Theologie – „das muss ja nicht schaden!“ Ein Gespräch mit Andreas Schüle, dem Leipziger Professor für das Alte Testament
Das im Bau befindliche Paulinum 2010 – Foto: Max Melzer

Das Gespräch mit dem neuen Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments findet am 7. November 2012 statt, am Mittag nach der US-Wahl. Da ist es nur folgerichtig, dass wir uns über das Wahlergebnis sowie die US-Politik unterhalten, schließlich hat Andreas Schüle die vergangenen sieben Jahre in Richmond/Virginia verbracht.

Prof. Schüle. Foto: Franz Werfel

Andreas Schüle. Foto: Franz Werfel

Er ist in Ludwigsburg bei Stuttgart geboren, ganz in der Nähe des Residenzschlosses. („Der riesengroße Schlossgarten war quasi mein Kinderspielplatz.“) Er sei in einem sehr barocken Umfeld aufgewachsen. „Das fand ich sehr angenehm. Ich stamme aus einer ganz klassischen Unternehmensfamilie. Mein Vater ist Bauunternehmer, das waren wir auch schon vor 300 Jahren. Ich kann meinen Stammbaum bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen und die Familie ist immer am selben Ort geblieben. Sie haben im Wesentlichen immer die gleichen Dinge getan, waren Bauunternehmer und Winzer, eine sehr schöne Kombination; haben das Nützliche mit dem Angenehmen verbunden.“ Insofern betrachtet er sich – je nach Perspektive – entweder als das weiße oder das schwarze Schaf der Familie, das die alte Welt zumindest für eine gewisse Zeit verlässt. „Mein Umzug nach Amerika wurde in meiner Familie mit großen Augen gesehen und auch bewertet. Sie waren sehr froh, als ich jetzt wieder zurückkam.“

„Aber das muss ja nicht schaden“

Amerika sei eine schöne Erfahrung gewesen, schon immer wollte er einmal dort leben. Bereits während des Theologiestudiums verbrachte Schüle ein Jahr in Chicago. „Dort fand ich es unglaublich inspirierend, angefangen bei der Universität, dem amerikanischen Umfeld, dem Pluralismus – dass man dort mit Leuten und Geistesströmungen zusammenkommen kann, die man hier nicht findet. Da ist Deutschland kleiner, topographisch wie intellektuell. Wenn man sich hier umschaut, findet man Leute, die fast alle weiß sind, die alle ähnliche Prägungen haben“, erzählt er und fügt noch eine Anekdote hinzu: Während seines Jahres in Chicago organisierte die Beratungsfirma McKinsey & Company eine Konferenz. Dort wurde ein Paper vor Stipendiaten vorgestellt und anschließend bekamen einige Studenten ein Gesprächsangebot. „Sie meinten dann, dass ich auch eingeladen werden müsste und fragten mich, ob ich mir vorstellen könne, mal für sie zu arbeiten. Ich habe dann gefragt, ob sie überhaupt wüssten, was ich studiere. Die sagten dann: Ja, Sie studieren Theologie, aber das muss ja nicht schaden!‘ Damals habe ich mir gesagt, Amerika möchte ich doch gern noch einmal etwas länger genießen, wenn sich die Chance dafür auftun sollte.“

Diese Chance sollte sich auftun, als ihn 2005 der Ruf des Union Theological Seminary ereilte. Zupass kam ihm dabei, dass die dortige Bible Faculty (AT und NT) sehr stark ausgeprägt war. Schnell sei die Zeit vergangen, an deren Ende er sich auch hätte vorstellen können, in den USA zu bleiben. Es gab für ihn keinen Grund, von dort wegzugehen, außer „dass ich mir die Frage stellte, ob ich das, was ich dort gelernt, erfahren und getan habe, auch in einem anderen Kontext neu zum Leben bringen könnte. Da hoffe ich nun, dass dies hier möglich sein wird, dass sich hier weiterführen lässt, was ich in Amerika angefangen habe.“

Es sind also vor allem fachliche Gründe, die Andreas Schüle wieder nach Deutschland kommen ließen, weniger familiäre. „Nur meine Mutter hatte beinahe gedroht, mich zu enterben, wenn ich den Leipziger Ruf nicht annähme. Mich hat bei meiner Entscheidung für Leipzig auch sehr die Möglichkeit angesprochen, nach Ostdeutschland zu gehen. Ich absolvierte als KE-Student ein Praktikum in Dresden und habe hier auch Verwandtschaft. Und mein Vater hat hier gebaut. Zu sehen, dass sich in den neuen Bundesländern eine Menge bewegt, ist sehr interessant für mich. Dabei ist das Thema Religion ja auch ein wenig schwierig.“ Professor Schüle überlegt, ob hier vielleicht Dinge möglich seien, die an anderen Universitäten gar nicht so gefragt würden. Die Uni Leipzig versuche gerade, so scheint es ihm, sich neu zu erfinden. So versuche sie beispielsweise, internationaler zu werden. Da bemerke er viele Tast- und Suchbewegungen.

Der Weg zur Theologie

Gehen wir biografisch noch ein wenig weiter zurück. Wie kam er denn überhaupt zur Theologie? „Das ist etwas klassisch Schwäbisches: Der ältere Sohn übernimmt die Firma, der jüngere geht ins Kloster. Das haben wir dann in der Familie ein wenig variiert.“ Schon lange sei er in der Kirche aktiv gewesen. Die konservative Prägung, mit der er groß geworden sei, habe er immer als positives, starkes Heimatgefühl empfunden. „Lange Zeit habe ich das aber nicht als Berufsperspektive wahrgenommen. Ich dachte immer, ich mach mal was mit Medizin. Dann kam die Bundeswehr, eine Phase, in der ich überlegte, was ich wirklich will, wo das Herz ist, wo das Hirn. Dann habe ich mich für Theologie entschieden. Ich denke auch, das entspricht eher meiner Personalität und meinen Fähigkeiten. Übrigens bin ich froh für den Rest der Menschheit, dass ich kein Chirurg geworden bin.“

Aus Versehen Promoviert

Den Großteil seiner Studienzeit verbrachte Andreas Schüle in Heidelberg und schloss mit zwei Promotionen ab. Daraufhin befragt, erzählt der Professor schmunzelnd: „Eigentlich waren beide Promotionen Unfälle. Keine von beiden war jedenfalls so geplant. Ich habe ja ein Doppelstudium abgeschlossen, Altorientalistik und Theologie. Altorientalistik wollte ich studieren, weil mich Sprachen faszinieren. Hebräisch habe ich vom ersten Aleph an geliebt. Mein Lehrer am Sprachenkolleg in Stuttgart war ein faszinierender Pfarrer, der sich im Selbststudium Arabisch und Akkadisch beigebracht hatte. Da dachte ich mir: Das will ich auch! Das ist übrigens bei vielen Alttestamentlern so, dass ihr Weg zu dieser Teildisziplin durch die Affinität zur Sprache, im Besonderen zum Hebräischen, kommt. Also, ich bin nach Heidelberg gegangen und habe beides studiert. Es stellte sich irgendwann die Frage: Wie beende ich das jetzt? Da sagte mein Professor: ‚Der Magister (mit dem ich Semitistik abschließen wollte), der bringt dir gar nichts, wenn du auch noch das Kirchenexamen machst – schließ doch lieber mit einer Promotion ab.‘ Und dann habe ich das mit althebräischen Inschriften und deren Syntax durchgezogen. Ich habe also promoviert und nebenher das Kirchliche Examen gemacht, das war schon eine etwas intensive Phase meines Lebens. Das merkte ich daran, dass der Professor manchmal kam und mich fragte, ob ich neuerdings unter Brücken schliefe.“

Als das Kirchenexamen und die erste Promotion abgeschlossen waren, arbeitete Andreas Schüle in der Heidelberger Systematik bei Michael Welker. Schüles eigentliche Richtung war demnach ursprünglich die Systematik. Nebenher arbeitete er auch an alttestamentlichen Projekten. „Ich hatte ein Buchmanuskript, das wollte ich eigentlich nur publizieren, als mich der Herausgeber einer wissenschaftlichen Reihe, Hans-Peter Müller aus Münster, ansprach, wieso ich denn ein Buch ‚nur‘ publizieren wolle, ich hätte doch im Moment gar nichts zu verschenken, ich bräuchte doch Qualifikationen. Er schlug vor, das Buch als Doktorarbeit in der Theologie einzureichen, was ich daraufhin tat. Als das Manuskript schon fertig vorlag, musste ich nachträglich einen Betreuer finden, der bereit war, das irgendwie zu vertreten. Das war dann Konrad Schmid, der in Heidelberg gerade seinen ersten Ruf hatte.“

„Aus der Bibel wird quasi alles gemacht“

Im Fortgang des Gesprächs möchte ich mehr über Professor Schüles Selbstanspruch in seiner Lehre und seinen eigenen wissenschaftlich-theologischen Ansatz erfahren. Wir sprechen u.a. über die Religionsgeschichte, die er sehr schätzt. Es komme jedoch darauf an, wie man sein Fach verstehe, sagt Schüle. Wolle man im Historischen bleiben und die Schrift samt ihres Geschehens dort bleibend verorten? Das hätte zur Konsequenz, dass jeder beliebig überlegen könne, wie er mit dem Bestand verführe. Oder möchte man nach vorne schauen, und die biblischen Texte (mit dem Wissen über ihre historische Herkunft und ihre lokale Verwurzelung) in andere kulturelle Kontexte hineinübersetzen? Wäre das möglich, wenn die Texte zugleich ihre Integrität behalten sollten, oder sei das nur möglich, wenn man diese dafür verdrehen müsse? Letzteres finde man in Amerika gehäuft. „Da wird aus der Bibel quasi alles gemacht, zum Teil werden da furchtbare Sachen in die Bibel hineingelesen.“ Die christlich-puritanische Prägung sei dem Gründungsmythos der Staaten ja quasi eingeschrieben. So gebe es keinen großen intellektuellen Überbau, sondern die Bibel müsse sehr direkt sagen, was sie meint. Große Auslegungssysteme dürften sich dabei nicht zwischen das Gesagte der Bibel und unser (mögliches) Verständnis drängen. Entweder man könne die Botschaft der Bibel direkt ablesen, oder es werde schwierig. Und dann komme es eben zu so kontroversen Debatten wie jene über Ehescheidung oder Homosexualität, die in Amerika die Kirchen trennten. Da würden seitens der Bibel direkte Antworten gefordert.

Das Erfrischende auf der anderen Seite des Atlantiks sei aber, dass die Leute fragten; es würden Antworten erwartet. Schüle: „Wenn ich dort mit der Bibel in der Hand interessante Beiträge leiste, dann werden die gehört. Religion als Grundfaktor wird dort ernster genommen.“ Daran lägen verschiedene Prozesse der Säkularisierung. Deutschland wirke zurzeit in der Welt sehr selbstzufrieden. Die Leute erwarteten sehr wenig über das hinaus, was hier und jetzt erreichbar sei. Es gebe hier diese Grundsättigung. „Als ich vor acht Jahren ging, waren alle sehr unzufrieden. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit usw… Und nun habe ich den Eindruck, der Wohlfühlfaktor ist sehr hoch. Spirituell findet man eine Bequemlichkeit, sodass man (sich) gar nicht fragen muss, was denn das Christentum anzubieten hat.“ Die Notwendigkeit, die Religion auch zu drängenden Herausforderungen der Zeit zu befragen, würde gar nicht gesehen.

„Mit der Exegese ins Gespräch kommen“

Diese Diskussion ist eines der Hauptanliegen von Andreas Schüle. Ein weiterer Aspekt von Professor Schüles Forschung fiel mir bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch auf: Auf seiner Homepage des Union Theological Seminary ist das „Zusammenspiel von Exegese und konstruktivistischer Theologie“ als ein Forschungsschwerpunkt gelistet. Was verbirgt sich dahinter? „Die Frage ist, wie man die klassischen Texte (z.B. Sündenfall, Urgeschichte), die in der christlichen Tradition gewachsen sind, aus denen sich Lehrmeinungen herausgebildet haben, ins Gespräch mit der Exegese bringen kann. Ist das auch dann denkbar, wenn beide möglicherweise zu verschiedenen Schlüssen kommen? Also: Wie denkt man die Tradition und neue Ansätze der Textauslegung gewinnbringend zusammen?“ An dieser Stelle habe er auch den Grund ausgemacht, warum Systematiker Exegeten oft als gefangen in ihrem methodischen Klein-Klein empfänden und Exegeten Systematiker als zu abstrakt, zu großflächig, zu wenig geerdet: „Die Begrifflichkeiten sind einfach sehr unterschiedlich. Da muss mehr Gespräch entstehen.“

Aktuell plant Andreas Schüle einen Kommentar über Tritojesaja (Jes 56-66). Des Weiteren möchte er bald schon eine Theologie des Alten Testaments verfassen. Ferner möchte er gerade in Leipzig das Gespräch zwischen Judentum und Christentum weiter mit voranbringen und v.a. auch akademisch stärker anbinden. Die Forschungsstelle Judentum habe ihn auch sehr gereizt, hierher zu kommen. Denn diese dialogische Arbeitsweise sei er noch aus Amerika gewohnt, ständig arbeite man dort mit Juden zusammen. „Sobald es an öffentlichen amerikanischen Universitäten zwei AT-Lehrstühle gibt, ist einer auf jeden Fall mit einem jüdischen Vertreter besetzt.“ Man befinde sich also ständig im interreligiösen Dialog, die andere Perspektive sei immer mit dabei. Das sei sehr stimulierend und akademisch wie intellektuell nur redlich. Ebenso gebe es an den Universitäten nie nur christliche Theologie pur. So sei es gut denkbar, dass beispielsweise ein Lehrstuhl für Religionsgeschichte von einem Buddhisten besetzt würde.

„Die intellektuelle Hungrigkeit der Studierenden“

Zum Abschluss unseres Gesprächs bitte ich den Professor noch einmal, auf sein neues Arbeitsumfeld in Leipzig zu blicken. „Ich wünsche den Studierenden, dass sie immer auch im Blick haben, was sie mit dem Studium machen wollen, etwas, das sie motiviert und antreibt: Will ich Seelsorge betreiben, in Pfarreien mit den Menschen arbeiten, mich kulturell betätigen? Da bin ich gespannt, ob es neben dem Scheine Sammeln bei den Leuten auch etwas gibt, wofür sie wirklich brennen – eine intellektuelle Hungrigkeit.“

Und wie ist das mit den Fußstapfen, in die er mit seiner Professur auf diesem Lehrstuhl tritt? Andreas Schüle möchte mit der Zeit gerne einen kleinen eigenen Fußabdruck neben den großen von Rüdiger Lux setzen: „Ich finde es sehr motivierend, einen Vorgänger zu haben, der viel bewegt und einen guten Namen hat. So bekomme ich den Rückenwind seiner enormen Reputation noch mit. Das fühlt sich gut an. Das nehme ich so mit.“

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im thema – dem Theologischen Magazin von Theologiestudierenden an der Uni Leipzig (Ausgabe 5 / Januar 2013).

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