Glaube aus Schrecken – der Name der Rose

In einem Benediktinerkloster irgendwo im italienischen Bergland geht der Antichrist um. Davon sind auf jeden Fall die darin lebenden Mönche überzeugt. Einer von ihnen stürzt aus dem Fenster, einer von ihnen wird in einem Topf voller Schweineblut aufgefunden und das war bei weitem nicht der letzte Mord. Nur William von Baskerville, der zugereiste Franziskanermönch glaubt nicht an den Teufel, sondern will mit Hilfe der Vernunft, den Schrecken, der die Mönche befallen hat, aufklären.

„Der Name der Rose“ war ursprünglich ein Roman von Umberto Eco, der in den 80er Jahren erschienen ist. Ein unglaublich imposantes Werk über die Düsternis und den Schrecken, den die Religion mit sich bringen kann. Der Erzähler des Werkes, der gealterte Adson, Novize von William von Baskerville, kommt zum Schluss zu der Aussage, dass Gott weder barmherzig noch liebevoll ist. Das vielleicht allein schon der Gedanke eines personalen Gottes eine Illusion ist. Gott ist Einöde, ist Leere.

Dieser Blogeintrag wird sich allerdings nicht auf das Buch beziehen, sondern auf den Film. Dieser hat meiner Meinung nach, dem Buch einige Zähne gezogen und hat eine etwas andere theologische Stoßrichtung: Nicht der Schrecken der Religion, sondern die Verirrung, die in der Religion stattfinden kann, stehen im Mittelpunkt. Was ich damit meine, werde ich nun ausführen. Dazu werde ich natürlich Ende, Twists und alles Interessante verraten, was der Film zu bieten hat. Falls ihr ihn also noch nicht gesehen bzw. das Buch nicht gelesen habt, wäre hier ein guter Punkt aufzuhören. Außerdem ist auch diesmal der Blickwinkel spezifisch theologisch und mein eigener – also erwartet keine zu differenzierte Auseinandersetzung.

Glauben ist unwissendes Gefühl

Der Film gleicht einem theologischen Dialog, der zwischen zwei Lagern geführt wird. Dieses Gefühl wird noch verstärkt, weil in dem Film tatsächlich explizit um die wahre Kirche gestritten wird. Aber nicht die Armut der Kirche steht im Mittelpunkt (darüber wird der Dialog zwischen Franziskanern und päpstlicher Delegation geführt), sondern der eigentliche Diskurs ist, ob Glaube nur auf Kosten der Wissenschaft und der Weisheit gelebt werden kann. Ob er nur dann existiert, wenn eine Seite bewusst die andere anlügt und ihr Wissen vorenthält.

Auf der einen Seite dieser Diskussion steht eine Führungsschicht, die so fromm ist, dass es fast an Fanatismus grenzt:

Da ist zum einem Ubertin von Casale ein Mystiker, der zum selben Orden wie William gehört und sich als verfolgter Ketzer im Kloster versteckt. Er hegt eine Abneigung gegen die Vernunft, Bücher und generell gegen die Wissenschaft, aber hat William sehr gerne. Ubertin glaubt, dass der wahre Glaube und das wahre Weltverständnis nur durch Herz und Gefühl wahrgenommen werden können. In diesem religiösen Gefühl ist er dann auch der erste, der die Morde im Kloster mit der Apokalypse in Verbindung bringt. Da er aber nichts damit zu tun hat, ist es weniger Verschleierung als einfach eine falsche Meinung. Er ist am ehesten ein Beispiel dafür, dass nur auf das eigene Gefühl zu vertrauen, auf eine wirklich falsche Fährte bringen kann.

Der Inquisitor Bernard Gui sieht hinter jeder Ecke einen Ketzer oder eine Hexe. Er hat früher mit William gearbeitet und mag ihn nicht, weil dieser eindeutig klüger ist als er. Sein Glaube hat weniger eine religiöse Komponente als eine fanatische. Er will immer Recht behalten. Dabei ist er das ausführende Machtorgan der Kirche, der mit dieser Einstellung unzählige Menschen erst durch Folter zum Geständnis zwingt bevor er sie verbrennen lässt. Der Inquisitor ist die Blüte einer Institution, die krampfhaft versucht, andere Meinungen und Zweifel zu unterdrücken und hinter jeder Ecke einen Teufel vermutet. Doch er ist nicht derjenige, der diese Dinge vorgedacht hat.

So kommen wir zum dritten Teil der Führungsschicht: Jorge von Burgo, der blinde Greis, der das Kloster beherrscht. Im Gegensatz zu Ubertin verabscheut er Bücher nicht. Er kennt sie. Im Gegensatz zum Inquisitor ist er klug genug, bestimmte Dinge zu durchschauen und abzuschätzen. Jorge ist der Teil der Gruppe, der es eigentlich besser weiß, aber bewusst Wissen verschleiert und es für sich behält. Dieses Handeln entstammt aber nicht seiner Gier nach Macht, sondern dem ernsthaften Glauben, dass zu viel Wissen schädlich für das einfache Gemüt der Frommen sei. Er verachtet das Wissen nicht, sondern fürchtet es. Es soll bewahrt werden, nicht vergrößert. Dass er Bücher (und Wissen) dennoch schätzt, zeigt, dass er es nicht über sich bringt die Bibliothek abzubrennen, bis er keine andere Wahl mehr hat. Das wird exemplarisch an der Frage des Lachens erörtert. Der große Aristoteles hat ein Buch über das Lachen geschrieben. Jorge ist davon überzeugt, dass das Lachen die Furcht vor dem Teufel zerstören würde und ohne diese Furcht wäre der Glaube an Gott nicht nötig. So bestreicht er das Buch mit Gift und versteckt es. Als es William in die Hände zu fallen droht, verbrennt er es.

Vor allem die beiden letzteren sind ein Zeichen, dass die Kirche auf Dunkelheit, Schrecken und Nichtwissen erbaut ist. Nur im Gegensatz zu Teufeln, Hexen, Dämonen und Hölle kann die Kirche und Gott strahlend leuchten. Wissen (und Lachen) führt diese Vorstellung jedoch vor und vertreibt dadurch Furcht und Glauben.

Glauben innerhalb der Regeln der Vernunft

Dagegen steht der Franziskanermönch William von Baskerville. Ein Mann der Vernunft, der eher an seine eigene Einsicht glaubt als an irgendwelche mystischen Eingebungen. Dabei geht er so weit, dass ihm vorgeworfen wird, dass er eher an seinen eigenen Kopf glaubt als an Gott. In der Bibliothek als ihn sein Schüler fragt, warum die ganzen Bücher eingeschlossen werden, meint er, dass es zu viele Bücher gibt, die Gotteswort widersprechen (widerlegen) und, dass das Zweifel in den Glaubenden hervorrufen würde. Und wo es Zweifel gibt, kann es keinen Glauben geben. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er an dieser Stelle, die Meinung der religiösen Führungsschicht oder seine eigene Meinung wiedergegeben hat. Wenn es seine eigene Meinung war, wäre das schon ziemlich traurig. Dann wären William und die drei anderen nur zwei Seiten einer Medaille. Während die einen in ihren religiösen Wahn verfallen, würde der andere sich von Gott abwenden und nur noch der Vernunft folgen. Es wäre wieder die typische „Entweder – Oder“ Situation, die beiden Seiten nicht gerecht werden würde. Aber zum Glück ist nicht das einzige was William zum Thema Glauben sagt. Er verteidigt das Lachen als speziell zum Menschen gehörig. Er sieht offensichtlich die Natur als Gottes Werk an und sieht die Aufgabe der Menschen darin, sie zu erforschen und dadurch Gott zu preisen.

Gott als Handlungsträger

Doch der Film hat dem Buch noch in einer anderen entscheidenden Sache die Zähne gezogen. Denn er lässt Gott handeln. In der Mitte des Films wird eine namenlose Frau, die mit dem Novizen Adson geschlafen hat, der Hexerei angeklagt. Adson, der sehr in sie verliebt ist, betet daraufhin zur Heiligen Mutter Maria, dass diese Frau doch verschont bleiben möge. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit – und allen Aussagen Williams – wird sie am Ende gerettet. Denn gerade als ihr Scheiterhaufen angesteckt werden soll, setzt Jorge die Bibliothek in Brand und sämtliche Mitglieder der Inquisition sind so abgelenkt, dass die Frau befreit werden kann. Im Schutt der Abtei kann ein neues Leben beginnen. Durch diesen Kunstgriff bekommt der Film eine andere Realität. William und Jorge haben ihre Frontstellung. William, der Gott in der Vernunft und den Gesetzen der Natur sieht und Jorge, der Gott in dem mystischen Schrecken hineinlegen will. Doch Gott handelt tatsächlich immer noch in ganz unerwarteter Weise. Diejenigen, die den dunklen gewaltigen Gott propagieren, sterben. Adson, der in einer Weise für die Zuschauerschaft steht, folgt hingegen William von Baskerville und lernt von ihm. Aber mit der Einschränkung, dass dieser manchmal etwas zu arrogant sein kann und zu sehr auf seinen eigenen Verstand vertraut.

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2 Kommentare anzeigen

  1. Opa Joachim

    Über Deine Filmkritik muß ich nachdenken zumal ich keinen Drucker habe um alles mit Geduld zu lesen. Der erste Eindruck:
    Elisabeth ist ein kluges Mädchen. Tschüss Opa Jo

  2. Opa Joachim

    Noch einmal alles gelesen: Mich würde interessieren, wo Du Deine eigene Meinung formulierst. Ich habe das Buch vor sehr langer Zeit schon gelesen. Heute habe ich nur noch eine allgemeine Erinnerung. Frage: Ist das Deine Meinung, daß Kirche und Gott nur im Gegensatz zu Teufeln, Hexen, Dämonen und Hölle strahlend leuchten? Ich denke nicht! Aber die Kirche hat in ihrer Geschichte diesen Hintergrund hier und da benutzt. Das bringt mich aber auf eine Unterscheidung: Zwischen Gott und Kirche stehen unsere Irrtümer und Rechthabereien.
    Der Gedanke, daß das Lachen die Furcht vor dem Teufel zerstört, ist mir gut nachvollziehbar. Überhaupt: Das Lachen ist die stärkste Waffe des armen Menschen. Tyrannen und Despoten aller Schattierungen fürchten nichts mehr wie ausgelacht zu werden. Ich habe da eigene Erfahrungen. Adieu Opa

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