„Die Familie muss immer zusammenhalten“ – ein Kommentar zur EKD-Orientierungshilfe

Ein Kommentar zur EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ vom 20.06.2013 und zu seiner Kritik.

Von einem „revolutionären Kurswechsel der evangelischen Kirche“ hinsichtlich Familie schreiben die einen, von einer „Selbstsäkularisierung“ und einer „Kapitulation vor dem Wertewandel“ schreiben die anderen. Debatten über die „zulässigen Formen“ von Familien sind üblicherweise emotional sehr geladen und hitzig. So entzündet die Orientierungshilfe der EKD gerade ein recht beachtliches Feuer. Die Positionen in dem Papier gingen selbst konservativ-liberalen Kreisen zu weit und seien gar ein Symptom für die Rückentwicklung der evangelischen Kirche, schreibt Reinhard Bingener in der FAZ. Auch die katholischen Geschwister reagierten auf die Orientierungshilfe verunsichert: Kardinal Lehmann sieht in der Veröffentlichung eine „hohe Gefahr für ein tieferes Miteinander“. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Stellungnahmen und Meinungsäußerungen aus verschiedenen kirchlichen Kreisen. Irgendwo dazwischen rudert derweil Nikolaus Schneider und versucht, sehr diplomatisch und besonnen Schaden zu begrenzen und dabei die Orientierungshilfe konsequent zu verteidigen.

Dabei konzentriert sich die Debatte nur auf relativ wenige der 148 Artikel, vor allem im zentralen und längsten Abschnitt über eine theologische Orientierung. Die strittigen Punkte befassen sich vor allem mit der Ehe zwischen Mann und Frau und anderen Formen partnerschaftlichen Zusammenlebens. Natürlich kratzen Stellungnahmen dazu auch an der Frage, wie das Verhältnis der Institution Kirche zu den Menschen gestaltet sein soll.

Ein neues Bild von Ehe?

EKD Familienpapier

Titelblatt der EKD-Orientierungshilfe

In der Orientierungshilfe wird die äußere Form des Zusammenlebens in den Hintergrund gestellt und moralisch nicht bewertet. Es ist also keine moralisch entscheidende Frage, ob nun Männlein und Weiblein, Männlein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Transgender und Transgender… in einer Partnerschaft zusammenleben, sondern wie diese Partnerschaft gestaltet wird – z.B. ob sie auf gegenseitiger Treue und Verbindlichkeit beruht. Ein entscheidender Satz findet sich dabei in Art. 51: „Es zählt zu den Stärken des evangelischen Menschenbilds [sc. der heutigen Zeit, Anm. d. Autors], dass es Menschen nicht auf biologische Merkmale reduziert, sondern ihre Identität und ihr Miteinander in vielfältiger Weise beschreibt.“ Aufgrund dieser Voraussetzung wäre es nur konsequent, auch den Begriff von Ehe von der biologischen Beschränkung auf die Verbindung von Mann und Frau zu lösen. Diesen Schritt wagen die Autoren der Schrift aber anscheinend nicht.

Was bezeichnet der Begriff „Ehe“ überhaupt? Es scheint, dass dieser Begriff überaus schillernd ist, was sich auch in dem historischen Abriss im Abschnitt „Familie und Ehe im Wandel“ wiederspiegelt. Im Folgenden legt sich die Orientierungshilfe auf keinen der dort gebotenen Begriffe fest, sondern übernimmt inhaltlich nur einzelne Aspekte, vor allem die Verlässlichkeit und die Verbindlichkeit. Sie behält die Bezeichnung „Ehe“ für die institutionalisierte Partnerschaft zwischen Mann und Frau bei. Gleichzeitig beschreibt sie aber die institutionalisierte Partnerschaft zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern mit sehr ähnlichen Begriffen wie die Ehe! Deutlich wird das im Artikel 55: „Im Wandel der Lebensformen, der auch die Stärke von Familie ausmacht, bleiben die wechselseitigen Bindungen, die Familie konstituieren, auf gesellschaftliche und institutionelle Stützung angewiesen. Hier bieten neben Ehe und Elternschaft heute auch eingetragene Partnerschaften einen rechtlichen Anknüpfungspunkt. Wo sich Menschen in den ihre Beziehungen entscheidenden Lebenssituationen unter den Segen Gottes stellen wollen, sollte sich die Kirche deshalb auch aus theologischen Gründen nicht verweigern (…).“ Ein bemerkenswerter Satz, zumal sonst mit betont wird: „Deswegen versteht die Reformation die Ehe als ,weltlich Ding‘; sie ist kein Sakrament, sondern eine Gemeinschaft, die unter dem Segen Gottes steht.“ (Vorwort zu Abschnitt 5, auch Art. 48). Unterscheidet sich eine gesegnete gleichgeschlechtliche Partnerschaft von einer Ehe gemäß dieser Orientierungshilfe aus theologischer Sicht also nur noch in dem biologischen Geschlecht der beiden Partner? Ja, so scheint es mir! Damit entspricht die Orientierungshilfe auch der kürzlich in der EKHN eingeführten Praxis, die kirchliche Trauung mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare liturgisch anzugleichen.

Die Ehe als Institution

Der Bischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg, Frank Otfried July, kritisiert bei aller Hochschätzung(!) der Orientierungshilfe, dass dieser Begriff von Ehe und Familie dadurch „unkonkret“ würde (hier im Interview). Auch würde der Institutscharakter der Ehe dort geschwächt und auf die personale Beziehung verlagert. Mein Eindruck ist ein anderer: In Artikel 55 wird ausdrücklich auf die Wichtigkeit institutioneller Unterstützung für alle Partnerschaften hingewiesen. Es wird zwar die personale Beziehung und die Verantwortung zweier Menschen füreinander in einer Ehe stark hervorgehoben, aber niemand wird leugnen wollen, dass diese personale Beziehung ein äußerst wichtiger Aspekt für eine erfüllte Ehe ist. Gleichzeitig muss man eingestehen – und auch das geschieht in der Orientierungshilfe –, dass eine verantwortungsvolle personale Beziehung natürlich auch außerhalb einer Ehe möglich ist. So wird impliziert, dass die Institution der Ehe nicht die Partnerschaft tragen kann. July argumentiert dagegen, die Institution der Ehe würde die Partner von einem personalen Druck gerade befreien. Aber was das genau bedeuten soll, sagt er nicht. Ich denke, in der Orientierungshilfe wird nicht der Institutscharakter der Ehe geschwächt, sondern er wird von einem traditionell gewachsenen, aber nicht objektiv nachvollziehbaren Verständnis gelöst.

Die Institution der Ehe erscheint somit nur noch als der Versuch, menschliches Zusammenleben zu strukturieren und zu organisieren. Mit der standesamtlichen Eheschließung sind viele Rechte und Pflichten verbunden, wodurch zwischen den Ehepartnern also nicht mehr nur eine enge emotionale Beziehung besteht, sondern auch juristische Verbindlichkeit, die vorherige juristische Verbindlichkeiten ablöst und ändert. Die Ehe wird auf eine ganz praktische Funktion beschränkt. Man wird gezwungen zu erkennen, dass alles, was man darüber hinaus in das staatliche Institut der Ehe hineindenkt, von einem selbst daran herangetragen wird – auch wenn es viele geben mag, die diese Ansicht teilen. Doch ein Konsens muss nicht unbedingt auf Objektivität beruhen. Die Orientierungshilfe wird hier zur Desillusionierungshilfe.

Das Kreuz mit der Schrift

Man muss nicht Theologie studieren, um zu wissen, dass sich in der Bibel einige Aussagen finden, die sich alles andere als positiv über bestimmte Formen des gleichgeschlechtlichen Zusammenseins äußern. In der Orientierungshilfe selbst finden verständlicherweise keine exegetischen Diskussionen dazu statt. Mehr noch: Sie erhebt sich in Art. 51 über den Versuch, dieses Problem exegetisch lösen zu wollen! Stattdessen legt sie – ebenfalls biblisch begründet – eine Perspektive fest, von der aus die einschlägigen Bibelstellen gelesen und verstanden werden müssen, sodass ein freierer Umgang mit dem Wortlaut möglich wird. Zugegeben, das ist ein häufiges Vorgehen, das bei problematischen Versen in der Bibel angewandt und oft kritisiert wird, da es angeblich Beliebigkeit ermögliche. Die Kritik ist freilich populistisch und kaum tragbar: Jeder Mensch liest einen Text aus einer bestimmten Perspektive. Wer die entsprechenden biblischen Texte als Begründung nimmt, Homosexualität u.a. als etwas Schlechtes zu betrachten, nimmt damit eine Perspektive auf die Bibel ein, die nicht durch die Bibel selbst begründet wäre und widerspricht so der Heiligen Schrift! Beliebigkeit ist durch dieses Vorgehen keinesfalls gegeben, da man an die am Wortlaut festzumachende Perspektive von Gottes Offenbarung gebunden ist.

Ein Stich ins Wespennest?

Je länger eine Tradition andauert, desto größer und übermächtiger wird sie. Jedes Jahr, das die Tradition besteht, schlägt sie mit einem sanktionierenden Nagel fester an die Wand des „allgemein Gültigen“. Durch die Orientierungshilfe wird eine sehr alte Tradition grundsätzlich hinterfragt und relativiert, d.h. in ihre Zusammenhänge eingeordnet. So etwas ist freilich immer ein Stich ins Wespennest. Ich bin froh, dass diese Debatte (erneut) angestoßen wurde, diesmal auf einem hohen Niveau von höchsten Stellen der EKD aus. Der Text ist in manchen Punkten noch vorsichtig und bemüht sich um Diplomatie, doch er schlägt das Steuerrad deutlich in eine richtige Richtung. Ich hoffe, dass ein reflektiertes und sachgemäßes Verständnis von Partnerschaft und Familie, wie es hier schon in weiten Teilen vorhanden ist, die Grundlage für alle weiteren theologischen und gesellschaftlichen Diskussionen über dieses Thema wird.

Ich würde mir darüber hinaus wünschen, dass weniger vulgärtheologische Grabenkämpfe um Rechtgläubigkeit und Schriftprinzip sowie Institutscharakter der Ehe die öffentliche Debatte um die Orientierungshilfe bestimmen würden als vielmehr die vielen guten Anregungen und Vorschläge zu konkretem kirchlichen, gesellschaftlichen und politischen Handeln, die darin gegeben werden.

Zum Weiterdenken …

Eine Frage bleibt noch ungeklärt: Welches (moralische) Recht, nach einem zeitgemäßen Rechtsverständnis, haben Institutionen wie Staat und Kirchen überhaupt, auf Grund von nicht objektiv nachvollziehbaren Gegebenheiten und Traditionen sowie unklaren und emotional überfrachteten Prämissen, positiv oder negativ diskriminierend in das private Leben der Menschen einzugreifen? Oder einfacher: Warum ist die eingetragene Lebenspartnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare rechtlich nicht gleichgesetzt mit der Ehe von Mann und Frau? Nach der Orientierungshilfe gäbe es dafür ja keinen Grund. Und noch darüber hinaus gehend zum Weiterdenken: Was ist mit Liebesbeziehungen zwischen Geschwistern? Was ist mit institutionalisierten Liebesbeziehungen von mehr als zwei Personen? Gibt es wirklich objektive Gründe?

Noch ein Schmankerl zum Schluss

Erfreulicherweise sind in Art. 127 Positionen eingeflossen, die auch der SETh vor einigen Jahren erarbeitet hatte: „Wenn es um Konflikte geht, dürfen aber auch die Menschen nicht vergessen werden, die bei der Kirche selbst arbeiten oder in ihr Ämter übernehmen. An ihre Lebensführung, ihr Ehe- und Familienleben werden Anforderungen gestellt, die sie bisweilen als einengend oder gar unvereinbar mit ihren eigenen Lebenskonzepten erleben. Pfarrhäuser sind nach wie vor zentrale Orte und Anlaufstellen in der Gemeinde. Zugleich aber zeigt sich im Leben von Pfarrerinnen und Pfarrern und ihren Familiensituationen der gesellschaftliche Wandel. Die Emotionalität früherer Debatten um geschiedene Paare und Patchworkfamilien im Pfarrhaus, aber auch die Heftigkeit heutiger Diskussionen um homosexuelle Lebenspartnerschaften und bi-religiöse Ehen macht deutlich, dass Pfarrhäuser nach wie vor als symbolische Orte für die Veränderungen im Leben der Gemeinde wahrgenommen werden und dass an den Lebensstil von Pfarrerinnen und Pfarrern besondere Erwartungen gerichtet sind. Neue Lebensformen im Pfarrhaus können den Blick dafür öffnen, dass in vielen unterschiedlichen Formen Leben gelingen kann, wenn es verantwortlich, verbindlich und verlässlich gestaltet wird.“

EKD-Orientierungshilfen …

… sind keine normativen Fixierungen einer einzigen wahren evangelischen Lehre, wie sie in Deutschland zu gelten hat. Stets wollen sie Anstoß zu gesellschaftlichen Debatten sein, keineswegs unstrittig, aber dennoch eine qualifizierte und differenzierte Auseinandersetzung mit einem Thema bieten. Diese soll einen Einstieg ermöglichen, der freilich nicht von der persönlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema entbinden kann. Eine Orientierungshilfe ist dabei keine „Denkschrift“, die einen synodalen Konsens der EKD widerspiegeln würde.

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Ein Kommentar

  1. Reinhard Hopp

    Als ich mich durch den gesamten Text der „Orientierungshilfe“ hindurchgekämpft hatte, fand ich am bemerkenswertesten, wie viele Texte der Bibel, die grundlegend und maßgebend über Ehe reden, überhaupt nicht erwähnt oder gar betrachtet wurden:
    alle Texte aus den Briefen (vielleicht ist Paulus grundsätzlich nicht zitierfähig??) und vor allem Gen. 2, 18 – 25 und Jesu Bezugnahme darauf fehlen. Das lässt eigentlich nur einen Schluss zu.

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