Der saloppe Umgang des Leipziger StuRa mit seiner Geschichte Ein Kommentar
Das im Bau befindliche Paulinum 2010 – Foto: Max Melzer

Letzte Woche vor 46 Jahren wurde die Leipziger Universitätskirche St. Pauli von der kommunistischen Regierung zwangsgesprengt. Anlässlich der Jährung dieses traurigen Ereignisses fand im wiederaufgebauten Paulinum eine Gedenkfeier statt, damit dieses Datum nicht in Vergessenheit gerät. Und das scheint auch dringend notwendig zu sein. Denn der StuRa der Uni Leipzig scheint den Verlust und die Zerstörung von kirchlichen Gütern schon wieder für eine gute Idee zu halten.

In einer Pressemitteilung kündigt der StuRa an, die Kanzel der Uni-Kirche, die vor 46 Jahren vor der Zerstörung gerettet werden konnte, zum Verkauf anbieten zu wollen, zum „Sonderpreis“ von 104.200.000 €. Die Kanzel „eignet sich […] für klassische Predigten, aber auch für DJ_ane-Sets, Aufführungen eines Puppentheaters und den Getränkeausschank auf einer Veranstaltung.“, so heißt es in der Mitteilung.

Die Pressemitteilung schließt mit einer kaum verhüllten Drohung einer Referentin des StuRa, Kerstin Stengel: „Nicht auszudenken, was mit einer Kanzel bei der nächsten Besetzung oder bei einer ausgelassenen Festivität passieren könnte.“

Der StuRa hat natürlich (zum Glück) nicht darüber zu gebieten, was mit dem Eigentum der Uni Leipzig gemacht werden soll. In einem Interview mit Mephisto 97.6 erklärt Kerstin Stengel, dass es „natürlich […] eine satirische Idee“ gewesen sei. Es sei eigentlich darum gegangen, auf die Kürzungen an der Universität aufmerksam zu machen. Der Erlös des Kanzelverkaufs solle für den Erhalt von Stellen an der Universität genutzt werden.

Satire hin oder her – Leute wie Frau Stengel hätten bestimmt auch vor 50 Jahren die Sprengung der Paulinerkirche gutgeheißen – mehr Platz für Puppentheater und studentische Partys! Dieser extrem unsensible Umgang mit der Leipziger Stadtgeschichte und ihren Kulturdenkmälern scheint mir typisch für die Leipziger Studierendenvertretung, die schon seit längerer Zeit überwiegend links und insbesondere Kirchenfeindlich eingestellt ist. Mit dieser Aktion beleidigt der StuRa nicht nur die Leipziger Studierenden an der Theologischen Fakultät, sondern alle christlichen Studierenden und obendrein noch das Andenken an die Studierenden, die damals für ihren Protest gegen die Sprengung durch das kommunistische Regime ins Gefängnis gegangen sind.

Das manche der Kommilitonen im StuRa mit kirchlichen Räumen nichts anzufangen wissen, ist nichts Neues. Aber diese öffentliche Zurschaustellung kultureller und geschichtlicher Ignoranz ist ein neuer Höhepunkt. Leider entspricht die sperrige Haltung des StuRa in sachen Unikirche auch der des Rektorats der Universität Leipzig, welches den „Kanzelstreit“ schon länger nicht nur mit lauteren Mitteln zu führen scheint.

Seit einiger Zeit gibt es in Leipzig die Möglichkeit, aus der verfassten Studierendenschaft auszutreten. Damit würden 8 € vom Semesterbeitrag für den StuRa wegfallen. Es scheint, als will der StuRa diesen Schritt allen christlichen und kulturell interessierten Studierenden in Leipzig nahelegen – zumindest zeigt er kein Interesse daran, deren Interessen vertreten zu wollen.

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5 Kommentare anzeigen

  1. Felix Weise

    Zugegebener Maßen fühlte ich mich anfangs von der anfangs auch ein wenig angegriffen. Nach dem sich aber die erste Aufregung gelegt hatte, dachte ich: „Hey es geht hier nur um eine Kanzel“. Ja, die Kanzel hat eine besondere Vergangenheit und ja, man sollte auch die Sprengung der Paulinerkirche nie vergessen. Aber in der Aktion geht es doch um etwas ganz anderes: Hier soll erstmal nur gezeigt werden, dass für einen Holzkasten mehr Geld da ist, als für den erhalt wichtiger Studiengänge. Das ganze ist sehr polemisch geraten und zielt auch ein wenig gegen die Theologische Fakultät, aber ich denke in vertrebarem Maße. Mein Hauptproblem mit deinem Artikel ist, dass du hier bestimmtst, dass sich alle Theologiestudierenden und christlichen Student?innen angegriffen fühlen müssen. Da müsstest du erstmal nachhorchen – ich denke die Situation ist nicht so homogen. Außerdem unterstellst du Fr. Stengel schwerwiegendes. Von Party und Puppentheater zur Sprengung eines sakralen Gebäudes ist es schon ein großer Schritt. Das du meinst, sie wäre sicherlich dabei gewesen ist unverhältnismäßig und fast verleumderisch!
    Gut, dass sich theologiestudierende.de das Thema aufgegriffen hat, aber ist es wirklich christlich, mit doppelter Kraft zurückzuschlagen?

  2. Helfried

    Ich kann mich nur „Janine Eichhörnchen“ anschließen!!! Gerade Theologiestudenten, die im Umgang mit Sprache geschult sein sollten, müssten eigentlich den satirischen Unterton der Pressemitteilung des StuRa entdeckt haben. Es ging darin einzig und allein um die Anprangerung der Kürzungen und diese wurde im angebotenen Verkauf der Kanzel zugespitzt, da diese ein zzt. aktuelles Thema an der Universität darstellt und hier und da sicherlich auch zu (wichtigen!) Diskussionen führt. Kurz und gut: Der Artikel stellt einzig und allein die Meinung des Kommilitonen Max Melzer dar, aber nicht die der „Theologiestudierenden“!

    • Natürlich ist mir der „satirische Unterton“ der Pressemitteilung nicht entgangen. Natürlich geht es dem StuRa um die Kürzungen. Und dieses Anliegen unterstütze ich.

      Aber ich glaube, dass der StuRa mit dieser Aktion unserem Anliegen unterm Strich eher schadet. Was soll denn der Landtag denken, wenn da jemand die PM liest? Wahrscheinlich etwas wie „Gute Idee, die Uni soll sich mit ihren Gütern selbst finanzieren und wird weiter gekürzt.“ Strategisch war das sehr ungeschickt.

      Dazu kommt noch, dass wir eigentlich als geschlossene Gruppe gegen die Kürzungen auftreten müssten. Wenn der StuRa aber bestimmte Studierende antagonisiert (die, die „pro Kanzel“ sind), erreicht er doch das genaue Gegenteil.

  3. Felix Weise

    Die Kritik in deinem letzten Kommentar ist konstruktiv und ich denke berechtigt, aber was soll dann der persönliche Angriff gegenüber Frau Stengel und die Verallgemeinerung deiner Meinung?

  4. markus

    Also als Leipziger Bürger schäme ich mich für die Leipziger Uni, welche einmal zu den besten Europas gehört hat.
    Zu DDR-Zeiten, einer Diktatur und unter Herrschaft einer Besatzungsmacht, war die Kanzel ein Ort des freien Wortes, Denkens, ein Ort der Demokratie. Menschen, welche gegen die Sprengung agiert hatten, sind dafür ins Gefängins gewandert bzw. mußten andere Strafen erdulden, welche heute in unserem Rechtsstaat unddenkbar währen. Es ist schon traurig, daß man es im Gegensatz zu Dresden nicht geschafft hat, eine würdiger Erinnerung zu schaffen, statt dessen die Bilder um die Welt gingen „Leipzig ist nicht Dresden, Gott sei Dank“.
    Es ist eine Schande, daß die Universität den
    gefunden Kompromiss zum Wiederaufbau der neuen UNI regelmäßig unterwandert. Und dieses Plakat stellt eine neuerliche Ungeheuerlichkeit und Respektlosigkeit dar. Ich habe selbst hier in Leipzig vor einigen Jahren studiert. Aber mir ist bewußt: Das Studium in Sachsen ist für die Studierenden kostenlos. Aber für mich, als Bürger und Steuerzahler nicht. Wir Bürger, auch Bürger der Stadt Leipzig finanzieren das Studium, und haben damit durch aus ein Mitspracherecht. Lehrjahre sind keinen Herrenjahre. Ein wenig Demut und eine weinig Beschäftigung mit Geschichte und den wirklich wichtigen Fragen der Gegenwart und Zukunft, würden manchen Studierenden gut zu Gesicht stehen.

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