Moment mal: „Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden“
Demonstration von Tierschützern in Berlin. Foto: Christopher Hertwig

Wenn es ein biblisches Gebot gibt, das ein großer Teil der Menschheit heutzutage intensiv befolgt, so ist es dieses: Es erging nach der Sintflut an Noah (1. Mose 9,2). Gott spricht weiter: „Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ Und so baut der Mensch neben Kartoffeln, Getreide, Zucchini und Bananen auch Rinder, Schweine und Hühner an, um sich davon zu ernähren.

Um eines vorweg zu nehmen: Ich bin kein Veganer und nicht einmal Vegetarier. Jedoch hat mein Fleischkonsum in den letzten Jahren stetig abgenommen. Ich schätze, dass ich inzwischen nur noch ein Zwanzigstel der Durchschnittsmenge an Fleisch konsumiere, die ein Deutscher jährlich verspeist. Diese liegt derzeit bei etwa 60 Kg – das sind etwa 1,2 Kg Fleisch in der Woche oder 160g Fleisch am Tag. Diese Durchschnittsmenge lag in den letzten Jahren meist noch höher.

Vom Tier zum Fleisch

Viele kennen vielleicht noch aus dem Schulunterricht jene Filme über industrielle Tierhaltung und –schlachtung, in denen am laufenden Band Hühner, an den Füßen aufgehängt, mit CO2 betäubt, aber noch zappelnd zu einem elektrifizierten Wasserbad transportiert und mit dem Kopf hineingetaucht werden, woraufhin das Zappeln aufhört. Danach wird ihnen mit einem rotierenden Messer der Kopf abgetrennt. Man weiß, dass die meisten dieser zerrupften Hühner keine 40 Tage alt sind und dass sie in ihrem kurzen Leben nie Tageslicht gesehen haben, weil das die überzüchteten Tiere zu sehr stressen würde. Wem das neu ist, der kann sich hier im Spiegel oder auch bei Youtube informieren. Rindern und Schweinen geht es in der Fleischproduktion kaum besser.

Obwohl die meisten Menschen in Deutschland über die schlechten Bedingungen in der Tierhaltung Bescheid wissen, zieht kaum jemand daraus Konsequenzen. Zwar nimmt der Anteil an sich fleischlos ernährenden Menschen in Deutschland zu, bewegt sich aber im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Mich haben diese drastischen Bilder aus der Tierhaltung lange nur zu einem resignierten Seufzen veranlasst.

Wen streicheln, wen essen?

Demonstration von Tierschützern in Berlin. Foto: Christopher Hertwig

Demonstration von Tierschützern in Berlin. Foto: Christopher Hertwig

Als ich aber im Juli wie ein Steak auf dem Grill im Kuhkostüm auf dem glühenden Asphalt vor dem Brandenburger Tor lag – meine vegetarische Freundin hatte mich zur Veggie-Parade mitgenommen – nutzte ich die Zeit, um über das Motto der Parade nachzudenken. Es lautete: „Wen streicheln? Wen essen?“ Neben dem Motto befand sich auf den Plakaten ein Bild von einem süßen rosa Ferkel und einem niedlichen kleinen Hund. Aus mehreren Reportagen wusste ich durchaus, dass Schweine, Rinder und Hühner nicht weniger Persönlichkeit und Schmerzempfinden haben als die Katzen, Kaninchen und Meerschweine, mit denen als Haustiere ich aufgewachsen bin und die mir auf eine gewisse Weise Freunde waren. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, meine Haustiere essen zu wollen oder auch nur unter Qualen zu halten. Es war mir bisher nicht gelungen, solche Gefühle für das gemischte Hackfleisch in meiner Boulette zu empfinden. Dabei unterschied sich das Hackfleisch von meinen Haustieren doch nur darin, dass ich es nie in lebendigem Zustand näher kennengelernt hatte. Ich begann, mich zu fragen, warum ich überhaupt noch Fleisch und tierische Produkte essen sollte, obwohl mich doch mein Gewissen dabei anklagt. Kleinlaut musste ich mir mit meinem in der Hitze geschmolzenen Verstand eingestehen, dass ich keinen objektiven Grund dafür finden konnte, wenn man mal vom wirklich leckeren Geschmack gut zubereiteter Fleischprodukte absieht.

Gleichzeitig bemerkte ich, dass sich meine Perspektive gewandelt hatte. Ich fragte nicht mehr: „Warum sollte ich kein Fleisch essen?“, sondern: „Warum sollte ich überhaupt Fleisch essen?“ Vielleicht lag es an der Situation, dass ich mit hundert als Schweinen und Rindern verkleideten Menschen vorm Brandenburger Tor lag; vielleicht auch daran, dass ich seit einem Jahr mit einer Vegetarierin zusammenlebe; oder vielleicht auch daran, dass sich vor ein paar Monaten Freunde von mir, von denen ich das nie erwartet hatte, entschlossen haben, fleischlos zu leben, dass sich mir solche Gedanken ins Bewusstsein gedrängt hatten.

Ich glaube, ich würde mich nie als Vegetarier bezeichnen. Bei dem Begriff denke ich an Menschen, die aus Prinzip kein Fleisch essen, aber von Prinzipiendenken habe ich noch nie viel gehalten. Wenn ich auf Fleisch verzichte, dann deshalb, weil ich den Konsum kaum verantworten könnte, ohne mein Gewissen zu belügen oder zu belasten. Vielleicht höre ich also einfach nur irgendwann auf, Fleisch zu essen …

Ich hoffe, dass durch den wahlkampfträchtigen Vorschlag von Frau Künast, einen Veggie-Tag in Kantinen einzuführen, die gesellschaftliche Debatte über Fleischkonsum und Nutztierhaltung wieder stärker in die Gänge kommt. Auch die EKD könnte sich dazu nach 22 Jahren mal wieder dazu zu Wort melden.

Was denkt ihr? Weshalb esst ihr Fleisch oder weshalb verzichtet ihr auf Fleisch? Ist das für euch überhaupt ein Thema? Wie müsste eine christliche Tierethik beschaffen sein und kann es so etwas überhaupt geben?

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2 Kommentare anzeigen

  1. Ich versuche auch, meinen Fleischkonsum einzuschränken. Bei uns zuhause kommt nur noch selten Fleisch auf den Tisch, wenn, dann nur vom Metzger aus eigener Schlachtung. Lasagne & Spagetti Bolognese gibts bei uns z.B. nur noch mit Soja-Granulat statt mit Fleisch – man vermisst da nichts. Schmeckt genausogut (und man merkt nicht mal dass es vegetarisch ist, wenn man es dem Esser nicht vorher mitteilt – haben wir getestetet!). Auch ein guter Fleisch-Ersatz: Seitan. Richtig gewürzt auch von Fleisch nicht zu unterscheiden, und ohne die Gummi-Konsistenz von Tofu. Seit wir selbst so Zeugs kochen, zieht bei mir das „Fleisch schmeckt aber so gut“ – Argument auch nicht mehr, es ist nämlich alles eine Frage der Würzung. Leider zieht es mich v.a. unterwegs immer wieder zu fleischhaltigen Imbissen, meist aus Mangel an vernünftig Vegetarischem. Ich bin also alles andere als konsequent.

    Deinem Wunsch nach einer Einmischung der EKD stimme ich zu. gerade als Christen sollten wir immer wieder vehement auf die Verantwortung hinweisen, die wir für die Schöpfung haben. Und dazu gehört auch, vernünftig mit „Nutztieren“ umzugehen. Und ich glaube, wenn es sich alle Menschen zur Aufgabe machen, bewusster Fleisch zu essen und vor allem die Fleischpreise mal wirklich widerspiegeln würden, was es wert ist (da sag‘ ich nur: 1 Huhn für 2,50 bei Kaufland; Schweinefleisch: kg-Preis: 2,99…), wären wir schon ein gutes Stück weiter. Fleisch muss teurer werden. Gestern, als wir vor einem Dönerladen standen und der vegetarische Döner teurer war als der normale, wurde uns das wieder einmal bewusst…

  2. CorinnaCorinna Sperlich

    Genau aus dem Grund war ich zwei Jahre Vegetarierin. Dann lernte ich meinen nun Ehemann kennen, dessen Vater Koch in einer Fleischerei ist…^^
    Wenn ich an meine Vegi-Zeit zurück denke, fällt mir immer als erstes meine Verzweiflung ein: mein Verzicht ändet ja doch nichts an der Vergewaltigung von Gottes Schöpfung! Alles, was es mir eingebracht hat, waren traurige Gesichter von den lieben kochenden Menschen, deren durchaus lecker zubereitete Fleischspeisen ich dann verschmähte…

    Trotzdem denke ich, dass es gut ist, wenn man bewusst einkauft und bewusst genießt. Wenigstens das eigene Gewissen kann so besänftigt werden, dass es an der allgemeinen Situation nichts ändert… ist ja erst einmal zweitens. :-/

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