikel. Ich kenne die Abwendung vom Pazifismus von mir selbst. Weil Pazifismus zu oft Ignoranz oder Apathie bedeutet. Zumal der Pazifismus sowieso oft nur geheuchelt ist. SO hat unsere Regierung kein Problem den totalitären Saudis Panzer zu verkaufen, aber die Kurden wollen wir nicht unterstützen.

    Dass es in den letzten Jahrzehnten keine Militäraktion gab, die erfolgreich war halte ich für sehr auf den Westen konzentriert. Man merkt auch die typische Behandlung von Afrika, als wäre es ein Land….
    In Somalia beispielsweise haben in den letzten Jahren die Truppen der afrikanischen Union (aus Kenia, Uganda und Burundi) die islamistischen Al-Shabab Milizen zurückschlagen können und der Zivilbevölkerung so ein vergleichsweise friedliches Leben ermöglicht. Ob dieser Frieden von Dauer ist wird sich wohl noch herausstellen, aber immerhin.

  7. Manuel Beyer

    Da ist sie wieder, diese mir unbegreifliche Schlussfolgerung:

    Einerseits stellen Sie zurecht fest:
    „Kein einziges militärisches Eingreifen der letzten Jahre hat Frieden gebracht. Weder in Libyen, noch in Afghanistan, erst recht nicht im Irak.“

    Ich weiß echt nicht, welcher Teufel Sie dann geritten hat, letztlich zu folgendem Schluss zu kommen:
    „Ich habe nur das deutliche Gefühl, dass Deutschland sich da nicht einfach raushalten kann, und dass — sollten alle Mittel der Diplomatie unwirksam bleiben — auch dieses Land Soldaten schicken muss, wenn an unserer Seite die Niederländer, Kanadier, Spanier und Amerikaner kämpfen.“

    Die westlichen Rüstungskonzerne werden sich über derartige, im Grunde genommen teuflische „Gefühle“ Ihrerseits natürlich besonders freuen, denn das kurbelt ja deren Geschäft weiterhin kräftig an.

    Mal ganz vorsichtig gefragt:
    Existiert bei Ihnen, irgendwie im Hinterstübchen, eventuell noch ein Schimmer eines Gedankens, dass der Austritt aus der Nord Atlantischen Terror Organisation eventuell ein Weg wäre, um Ihrer vorgeschobenen Begründung, man dürfe nunmal die „Niederländer, Kanadier, Spanier und Amerikaner“ bei den NATO-Angriffskriegen schließlich nicht im Stich lassen, eine wahrhaft christliche Alternative anzubieten, so wie es Jesus im Sinne der Bergpredigt oft genug formuliert und vorgelebt hat?

    Oder ist die NATO-Vasallentreue inzwischen als 11. Gebot in die Bibel aufgenommen worden?

    • Zu den Erfolgen (kurz- oder langfrister Natur) militärischen Eingreifens empfehle ich den Kommentar von Florian Haydn (s.o). Es müsste im Text wohl besser „westliches Eingreifen“ heißen. Und im Irak und Syrien werden wir ja sehen, was nach den Luftangriffen die geflogen werden und den Waffenlieferungen (auch das ist ja ein deutlicher Eingriff!) herauskommt. Ich wünsche mir die Katastrophe jedefalls nicht herbei, auch wenn ich befürchte, dass wir die Waffen sicher noch einmal wiedersehen werden.

      Ansonsten gilt für mich das, was ich weiter oben in den Kommentaren schon geschrieben habe: „Bloß weil man übrigens gewalttätiges Eingreifen nicht per se ablehnt, wie ich es tue, heißt das nicht, dass man jede Maßnahme gut findet. Es bedeutet vor allem, sich jeden Fall einzeln und nach eigenem besten Gewissen anzuschauen und es sich jedenfalls damit nicht leicht zu machen, einfach “Pazifismus” oder “Intervention” zu rufen.“

      Als ich das letzte Mal nachgeschaut habe, waren es weiterhin 10 Gebote. Bei einer erneuten, gründlichen Lektüre des Artikels werden Sie feststellen, dass ich es mir auch und besonders auf Grund meines Glaubens nicht leicht mache. Das bedeutet insbesondere auch, dass ich mir meine eigenen Gedanken mache und nicht herumrenne und mit Zitaten aus meiner heiligen Schrift oder Termini von Verschwörungstheoretikern und Extremisten um mich werfe.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.