Ein Pfarrer outet sich als Pfarrerin – Geschichte einer starken Frau

Im Mai 2013 outet sich Andreas Zwölfer, Gemeindepfarrer in Bayern: Er hat herausgefunden: Er ist gar kein Mann, sondern eine Frau. Sie ist transsexuell.

Was ist das, Transexualität? Jeder hat wohl Bilder im Kopf, von schrillen Kleidern und stark geschminkten Männern. Doch die Realität sieht oft viel stiller aus, oft auch traurig und im Grunde wissen die meisten Menschen wenig. Auch für mich war es Neuland, als ich Dorothea Zwölfers Geschichte entdeckte. Und weiterhin sind nicht all meine Fragen beantwortet. Doch in diesem Artikel versuche ich, ein paar der Dinge, die ich mir in den letzten Monaten angelesen habe, aufzuschreiben und zum weiter-informieren und weiter-denken anzuregen. Außerdem möchte ich Frau Zwölfers Geschichte erzählen.

Was ist Transsexualität?

Transsexuell ist man, wenn äußerliche Geschlechtsmerkmale und Hormone (s.g. Chromosomengeschlecht) mit dem „eigentlichen“ Geschlecht (s.g. Hirngeschlecht – das ist das Geschlecht, was die Identität bestimmt) nicht übereinstimmt.

Das hat nichts mit Laune, Spiel oder „Entscheidung“ zu tun, auch wenn es immer wieder heißt: XY will als Mann/Frau leben. Er/Sie hat sich für ein Leben als Mann/Frau entschieden. Nein, sondern: Der/die Betroffene ist von seiner Identität her eine Frau/ein Mann, auch wenn das Genital- und Hormongeschlecht dem anderen Geschlecht zugeordnet wurde. Das Bild vom „Leben im falschen Körper“ wird häufig verwendet.

Auch mit der sexuellen Orientierung hat das eigentlich nichts zu tun: Es gibt unter Transsexuellen homo-, hetero- und bisexuelle – genau wie bei allen anderen Menschen auch, wobei die Zahl der Homosexuellen prozentual höher ist als bei nicht-Transsexuellen. Da es eben nicht darum geht, sondern eben um die Geschlechtsidentität, wird von manchen Fachleuten und Betroffenen der Begriff Transgeschlechtlichkeit bevorzugt. Biologische Männer, die eigentlich Frau sind und dann auch Frau „werden“, nennt man Transfrauen, biologische Frauen Transmänner. Eine transexuelle Frau ist oder war also ein biologischer Mann.

Das Outing eines Transsexuellen kann mit einer Krise verbunden sein, zumal, wenn man keine Unterstützung von seiner Umwelt erfährt. Der Prozess, zu verstehen, was mit einem los ist und es sich selbst einzugestehen, ist meist viel langwieriger und schwieriger als beispielsweise bei Homosexuellen. Dass „etwas nicht stimmt“ merken die meisten schon in der Kindheit. Häufig folgen Phasen, in denen der/die Transexuelle versucht, seinem biologischen Geschlecht entsprechend zu leben. Dann wieder Phasen, in denen er deutlich spürt, dass etwas nicht stimmt, bis derjenige sich schließlich eingesteht: Ich bin transgeschlechtlich! Die meisten transsexuellen Menschen wünschen sich dann, entsprechend ihres Hirngeschlechts zu leben: Das kann ganz unterschiedlich aussehen, geht aber fast immer mit einer körperlichen Angleichung an das Hirngeschlecht einher: Durch entsprechende Kleidung, hormonelle Therapie und ggf. geschlechtsangleichende Operation. Dieser Prozess ist – zumindest in Deutschland – immer psychologisch begleitet, für eine OP und eine Personenstandsänderung sind in Deutschland mehrere Gutachten nötig, beispielsweise in Österreich kann man seinen Vornamen und Personenstand auch ohne Gutachten ändern.

Für den Transsexuellen ist das meist eine unglaubliche Befreiung: Endlich so leben, wie man wirklich ist. Endlich kein Versteckspiel mehr. Für Außenstehende mag es zunächst so aussehen, als würde der Transexuelle sich als Mann/Frau „verkleiden“ – für den Transsexuellen waren dagegen die ganzen Jahre, in denen er gemäß seines biologischen Geschlechts gelebt hat, ein Leben in „Verkleidung“. Aber natürlich kann ein Outing von Transmenschen in unserer Gesellschaft auch sehr negative Folgen haben: Häufig zerbrechen Beziehungen, zum Partner, aber auch zu Freunden oder Verwandten. Nicht selten verlieren Transsexuelle ihren Arbeitsplatz – von anderen Diskriminierungen mal ganz zu schweigen.

Transsexualität ist laut der Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation eine „Störung der Geschlechtsidentität“. Die Zuschreibung als Krankheit wird von einigen Fachleuten und Transidenten kritisiert. Sie sind anders, klar. Aber „heilen“ oder „wegtherapieren“ lässt sich Transexualität nicht, auch wenn es Transsexuellen häufig gelingt, ihre wahre Identität über Jahre zu verdrängen. Trotzdem ist eine medizinische Begleitung in der Regel nötig und sinnvoll: Gerade eine unbehandelte Transsexualität, ein jahrelanges Verdrängen, kann einen Leidensdruck erzeugen, der krank machen kann. Die Ursachen für Transsexualität sind sehr umstritten und liegen weitgehend im Dunkeln. Vermutlich gehen aber schon während der Embryonalentwicklung die Entwicklung des biologischen und des sogenannten Hirngeschlechts auseinander. Ebenso schwanken die Häufigkeitszahlen sehr stark, von 1:10.000 bis zu 1:1.000 bei Männern und 1:30.000 bis 1:2.000 bei Frauen. Klar ist allein, dass es viel mehr Transfrauen als Transmänner gibt.

Und die Kirche?

Was denken christliche Kirchen über dieses Thema? Sicherlich Unterschiedliches, doch im Gegensatz z. B. zu Homosexualität wird wenig über dieses Thema diskutiert bzw. es wird höchstens in einer Schublade mit anderen „Besonderheiten“ verhandelt. Eine offizielle Stellungnahme der EKD oder der katholischen Kirche habe ich vergeblich gesucht. Doch wie so oft wird die Kirche von der Realität, von den Lebenswegen von Menschen eingeholt. Neben transsexuellen Gemeindemitgliedern gibt es inzwischen auch einige transsexuelle Pfarrerinnen in Deutschland.

Die Geschichte einer starken Frau

Die Geschichte von Dorothea Zwölfer ging im Frühjahr des vergangenen Jahres durch die Presse: Geboren als Andreas Zwölfer, verheiratet, Pfarrer in der evangelischen Kirche in Bayern, outete sie sich im Mai 2013 ihrer Gemeinde als Frau. Seit 2011 war sie sich sicher, eine transsexuelle Frau zu sein, ließ sich beraten, weihte ihre Frau ein. Nun geht sie den Weg, an dem sie am Ende mit Hilfe von Hormontherapie und Operation auch körperlich eine Frau sein wird.

Ich kann nur erahnen, wie viel Mut es kostet, sich selbst einzugestehen, dass man jahrzehntelang im „falschen“ Geschlecht gelebt hat, und dann damit in die Öffentlichkeit zu treten: Alles steht ja auf dem Spiel: Die Ehe, der Job – gerade in einem Beruf, in dem man immer schon im Blick vieler Menschen ist. Dass sie den Vornamen „Dorothea“ gewählt hat, zeigt, wie sehr ihr der Glaube eine Stütze ist und sie trägt. Ihr Blog trägt den „Untertitel“: soli deo gloria.

Es ist eine hoffnungsvolle Geschichte: Die Familie steht hinter Frau Zwölfer und die Ehe hält. „Ich habe sie geheiratet als den Mann, den ich immer noch liebhabe. Und entdecke auf der anderen Seite immer wieder neue Sachen an ihr, wo ich sage, da wird sie meine besondere Schwester.“, sagt Zwölfers Frau, ebenfalls Pfarrerin, in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk. So viel Offenheit, so viel Bereitschaft zur Veränderung, aber auch Bewusstsein dafür, dass Dorothea Zwölfer auch im neuen Geschlecht dieselbe Person bleibt – wie wunderbar.

Die Gemeinde reagiert erstaunlich offen und möchte „ihren Pfarrer“ eigentlich gern behalten, auch wenn es jetzt eine Pfarrerin ist, wollten gar darüber abstimmen. Dennoch verließ Dorothea Zwölfer die Gemeinde und hat zur Zeit eine Sonderpfarrstelle inne. Das scheint zumindest auch ihre eigene Entscheidung gewesen zu sein: Sie möchte niemanden verprellen, der mit ihrer Transsexualität ein Problem hätte. Ins Gemeindepfarramt zurück möchte sie langfristig wohl aber schon – dann von Anfang an als Frau.

Das Medienecho fällt sehr unterschiedlich aus. Auch grundsätzlich neutrale oder positive Berichte tragen häufig Titel wie: „Bayrischer Pastor will eine Frau werden“ oder, „Pfarrer Andreas Zwölfer will als Frau leben.“ Das zeugt von einer unsensiblen Haltung, denn, wie oben erläutert, geht es ja nicht um eine Entscheidung und letztlich auch nicht ums Frau „werden“. Dorothea Zwölfer sagt es im Fernsehinterview so: „Ich bin eine Frau, ich war schon immer eine Frau und ich werde eine Frau sein. Und es fehlt halt einiges, was Frauen normalerweise haben.“. Pfarrer Zwölfer ist eine Frau, wäre also eine treffendere Überschrift. Und natürlich gibt es auch zutiefst kritische und verletzende Stimmen, gerade aus evangelikalen und streng religiösen Kreisen.

Die bayrische Landeskirche hat dagegen ein Zeichen gesetzt: Dorothea Zwölfer darf bleiben. Es gibt Anerkennung für ihren Mut. Ein Sprecher der Kirche sagt, man schätze Zwölfers Qualifikation, ob als Mann oder als Frau. Der Pressesprecher der Kirche sagt: „Wir müssen die große Vielfalt der Schöpfung wahrnehmen und auch akzeptieren lernen.“

Es ist also eine Geschichte, die anderen Transsexuellen, gerade auch transsexuellen Christen Mut machen kann. Ich wünsche mir eine Kirche, die immer ein so menschliches Gesicht hat.

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Über Dorothea Zwölfer

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4 Kommentare anzeigen

  1. Johann Flemming

    Vielen Dank für den interessanten Artikel. Mir ist noch etwas unklar:
    „Klar ist allein, dass es viel mehr Transfrauen als Transmänner gibt.“ Beziehst du dich mit diesen Zahlen auf Deutschland, Europa, die westliche Welt, die ganze Welt?

    • Thea Sumalvico

      Lieber Johann, das sind Zahlen, die für die ganze Welt gelten (soweit es Messungen gibt) und kann auch biologisch erklärt werden (bzw. ich glaube, das ist eher noch eine Vermutung) und zwar hat Fr. Zwölfer es mir folgendermaßen erklärt: Es gibt statistisch gesehen ca. doppelt so viele transsexuelle Frauen wie Männer. Grund dafür ist, dass das Y-Chromosom nur bei Männern vorhanden ist d.h. wenn auf dem Y Chromosom auch nur zwei Gene mutiert sind, ist eine transsexuelle Entwicklung möglich. Bei Frauen ist das X-Chromosom doppelt vorhanden, d.h. es müssen auf jedem X-Chromosom Mutationen vorhanden sein, die eine transsexuelle Entwicklung auslösen. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer befruchteten Eizelle sich transsexuelle Mädchen entwickeln, doppelt so hoch wie bei transsexuellen Jungen.“ Vlt hilft dir das weiter. Lieber Gruß :)

  2. Helene

    Danke Thea! Ich hoffe mit Dir, dass die Kirche immer mehr menschliche Gesichter auspackt!

  3. patrick

    Hallo, mein name ist Patrick.Interessiert lass ich deinen Text.Du hast grossen Mut bewiesen, sowie deine Frau die weiterhin zu dir steht.Ich lebte bis zu meinem 47.Lebensjahr als Frau .Inzwischen bin ich 50 Jahre und bin froh diesen Weg gewáhlt zu haben als Mann mein Leben weiter zu leben.Wenn ein Mensch so eine Endscheidung trifft dann ist es sehr schwer fuer die Mitmenschen.Diesen Weg geht man ganz allein im wahrsten Sinne des Wortes.Ich denke selbst wenn man einen Glauben hat wird einem die Endscheidung nicht abgenommen.Auf eine Seite sind diese Menschen sehr verzweifelt, traurig und zerrissen und wiederrum sehr stark.Ich habe auf diesen Weg leider Menschen verloren und bin schon sehr traurig darueber.Mich machte es stark, dass meine Partnerin den Weg mit mir ging.Sie wusste nicht wie es weiter gehen sollte und liess mich nicht allein.Nun finden wir uns neu, geben uns eine Chance. Ich wuensche dir alles Gute Patrick

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