Moment mal: Selber handeln

Selber denken, selber suchen, selber reden. Setzen wir das in die Praxis um.

Für diese Woche werden von der Fastenaktion „7 Wochen ohne“ die Verse Markus 2,23–28 vorgeschlagen. Ein Text, den ich früher für ein Universalmittel gegen alles nach Gesetzlichkeit riechender theologischer Argumentation hielt. Zumindest gegen das, was ich für Gesetzlichkeit hielt. Doch mit der Zeit lernte ich, die Pharisäer zu verstehen. Ich denke, wenn einer der Pharisäer über jenes Ereignis am Kornfeld Tagebuch geführt hätte, könnte das so geklungen haben:

„Wir trafen auf den umherziehenden Prediger aus Nazareth, samt seinen Schülern. Wir haben die Gruppe zufällig beobachtet. Sie sind heute, am Sabbat, durch den Weizen gelaufen und haben Körner geerntet, um sie zu essen. Erwachsene jüdische Männer, die sich viel herausnehmen, seit sie mit ihm unterwegs sind. Hannas hat Jesus darauf angesprochen, aber wie üblich kamen nur unverschämte und arrogante Spitzfindigkeiten zurück.

Kaum verständlich, ja sogar ziemlich wirr, wie er argumentiert hat. Ich verstehe nicht, wie ein Mensch mit auch nur einem Funken Verstand im Herzen dieses populistische Geschwätz von ihm gut finden kann. „Habt ihr nie gelesen, was David tat …?“, fragt er uns! Geht’s noch? Auch David habe unerlaubtes getan, als er in Not war und ihn hungerte: Sind die Jünger von Jesus etwa David? Waren sie denn in Not? Raufen sie etwa beim Gehen Körner, weil sie so großen Hunger haben? Nein, mein Lieber, so viel theologischen Verstand habe ich noch, dass ich Deine falsche Rhetorik durchschaue.

Und der Sabbat um des Menschen willen – ich würde ja lachen, wenn es nicht so bitter wäre. Ja, um wessen willen ist denn der Mensch gemacht? Um seines Bauches willen? Um seiner Gier willen, dass er Gottes Gebote missachte? Denke doch einmal selbst, anstatt Dich von Deiner Fresssucht leiten zu lassen. Suche doch nach Gottes Willen in dem, was uns unsere Väter überliefert haben, statt dich selbstherrlich über sie zu erheben! Wer hat uns denn gemacht? Wer hat uns den Sabbat geschenkt? Wir uns etwa selbst? Können sich Schafe denn selber auf die Weide führen und aus den Klauen der Wölfe entreißen?“

Die Pharisäer sind mir auf eine gewisse Weise sympathisch geworden. Jeder sieht doch: Jesus bürstet die Überlieferung gegen den Strich, dass einem die Haare zu Berge stehen müssen.

Jesus vs. das Gebot

Jesus verstößt hier gegen das dritte Gebot. Wie macht er das? Indem er es auslegt. Er nimmt das eindeutige und klare Wort Gottes „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun …“, und deutet die objektive Aussage „Da sollst du keine Arbeit tun“ für sich selbst um in ein: „Da brauchst du nicht zu arbeiten.“ Er streitet nicht einmal ab, dass das, was er getan hat, eigentlich verboten ist. Er gibt es freimütig zu! Er widersetzt sich dem eindeutigen Gebot und begründet das mittels fadenscheiniger Behauptungen und schräger theologischer Argumente.

Die Pharisäer haben doch vollkommen Recht, wenn Jesu Rede sie auf die Palme bringt. Denn wenn wir diese „Theologie Jesu“ ganz ernst nehmen, wie können wir dann noch auch nur ein Gebot als Gebot hören? Das Wort Martin Luthers drängt sich dann auf: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Es drängt sich auf als Freifahrtschein für Beliebigkeit. Dem Gebot Gottes wird ein „Eigentlich“ voran- und ein „Aber“ nachgestellt: „Eigentlich sollst du nicht töten, aber …“, „Eigentlich sollst du nicht falsch bezeugen, aber …“, „Eigentlich sollst du nicht begehren, aber …“.

Jesus, der Herr?

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit, Jesus hier zu sehen: Nicht als den Theologen, der einen fahrlässigen Umgang mit Gottes Wort propagiert. Nicht als den, der Gottes Gebote missachtet und die Menschen aufwiegelt, sondern als den, dem es grundsätzlich erlaubt ist, den Menschen zu zeigen, was Gott von und für die Menschen will. Der Pharisäer kann nicht wissen, wer Jesus ist, es sei denn er glaubt dem einen Satz Jesu: „So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“ An diesem Satz und daran, dass er wahr ist, hängt alles Handeln und Reden Jesu in diesem Abschnitt.

Wäre Jesus nicht Herr, es wäre reine Anmaßung, was er den Pharisäern erwidert. Wären die Jünger nicht die Jünger Jesu, der Herr ist, und würden sie nicht an ihn glauben, ihr Handeln wäre schlichtweg der Bruch eines Gebotes von Gott. Dass Jesus von sich sagt, er sei Herr über den Sabbat, heißt nicht, dass er es gerne wäre oder sich anmaßt, es zu sein und es nur von sich behauptet. Sondern dieser Satz von ihm muss ganz und gar zuerst als ein Faktum verstanden werden, als eine objektive Aussage: „Christus ist Herr“. Diese Aussage muss geglaubt werden. Und erst dann kann man weiter von und über ihn recht reden und berichten und ihn beurteilen.

Von Wollen, Sollen und Dürfen

Nun ist das Thema dieser Fastenwoche ja „Selber handeln“ – was hat das ganze mit „selber handeln“ zu tun? Wie verhält sich das Gebot zur christlichen Freiheit: Sollten wir unsere Einkaufsläden am Sonntag geschlossen halten oder sollen wir sie öffnen? Und wie sieht es mit anderen, ethischen Fragen aus: Darf ich jemanden in Notwehr töten? Darf ich etwas stehlen, wenn meine Familie sonst verhungern würde? Darf ich?

Wir lesen in dem Text der Woche, wie Jesus das Gebot um des Menschen willen auslegt. So wäre es doch leicht, alle Gebote in das Licht des humanistischen Pragmatismus zu stellen: In Maßen ist alles erlaubt, die Menge macht das Gift. Doch hierbei übersehen wir, dass Jesus das nur deshalb machen darf, weil er der Herr über das Gebot ist. Wir aber sind nicht Herren über Gottes Gebot, uns steht das nicht frei.

Die Frage „Soll ich? Darf ich?“ verrät immer eines: Hier stellt jemand sein Wollen einem Sollen gegenüber. Er weiß um etwas Rechtes, Gebotenes und um etwas anderes, was ihm als recht und geboten erscheint. Beides will er gegeneinander ausspielen: das Gebotene gegen etwas anderes Gebotenes; das Gute eines anderen gegen sein eigenes Gutes. „Soll ich? Darf ich?“ fragt immer nach der Rechtfertigung des eigenen Handelns und nach einer Sanktionierung des Handelns, die außerhalb seiner selbst liegt.

Doch als Christen glauben wir, dass niemand als Gott allein den ganzen Menschen – und damit auch sein Handeln als gut bestimmen kann. In der Frage „Darf ich? Soll ich?“ frage ich aber genau nach so einer Rechtfertigung, die nicht von Gott kommt, was vor allem dann kritisch wird, wenn es um den Verstoß gegen ein Gebot geht.

Die Freiheit eines Christenmenschen

Beim christlichen Handeln geht es jedoch nicht um ein Handeln in der Spannung zwischen Dürfen, Wollen und Sollen. Wenn ich die Aussage „Christus ist der Herr“ mir zueignen und bekennen kann „Christus ist mein Herr“, verändert das natürlich etwas in mir. Es ist das Wunderbare am christlichen Glauben, dass ich herausgenommen werde aus der Frage nach dem Dürfen, Wollen und Sollen in der Nachfolge dieses Herrn, der der niedrigste Diener wurde. Stattdessen werde ich hineingestellt in das freie Handeln aus der Liebe, die offenbart wird in Christus.

Und nun können wir Luther richtig verstehen, wenn er schreibt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Nämlich dann, wenn wir das Wort „Christenmensch“ ernst nehmen als Bezeichnung für denjenigen, der bekennt, dass Christus der Herr ist. Denn wer Christus nachfolgt, steht darin in freier Verantwortung vor der Welt, ungebunden an das Gebot Gottes als Vorschrift. Denn, so schreibt Luther auch: „Ein rechter Christ könnte neue Dekaloge schreiben“.  Die zehn Gebote sind dann, recht verstanden, keine Gebote mehr. Ja, nicht einmal mehr die scharfen Sätze der Bergpredigt sind dann noch Gebote, sondern die Gebote werden zur Selbstauslegung des Lebens in der Nachfolge Christi. Denn Christus selbst lebt und handelt in denen, die ihn als ihren Herrn haben.

Seid frei und handelt in allen Dingen selber, denn Gott ist mit euch! Das kann ich guten Gewissens all jenen zurufen, die Christus nachfolgen. Der Glaube an Christus schließt Gottes Erlaubnis und Forderung ein, selber und selbstverantwortlich zu handeln.

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